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Aufgewärmtes Heldenepos

Wrights „Dunkelste Stunde“ ist nicht die erhellendste der Kinogeschichte
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 26. Januar 2018
Filmbild: Churchill im „War Room“ unter Militärs und Politikern (Foto: Universal Film Studios)
Filmbild: Churchill im „War Room“ unter Militärs und Politikern (Foto: Universal Film Studios)

Der Held ist alt, stark übergewichtig und alkoholabhängig. Eine skurrile, schrullige Erscheinung, die eine zuweilen fast schüchtern-tapsige Unsicherheit mit cholerischer Rücksichtslosigkeit abwechseln lässt. Gary Oldmans Churchill ist, fast könnte man sagen, volksnah und zur Empathie fähig. In einer U-Bahn-Sequenz führt Volkes Stimme ihn, den unter der Last der Ereignisse an seinen Prinzipien Zweifelnden, auf den rechten Pfad der Heldentugenden zurück. Kristin Scott Thomas gibt eine in silbrigem Grau geadelte Clementine, die uns hin und wieder erklärt, warum ihr etwas gewöhnungsbedürftiger Ehemann von allen geliebt und verehrt wird und warum Britannien, nein, die freie Welt ihm unendlichen Dank schuldet.
Die Appeasement-Politik der konservativen Parteiführer Chamberlain (Ronald Pickup) und Halifax (Stephen Dillane) ist gescheitert. Die deutschen Panzerarmeen stehen davor, Westeuropa zu erobern. Hitler hat sich nicht beschwichtigen lassen. Chamberlain steht nach „München“ als Naivling da, der feige vor Hitler gebuckelt und den Faschisten die Tschechoslowakei zum Fraß vorgeworfen hat. Nun, vor den Trümmern seiner Appeasement-Politik, wird er zum Rücktritt gezwungen. Der Outsider Churchill wird zum Nachfolger ernannt. Er hält seine Blut-Schweiß-und Tränen-Rede, rüttelt das Volk auf und es gelingt das Unmögliche. Nach fünf Jahren Krieg ist der faschistische Aggressor besiegt. Die Standhaftigkeit der Briten unter ihrem sturen Kriegspremier hat Hitler in den Selbstmord getrieben. Freedom and Democracy haben über die Tyrannei gesiegt.
Regisseur Joe Wright, nicht gerade für die Bearbeitung historischer Stoffe berühmt, hat sich nicht lange mit der Erörterung komplexer Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs und speziell der Hintergründe der britischen Appeasement-Bemühungen aufgehalten. Sein Film, fokussiert auf das Milieu des engeren Machtzirkels, folgt dem üblichen Gut-Böse-Schema, das, wie ebenfalls üblich, um jene Kapitulanten erweitert ist, welche die tödliche Gefahr nicht sehen oder sehen wollen und die mangels ausreichendem Mumm in den Knochen einen Deal mit dem Satan auszuhandeln suchen: „Man kann nicht mit einem Tiger diskutieren mit dem Kopf in seinem Maul.“ Dieses sozialdarwinistische Schema lässt sich selbstredend leicht auf die heutigen Verhältnisse übertragen. Der aktuelle Hitler heißt bekanntermaßen Wladimir Putin und, genau, da sind auch die „Putinversteher“, die wieder die tödliche Gefahr für Europa und die freie Welt einfach nicht begreifen wollen. Beispielsweise. Interessanterweise kommt auch Franklin Delano Roosevelt bei Wright nicht gut weg. Churchill geht ihn während der deutschen Belagerung des britischen Expeditionskorps in Dünkirchen um Unterstützung an. FDR schlägt das Ansinnen wegen der US-amerikanischen Neutralitätsgesetze locker scherzend aus.
Die britische Heldengeschichte erfreute sich nach dem II. Weltkrieg großer Beliebtheit, wie sich die Westalliierten ja gern als die eigentlichen Befreier vom Faschismus feiern ließen. Nicht zuletzt aufgrund der ausladenden Memoiren des Kriegspremiers, der zum wirkungsvollen Geschichtsschreiber in eigener Sache wurde. Es kommt nicht so häufig vor, dass sich für die imperialistische Geostrategie auch ein reales humanes Element ausbeuten lässt. Ein humanes Element, das geeignet ist, den machtpolitischen Aspekt angenehm zu neutralisieren. Würde man Menschen beispielsweise aus Afrika oder Indien befragen, so könnte man erfahren, dass mit der britischen Armee und speziell mit Mr. Churchill dort nicht immer die angenehmsten Erinnerungen verbunden sind. Der Imperialist Churchill braucht sich mit seinem persönlichen Engagement in den brutalen Kolonialkriegen und seinem arrogant-verächtlichen Rassismus auch vor seinen deutschen Brüdern im Geiste kaum zu verstecken. Wrights U-Bahn-Sequenz ist an Absurdität kaum zu überbieten.
