Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 26. Januar 2018

Clever
Zur Geschäftsidee von Facebook und anderen gehört, die Nutzerdaten nicht nur abzugreifen, sondern die bereitwillig gelieferten Nachrichten via ausgefeilter Algorithmen für die weitere Verwertung zu bearbeiten bzw. weiterzuverkaufen. Die neueste Überlegung: In vielen Ländern sitzen Gesetzgeber und Behörden den Firmen im Nacken und verlangen, dass Hassmails und andere offensichtlich gefälschte Nachrichten zügig gelöscht werden. Bei uns heißt das „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“. Nun will das clevere Kerlchen Mark Zuckerberg, Gründer und Chef von Facebook, die Nutzer selbst dazu bringen, den gewünschten Job zu übernehmen. „Als Teil unserer laufenden Qualitätsüberprüfungen werden wir die Leute nun fragen, ob sie eine Nachrichtenquelle kennen – und wenn ja, ob sie ihr vertrauen“, erklärte Gründer und Chef Zuckerberg. In einem ersten Lösungsversuch arbeitete das Online-Netzwerk mit Medien-Organisationen zusammen, die zweifelhafte oder falsche Berichte mit Warnhinweisen versahen. Die Facebook-Gemeinschaft zu fragen sei aber die objektivere Lösung, schrieb Zuckerberg nun. Ist perfide, aber passt in die Gesamtstrategie der „sozialen Netzwerke“.
Treffend
„Es ist“, schreibt Dietmar Dath in der FAZ, „der unüberwindliche Fluch der deutschen Sozialdemokratie, dass sie Dummheiten, die Karl Marx bei ihr bereits gerügt hat, immer wieder begehen muss, zur Strafe dafür, dass sie den Tadel ignorierte, als Marx noch lebte. Auf ihre jüngsten Niederlagen im Herbst und Winter zum Beispiel reagiert sie mit Sigmar Gabriel und Martin Schulz. Gabriel redet als Bauern-, Arbeiter- und Arbeitslosenfänger neuerdings von Heimat, Leitkultur und patriotischer Umverteilung, komplementär dazu singt Schulz das Lied ‚Vereinigte Staaten von Europa so schnell wie möglich‘, um der trostlos erneuerten Koalition mit den Unionsparteien eine politische Idee mitzugeben, in deren Zeichen man ihm zutrauen könnte, Gutes zu bewirken … – wohl auch, weil ihm unbekannt ist, dass Marx in demselben Dokument, … nämlich der grandiosen ‚Kritik des Gothaer Programms‘ von 1875, alle derartigen Sprüche von Völkerverständigung und supranationaler Zusammenarbeit im Interesse der Marktverlierer als haltlose Faselei brandmarkt.“ Das war, obschon leicht gekürzt, ein ganz schön langer Satz – allerdings nicht annähernd so lang wie der, den Dath zitiert, um uns zu zeigen, wie Marx schreibt. Nochmal Dath: „Das ist nicht nur eine andere Art zu schreiben als die von Naomi Klein, Thomas Piketty oder dem Unsichtbaren Komitee für den Aufstand bei Facebook. Das ist eine andere Art, den Verstand zu benutzen.“
Dem mag man nichts hinzufügen und hätte sich gewünscht, mehr Delegierte der SPD am letzten Sonntag in Bonn wären dieser Erkenntnis gefolgt.
Fatal
Medienkunst fristet immer noch ein Nischendasein – sie ist selten in Kunstmuseen präsent, noch seltener wird sie archiviert. Digitale Kunst gibt es seit etwa 50 Jahren. Mittlerweile gibt es150 Festivals, die nur auf Medienkunst spezialisiert sind, es sind Tausende von Werken, die da entstanden sind und weltweit ausgestellt, aber nicht gespeichert worden sind. Die Kuratoren sind mit den neuen Kunstformen überfordert. Nur wenige Ausnahmen bestätigten diese Regel – wie etwa die Kulturinstitution ZKM, das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, das digitale Werke auf seiner Homepage verzeichnet hat. Die Museums- und Archivwelt war und ist nicht darauf vorbereitet. Wenn die „steuerfinanzierten Gedächtnisinstitutionen“ nicht aktiv werden, dann bekommen wir immer mehr einen Kulturbegriff, der von Monopolen wie Facebook, Google und anderen entwickelt, gesteuert und unterstützt wird.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 26. Januar 2018





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