Spannende Warnung vor dem Krieg

Zu Daniel Kehlmanns Roman „Tyll“
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 2. Februar 2018
Der Lothringer Zeichner Jacques Callot hielt die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges fest.
Der Lothringer Zeichner Jacques Callot hielt die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges fest.

Es ist ein fesselnder Roman, der manchmal zum Thriller, manchmal zum Kriminalroman wird, ohne darin zu verharren. Doch hat der Roman eine andere Ebene, die Leser anspricht, die in guter Literatur das Gedächtnis einer Nation sehen und ihr den Charakter eines Vermächtnisses zusprechen. Dabei erreicht der Roman Aktualität, einen literarischen Kanon nutzend. Das gilt für eine Handlung im Dreißigjährigen Krieg, die mit verschiedenen punktuellen Ausschnitten und Gruppen die Stofffülle bewältigt, Glauben und Aberglauben und rücksichtsloses Machtstreben beschreibt. Schreckliche Kriegsszenarien erscheinen als Reisebericht wie im Kapitel „Zusmarshausen“, Ziviles und Friedliches versinken in Gestank oder im Gemetzel – z. B. in der Schilderung eines Kriegslagers Gustav Adolfs von Schweden. Nichts Heroisches bleibt. Tyll Ulenspiegel, das ist Till Eulenspiegel, ist in allen Episoden zu finden, auch mit einigen seiner bekanntesten Eulenspiegeleien wie dem Seiltanz oder dem sprechenden Esel; aber aus dem Narren wird ein vernunftbegabter, unabhängig handelnder, teils rücksichtsloser Kommentator von Mord, Folter, Unmenschlichkeit und Massengemetzel.
Till Eulenspiegel, ursprünglich ein fahrender Handwerksgeselle aus dem 14. Jahrhundert, hat mit seiner mehrschichtigen biografischen Herkunft unterschiedliche Auftritte zu verschiedener Zeit gehabt – als ungebundener Schelm gegen die Beschränkung frühbürgerlicher Enge über den flämischen Volkshelden bei Charles de Coster – den Kehlmann in Tylls Kindheit ebenso nutzt wie Carlo Ginzburgs „Der Käse und die Würmer“ (1979) über einen Müller um 1600 – und Erich Kästners Nacherzählung bis zum Kampfflieger im Ersten Weltkrieg in Gerhart Hauptmanns Epos von 1927. Kehlmanns Tyll ist wiederum anders, er handelt im Dreißigjährigen Krieg als Tänzer und Komödiant, auch als Narr, der Zeit gewachsen durch seine brutale, manchmal fast bösartige Veranlagung, der Charakter des Dauernden begleitet ihn, zumal er sich für unsterblich erklärt und so lebt.
Nicht über ihn ist zu lachen, sondern er lacht über die missbrauchten Menschen, die auch seine Opfer sind. Das hat Ursachen: Der Roman beginnt zeitlos mit dem Satz „Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen.“ Um ihn fernzuhalten werden christliche und heidnische Götter und Heilige beschworen, doch die Gebete sind vergeblich, nur Tyll kommt. Der Ort geht im Krieg unter, der dabei als Dreißigjähriger Krieg erkennbar geworden ist, aber gleichzeitig zum Exempel für Krieg wird. Krieg wiederum ist Teil des „Chaos im Menschenleben“, das Kehlmann schon 2005 als das Thema seiner Bücher und seines Lebens bezeichnete.
Aus dem zu Beginn des Romans untergegangenen Ort stammt der vielstimmige Erzähler, ein Wir, das sich nicht damit abfindet, „nicht zu sein“, denn „die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichgültig“. Aus dieser Haltung heraus wird erzählt. Es ist ein Roman über die Bestialität des Krieges, es ist Warnliteratur im besten Sinne und dadurch aktuell. Es ist ein Gesellschaftsroman mit sozialer Intensität, in ihm agieren dominierend neben Tyll der sogenannte Winterkönig Friedrich V. von der Pfalz, der für den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges mitverantwortlich war, und der Jesuit und weltweise Universalgelehrte, vor allem aber Scharlatan Anasthasius Kircher, der die Wissenschaften mit Wundern und Erfindungen, Lügen und Betrug für die Macht der katholischen Kirche in Anspruch nimmt; heute wird er wegen der von ihm behaupteten Wunder und unglaublichen Erscheinungen wieder aktuell und gefährlich. Wie das Machtstreben des Winterkönigs für den Krieg, so waren die Täuschungen und Behauptungen Kirchers, stabilisiert durch Folter, für die Legitimation des Krieges verantwortlich.
Der Literatur- und Geschichtsinteressierte findet Bekanntes aus dem literarischen Kanon, mit dem sich dieser Roman in Beziehung setzt: Aus der heroischen Eröffnung von Rilkes „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ „Reiten, reiten, reiten“ ist ein schmerzhafter Vorgang geworden: „Sie ritten und ritten, und sie ritten und ritten immer noch“. An das Zitat aus Hölderlins Briefroman „Hyperion“ „So kam ich unter die Deutschen“ erinnert die Überlegung Kirchers, „wie viel Schmerzen es machte, unter Deutschen zu sein“ und bezieht sich auf deren unfreundliches Auftreten ihm gegenüber. In der trostlosen Einsamkeit, die dem Winterkönig bleibt, stellt der seinen letzten Begleitern, dem Koch und Tyll, die Frage „Wohin gehen wir?“ und der Koch antwortet „Nach Hause“. Die Frage des Heinrich von Ofterdingen in Novalis‘ gleichnamigem Roman bringt ihm Ruhe und Sicherheit, in Hermann Hesses „Die Morgenlandfahrt“ wird diese Frage in der Zeit „nach dem großen Kriege“ wiederholt, für den Winterkönig beginnt mit ihr sein Ende in Eis und Schnee. Das können Zufälle sein oder unbewusst verwendete Erinnerungen des Autors, aber alle Bezüge betreffen den Krieg: Hyperion kommt aus einem Krieg, der ihn ernüchtert hat, der Cornet lebt ein heroisches Soldatenleben und den zugehörigen, letztlich sinnlosen Tod – Rilkes Text wurde zum Sinnbild des soldatischen „Heldentodes“ – und auch in „Tyll“ ist es ein Krieg, der alles Heldische verloren hat. Tyll hat nur sein Überleben im Sinn.