Schon der erste Weltkrieg hatte die Schwäche des Empire deutlich hervortreten lassen. „Noch solch ein Sieg gegen die Römer und wir sind verloren“, bemerkte Pyrrhos I. in einer ähnlichen Lage. Britannien hatte 750 000 Tote zu beklagen, drei Millionen Familien waren unmittelbar betroffen. Der wie immer kriegsbegeisterte Erste Lord der Admiralität, Winston Churchill, hatte sogar trotz deutlicher eigener Überlegenheit gegen die von ihm natürlich als minderwertig angesehenen osmanischen Kräfte bei Gallipoli eine katastrophale Niederlage kassieren müssen. Das hatte sein Renommee nachhaltig angeschlagen. Vor allem aber drohte das „Great Game“ um Asien verloren zu gehen, seit mit Japan, dem Deutschen Reich und der Sowjetunion neue potente Player auf dem Spielfeld erschienen waren. Dieser Herausforderung war das Empire erkennbar nicht gewachsen. „Britannia Rules the Waves“, Britannien herrscht über die Meere und ein Viertel der globalen Landmasse. Der „Ruhm“ von gestern. In einem neuen Krieg drohte alles verloren zu gehen. Chamberlain und Halifax waren sich dessen sehr wohl bewusst. Der brutale Haudrauf im (fiktiven) Bewusstsein gestriger Größe, Winston Churchill, nicht.
Im Prinzip gab es – im imperialen Interesse – zwei reale Optionen: Entweder einen Deal mit dem deutschen Faschismus bei substantiellen Zugeständnissen an seinen Expansionismus zu versuchen oder eine antifaschistische Allianz unter Einschluss der Sowjetunion zustande zu bringen. Letzteres war gewissermaßen indiskutabel. Die SU, da war sich die britische (und die US-amerikanische) Elite mit Hitler durchaus einig, hatte vom Erdboden zu verschwinden und durfte keinesfalls als gleichwertiger Bündnispartner aufgewertet werden. Diese Haltung wurde in Osteuropa, vor allem in Polen, weitgehend geteilt. Entsprechend erfolglos waren die Bündnisverhandlungen, falls man das so nennen will, verlaufen. (Und entsprechend reagierte Stalin am 24. August 1939 mit einem Nichtangriffspakt, der den bevorstehenden Angriff der Deutschen Wehrmacht diplomatisch hinausschieben sollte.)
Appeasement hatte im Wesentlichen zwei Zielstellungen. Zum einen den deutschen Expansionismus nach Osten abzulenken, zum zweiten durch Hitler der Sowjetunion den Garaus zu machen. Die Souveränität der osteuropäischen Staaten erschien in dieser Perspektive zweitrangig. Aber mit der Invasion Norwegens und Dänemarks (9. April 1940) und dem unmittelbar bevorstehenden Westfeldzug (10. Mai bis 25. Juni 1940) war Appeasement gescheitert. Die Existenz des Empire war unmittelbar bedroht. Chamberlain trat am 10. Mai 1940 zurück, schob Parteifreund Churchill ins Amt und ihm damit die Verantwortung für den absehbaren Untergang zu.
Churchill hatte bislang so ziemlich in allem und jedem danebengelegen und er war der richtige Mann, wenn es galt, eine aussichtslose Sache tatsächlich in den Sand zu setzen. Und genau das wäre passiert, wenn Britannien allein gegen die Wehrmacht gestanden und wenn die deutsche Führung die Invasion ernsthaft betrieben hätte. Aber auf Hitlers persönliches Betreiben hatte Guderians Panzerarmee kurz vor Dünkirchen stoppen müssen. Fast das gesamte Berufsheer Britanniens, 338 000 Mann, konnte durch Hitlers Intervention entkommen. Ein taktisches Manöver, das zusammen mit dem späteren Absprung des „Stellvertreters des Führers“, Rudolf Heß, über England (10. Mai 1941), in Moskau als das Offenhalten der Option auf einen Separatfrieden aufmerksam registriert wurde. Hitler hatte erkennbar kaum Interesse an einer ernsthaften Umsetzung der „Operation Seelöwe“ (Invasion Englands). Sie wäre gegen die starke Air Force und die überlegene Navy nicht gerade einfach gewesen, hätte erhebliche Kräfte gebunden und vor allem das Zeitfenster für einen Erfolg bei „Barbarossa“ geschlossen.
Die entscheidende Wende für Britannien trat dann mit dem 22. Juni 1941, mit dem Überfall auf die Sowjetunion, und mit dem 7. Dezember 1941, dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, ein. Damit waren rund 90 Prozent der deutschen Offensivkraft im Osten gebunden und die künftige Supermacht USA mit ihren enormen Ressourcen wurde zum operativen Verbündeten Britanniens. Am Ende waren es aber die Kämpfer der Roten Armee, das Opfer von fast 30 Millionen toter Sowjetbürger, welche Churchills Victory-Zeichen ironischerweise doch noch Realität werden ließen. Eine Realität allerdings, die eine recht nüchterne Nachkriegsprosa und den von Chamberlain und Halifax vorausgeahnten Untergang des Empire einschloss. Das einst so stolze British Empire war hoch verschuldet und zum Marshall-Plan-abhängigen Vasallen des neuen Imperiums geworden. Die Kronkolonie Indien erreichte 1947, nach einem Jahrhundert, ihre Unabhängigkeit. Die anderen folgten. Der Weltkriegsheld musste bei den Unterhauswahlen 1945 eine erdrutschartige Niederlage einstecken. Pyrrhos hatte Recht behalten.


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Leserbrief zu Artikel »Aufgewärmtes Heldenepos«, UZ vom 26. Januar 2018





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