Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 2. Februar 2018

Drehbuch
Vor Verleihung des Deutschen Fernsehpreises vor wenigen Tagen forderten Drehbuchautoren bessere Arbeitsbedingungen: Wenn deutsche Sender mehr stark erzählte Serien wollten, müsse es ein Umdenken geben, erklärte Christian Lex vom Verband Deutscher Drehbuchautoren.Wer kreative Kräfte freisetzen will, sollte nicht nur die besten Bedingungen schaffen, sondern auch die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, wer hinter den Filmen und Serien steht, welche die Existenz unseres Mediums sichern. Oft werde gesagt, es gebe keine guten Autoren in Deutschland. „Ich kann es wirklich nicht mehr hören. Es gibt einfach zu wenig gute Bedingungen“, sagte Lex. Den Autoren geht es um mehr Zeit, mehr Geld und mehr Vertrauen bei der Entwicklung von Stoffen. Jedem Fernsehverantwortlichen muss angesichts der Erfolge der amerikanischen, britischen und skandinavischen Anbieter klar sein: Die Zukunft des Erzählens sind die Erzähler! Nur in Deutschland mit seiner großen TV-Industrie leistet man sich weiterhin den Luxus, Programm vielfach mehr zu verwalten als neu zu gestalten. Gerne zitiert wird Billy Wilder auf die Frage, was einen guten Film ausmache: Ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch.
Gedicht
Mit der Entscheidung der Alice-Salomon-Hochschule, das Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer an ihrer Fassade zu überstreichen, wird eine Ignoranz deutlich, die man nicht für möglich halten mag. Das Gedicht in deutscher Übersetzung aus dem Spanischen:
Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer
Der AstA stellte die Forderung, weil es sexistisch sei, die Hochschulleitung kam dem nach. Diesen Text so zu verstehen – es ist unschuldig-schön, jedes der wenigen Worte muss ernst genommen werden, die Wörter untereinander sind wie „Sterne eines Sternbildes“ – ist erschreckend. Kunst wie einen Sachtext zu lesen ist schon traurig genug. Dass sie aber dann auch noch die an sich wertschätzende männliche Bewunderung für Frauen als etwas Bedrohliches empfinden, dokumentiert auf erschreckende Weise, was für einen verkrampft-kruden Blick diese Studierenden auf die Welt haben. Dass Bettina Völter, die Prorektorin der Alice-Salomon-Hochschule, behauptet, Gomringer könne sich doch freuen, weil die Debatte seinem Gedicht zu einer „generationenübergreifenden Wirkung“ verholfen habe, ist eine bodenlose Unverschämtheit. Die Hochschule sollte sich deshalb umbenennen. In Hochschule für angewandte Ignoranz.
Theater
Die Ruhrfestspiele legen ihr Programm für 2018 vor, Start ist traditionell am 1. Mai. Der scheidende Intendant Frank Hoffmann erklärt das Motto „Heimat“ damit, dass Menschen fragen, wo sie sich zuhause und wo sie sich fremd fühlen. Was bleibt von der gerne gepflegten Kohlenpott-Romantik, wenn die letzte Zeche im Herbst 2018 geschlossen wird, was bedeutet es für die Festspiele, wenn von ihrem Gründungsmythos „Kunst für Kohle“ nur noch die Kunst bleibt? Das Programm mit vielen Produktionen deutscher und internationaler Theater versucht sich an diesen Fragen, es kann spannend werden. Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, Shakespeares „König Lear“ oder Brechts „Kaukasischer Kreidekreis“ können auch so interpretiert werden, dass diese Stücke und viele weitere Abende dem Motto und den Fragen nachgehen und Antworten versuchen.


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