Kein kurzer Feldzug

Türkische Aggressionen gegen Afrin gehen weiter
Von Manfred Ziegler
|    Ausgabe vom 2. Februar 2018
Seit Beginn der Angriffe auf Afrin gab es bundesweit Solidaritätsaktionen wie hier am vergangenen Samstag in Köln (Foto: redpicture)
Seit Beginn der Angriffe auf Afrin gab es bundesweit Solidaritätsaktionen wie hier am vergangenen Samstag in Köln (Foto: redpicture)

Die türkische Aggression gegen das kurdische Gebiet Afrin im Norden Syriens geht weiter. Syrische Medien sprachen am Sonntag von 86 getöteten Zivilisten und 200 Verletzten. Infrastruktur und Gebäude wurden beschädigt, der Verkehr kommt aufgrund der Angriffe zum Erliegen. Wie üblich sind die jeweils gemeldeten Verlustzahlen der gegnerischen und eigenen Truppen vollkommen widersprüchlich. Mit Sicherheit sind sie hoch.
Erdogans Anhänger unterstützen ihn in seinem Feldzug gegen die Kurden. Die Medien tun alles, um den Feldzug erfolgreich erscheinen zu lassen. Und Opposition darf es nicht geben. Die kemalistische Republikanische Volkspartei (CHP) unterstützt den Krieg. „Türkei an erster Stelle“ und „Wir unterstützen die Aktion“ sagt der Parteivorsitzende Kemal Kilicdaroglu. Soweit es überhaupt Stimmen gegen den Krieg gibt, werden sie unterdrückt. Dutzende Menschen, die sich in sozialen Medien gegen den Krieg aussprachen, wurden verhaftet.
Es sollte ein sehr kurzer Feldzug sein – doch im Moment sieht es nicht danach aus. Erdogan aber hat noch größere Ziele als Afrin. Manbidsch ist im Visier der türkischen Armee – obwohl dort Einheiten des NATO-Verbündeten USA stationiert sind. Und Erdogan fordert die USA sogar auf, ihre Truppen aus Manbidsch abzuziehen.
Medien wie die „New York Times“ beschworen noch beim Kampf um Raqqa in lyrischen Worten die Waffenbrüderschaft mit den Kurden, den „engsten Verbündeten der USA vor Ort“, die unterstützt von US-Artillerie und -luftwaffe den IS bekämpften. Heute fragen sie: „Wer sind die kurdischen Kämpfer – Verbündete oder Terroristen?“. Für die USA sind sie beides: die Türkei und die USA betrachten die PKK als terroristische Organisation – und die engen Verbindungen zwischen der PKK und den YPG sind kein Geheimnis.
Was Afrin betrifft, so sind die USA bemüht, sich zu distanzieren. General Kenneth F. McKenzie, ein Sprecher des Pentagon, erklärte gegenüber Medienvertretern: „Wir haben den Kurden in Afrin weder Ausrüstung geliefert, noch sie trainiert … Unsere Aufmerksamkeit richtet sich nur auf den Euphrat …“ Damit erhielt die Türkei freie Hand für ihre Aggression gegen Afrin.
Mehrmals gab es Medienberichte, die Verwaltung von Afrin hätte die syrische Regierung um Hilfe gebeten. In einer Klarstellung hieß es schließlich, die Verwaltung von Rojava habe nicht um die Unterstützung durch syrische Truppen gebeten, sondern um Anerkennung der „Demokratischen Föderation Nordsyrien“ – und um eine Flugverbotszone.
Militärstellungen bei Damaskus wurden von der US-amerikanischen und israelischen Luftwaffe bombardiert – ohne Folgen. Syrien wird jetzt nicht Krieg gegen die Türkei führen. Und die „Anerkennung der Demokratischen Föderation Nordsyrien“ kann allenfalls Teil einer politischen Lösung sein. So richtet sich die Aufmerksamkeit in Damaskus auf die Verhandlungen in Sotschi. Auch für diesen Kongress ist die Zusammenarbeit Russlands mit der Türkei unverzichtbar. Wie 1 600 andere Syrer sind Vertreter kurdischer Parteien zu diesem Treffen eingeladen, um über die Neugestaltung Syriens zu debattieren.
Die USA werden wegen Afrin keine Flugverbotszone gegen ihren NATO-Partner errichten und Erdogan wird sein Ziel, die YPG aus Afrin zu vertreiben, erreichen – wenn auch nicht in einem kurzen Feldzug.
Jenseits von Afrin werden die USA ihre Stützpunkte in Rojava nicht wegen Erdogan aufgeben. Und man darf das Bündnis zwischen USA und Kurden noch nicht abschreiben. Schließlich könnten die Kurden für die USA noch einmal nützlich sein: Um den Einfluss des Iran in Syrien zurückzudrängen.


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