Die Kriegsschilderungen beschreiben Töten und Gestank „nach Wunden und Geschwüren, nach Schweiß und nach allen Krankheiten, welche die Menschheit kannte“. Die historischen Gestalten werden aller pseudohistorischen Würde entäußert; sie sind ebenso schmutzig und brutal wie der Krieg. Statt des Ideals des protestantischen Retters Gustav Adolf erscheint ein „kleiner feister Mann“, der streng roch, ein „Fettwanst mit den Speiseresten im Bart“. Seine Armee besteht aus ausländischen Landsknechten, die kämpfen, um zu gewinnen, von hehren Zielen ist keine Rede. Geschachert wird wie bei Sondierungsgesprächen, nur nicht über Großes wie „Gott und die Sache des Glaubens“, sondern „Wenn ich sie (die Pfalz, R. B.) erobere, gehört sie mir.“, ohne Rücksicht auf den sozialen Zustand. Den gesamten Sinn des Dreißigjährigen Krieges bringt Gustav Adolf auf zwei Sätze: „Du hast mit hohem Einsatz gespielt, das ist gut, das mag ich. Dann hast du verloren, und nebenbei hast du diesen ganzen tollen Krieg ausgelöst.“ Das mutet in der geistigen Schlichtheit aktuell an, anwendbar auf die Gegenwart. Mit dem Maß der Aktualität steigt die Kriegsgefahr; ein Krieg aber bringt den Untergang, für die einfachen Menschen, für unbeteiligte Völker, für Landstriche.
Das entstandene Panorama des Krieges entstammt zwar einer konkreten historischen Situation, bietet aber das Muster für andere und warnt vor einem Krieg in der Gegenwart. Diese Thematisierung ist ähnlich der in Werken Christoph Heins. Beide Autoren haben in ihren zuletzt erschienenen Romanen Modelle von Zeiträumen entworfen, Hein in „Trutz“ das 20.Jahrhundert, in dem er am Einzelschicksal Prinzipien und Grundsätzliches bildhaft werden lässt und ein Jahrhundert des Krieges und der anhaltenden Verbrechen analysiert. Kehlmanns Roman „Tyll“ entwirft das Modell des Krieges, gewählt wurde der Dreißigjährige, hinter dem sich der achtzigjährige Krieg der Niederlande mit Spanien verbirgt, vermittelt wird die Struktur eines Krieges. Hein und Kehlmann lehnen sich an Grimmelshausen an: Heins Name „Trutz“ verweist auf Grimmelshausens „Trutz Simplex“ (1670), die Biografie der „Landstörzerin Courasche“; dieser Roman Grimmelshausens hat Kehlmann nach eigener Aussage „beeinflusst“. Eines dürfte zudem kein Zufall sein: Tyll schenkt der Königin von Böhmen, der Frau des Winterkönigs, „ein Bild … Eine weiße Leinwand“. Wer ehrlich, klug und gut ist, sieht vermeintlich Himmel, Schloss und Frau auf dem Bild, die anderen sehen nichts. Kaum einer am Hof des Winterkönigs entsprach den Vorgaben, aber keiner wollte zugeben, nichts zu sehen. So wird das Bild, das nicht vorhanden ist, zu einem Bild der Wahrheit, ähnlich wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Ein solches Bild ist bereits in Christoph Heins Roman „Frau Paula Trousseau“ (2007) vorhanden. Paula will die unberührte Fläche, das Weiß malen als Utopie der Vollkommenheit, die nicht zu erreichen ist, das Bild der „nicht gelebten Leben“ und der „verlorenen Möglichkeiten“, „eine Welt hinter der Welt“ (Hein). Ähnlich wirkt das Bild bei Kehlmann: Eine Vollkommenheit gibt es nicht, also ist nichts zu sehen, aber zu wünschen und zu erträumen. Die weißen Bilder der Autoren sind die mögliche Zukunft einer Menschheit, nicht gestaltbar, aber zu erahnen. Die Unfähigkeit, Utopien zu denken, ermöglicht Kriege und historische Verbrechen bis in die Gegenwart.
Schließlich gibt der Roman jenen Lesern Raum, die eine Erkenntnis suchen, denn er gehört zu jener Literatur, die um der in ihr aufgefangenen historischen Einsichten willen nicht nur Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen, sondern den denkenden Leser verlangen.
Die Sprache des Romans ist variationsreich und weist die lakonisch nüchterne Beschreibung von Gewalt und brutalen Vernichtungsorgien ebenso auf wie die fast hymnische Beschwörung eines erstrebenswerten Zustandes, der mit dem Krieg unvereinbar und Utopie ist, noch.
Es ist auch ein Roman zum Jubiläum an den Dreißigjährigen Krieg, der vor 400 Jahren begann. Nicht feiern will der Roman das Jubiläum, sondern vor Wiederholung warnen.


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