Kollegen müssen bluten

Nach Alno-Übernahme: Weniger Lohn und kein Tarif
Von Manfred Dietenberger
|    Ausgabe vom 12. Januar 2018

Der Küchenhersteller Alno hat seit seinem Börsengang 1995 fast durchgängig Verluste gemacht und sich durch einen Standortsicherungsvertrag und ständig weitere Zugeständnisse der Belegschaft lange vor der immer wieder neu drohenden Pleite gerettet. Durch den bundesdeutschen Blätterwald hallte dann der Nachruf. Auch die UZ, die das lange Sterben von Alno kritisch begleitet hatte, schrieb vom Aus.
Kurz bevor das staatliche Insolvenz­geld voll aufgebraucht war und das Unternehmen die Löhne wieder selber hätte bezahlen müssen, kam in höchster Not Hilfe in Form eines Massekredits in Höhe von sechs Millionen Euro. Hinter dem Kreditgeber steckt die britische Investmentgesellschaft Riverrock, an der auch der bekannte Münchner Unternehmensberater Roland Berger und der ägyptische Milliardär Naguib Sawiris beteiligt sind. So schien Alno plötzlich noch einmal gerettet. Mit dem Geld konnten die Gehälter noch einige Zeit weiter bezahlt und die Pleite ein weiteres Mal hinausgeschoben werden. Alno liegt (schein-)tot am Boden, aber Riverrock und mit ihm große Teile der Belegschaft und die Region um den Standort Pfullendorf herum glauben an die Auferstehung.
Läuft alles nach Plan, gehen die Maschinen, Grundstücke sowie die Markenrechte für 20 Mio. Euro an Riverrock. Die restlichen Vermögensgegenstände werden vollends abgewickelt, sprich meistbietend verscherbelt. Der Kaufvertrag ist bereits unterschrieben, es müssen aber noch „einige zentrale Bedingungen“ erfüllt werden. Dazu zählt unter anderem die Zustimmung des Gläubigerausschusses und die Zusage der Bundesagentur für Arbeit, für eine Übergangsphase von sechs Monaten mit Kurzarbeitergeld die Beschäftigten über Wasser zu halten.
Hinzu kommt eine Transfergesellschaft, in die alle Mitarbeiter wechseln sollen, die nicht von der Neuen Alno übernommen werden. Gravierender sind die weiteren Forderungen des möglichen Käufers: Sofortiger Ausstieg aus der Tarifbindung und so weder Anspruch auf Tariflohn und tarifliche Lohnsteigerungen noch auf Urlaubs- oder Weihnachtsgeld, 15 Prozent weniger Gehalt sowie Ausweitung der wöchentlichen Arbeitszeit von 35 auf 40 Wochenstunden. Das bedeutet ein zusätzliches Minus von 15 Prozent bei Lohn- und Gehalt. Die IG Metall hat errechnet, dass ein Mitarbeiter, der bisher bei einer 35-Stunden-Woche 2800 Euro verdiente, dann – trotz fünf Arbeitsstunden Mehrarbeit pro Woche – auf weniger als 2400 Euro käme.
Die Mehrheit der Beschäftigten hat dem Übergang in die Neue Alno GmbH zugestimmt. Sie hatten nur bis zum 29. Dezember 2017 Zeit dazu. Von Reportern gefragt, was IG Metall und Betriebsrat zu diesem unerhörten Forderungspaket sagen, antwortete die bisherige Alno–Betriebsratsvorsitzende: „Es gab keine Gespräche mit der IG Metall. Eine Bedingung von Riverrock war eben diese Tarifungebundenheit und die neuen Arbeitsverträge, damit es überhaupt weitergehen kann. Da schlagen immer zwei Herzen in einer Brust. Sollen wir nein sagen, weil es mehr Arbeit und weniger Geld geben wird? Soll man nein sagen dazu, 410 Menschen wieder in Brot und Arbeit zu stellen? Wir bekommen eine Chance, wieder zu leben. Wenn das die Bedingungen sind, werde ich als Betriebsrat ja sagen.“
So bleibt, wer bis jetzt noch keine Alternative hat, diesem Riverrock-Diktat ausgeliefert oder landet in der noch zu gründenden Transfergesellschaft, in die alle Mitarbeiter wechseln sollen, die nicht von der Neuen Alno übernommen werden. Sind alle Punkte des Diktats erfüllt, wird die – noch zu gründende „Neue Alno GmbH“ – die Produktion und den Geschäftsbetrieb mit einer auf 410 (von zuletzt rund 570 Beschäftigten) geschrumpften Belegschaft wieder aufnehmen. So oder so: Für die Beschäftigten der Alno-Tochter Wellmann bleibt es beim endgültigen Aus. Die auf das Billigsegment spezialisierte Alno-Tochter Pino aus Coswig (Sachsen-Anhalt) war schon Anfang Oktober an eine Investorengruppe um Marktführer Nobilia aus Ostwestfalen verkauft worden.


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Leserbrief zu »Kollegen müssen bluten«, UZ vom 12. Januar 2018





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