Interview

„Man instrumentalisiert den Holocaust, um imperialistische Kriege zu rechtfertigen“

Markus Bernhardt im Gespräch mit Stephan Gehrig
|    Ausgabe vom 9. Februar 2018
Seit den Kreuzzügen gibt es Antisemitismus in Europa
Seit den Kreuzzügen gibt es Antisemitismus in Europa

Konferenz „Zur Zeit der Verleumder“ u. a. mit Moshe Zuckermann, Rolf Becker, Esther Bejarano, Moshé Machover, Ali Abunimah, Jackie Walker: 10. Februar in Berlin.

Das „Projekt Kritische Aufklärung“ will mit einer Konferenz unter dem Titel „Zur Zeit der Verleumder“ den Missbrauch des Antisemitismusvorwurfs ideologiekritisch unter die Lupe nehmen. UZ interviewte Stephan Gehrig, einen Sprecher des Zusammenschlusses.


UZ: Ihre Konferenz richtet sich gegen die „Instrumentalisierung von Juden, Judentum und der jüdischen Katastrophe“. Wer instrumentalisiert diese denn und warum?

Stephan Gehrig: Von neoliberalen und anderen Rechten, immer öfter aber auch von vermeintlichen Linken werden der Vorwurf des Antisemitismus oder die Erinnerung an die Shoah heute ins Feld geführt, um Kapitalismuskritiker zum Schweigen zu bringen oder Migranten an den Pranger zu stellen. Man instrumentalisiert den Holocaust, um imperialistische Kriege zu rechtfertigen oder unterstellt Judenfeindschaft, um z. B. Araber und Muslime zu stigmatisieren. Um tatsächliche Antisemitismus geht es also selten – der Vorwurf dient vor allem als Herrschaftsinstrument, mit dem man Widerstand und Kritiker niederhalten will.

UZ: Mit Verlaub, bagatellisieren Sie damit nicht antisemitische Bedrohung?

Stephan Gehrig: Nein. Antisemitismus ist eine reale Gefahr, und sie trifft auch unsere jüdischen Genossen. Wogegen wir uns richten, ist die Vernebelung des Antisemitismusbegriffs, mit der er inflationär verramscht und zum Instrument bürgerlicher Disziplinierung funktionalisiert wird. Beispiele gibt es genug: Nehmen Sie Karl Lagerfelds jüngste Äußerung über den angeblichen Antisemitismus der Flüchtlinge, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind – das ist knallharter Rassismus, getarnt als Sorge um Juden. Oder die Kampagne gegen Jeremy Corbyn in Großbritannien, dessen „antisemitische“ Unterstützung der Palästinenser man gerade dann entdeckte, als er die Labour Party auf einen linken Kurs bringen wollte. Auch zionismuskritische und antizionistische Juden werden mittlerweile angegriffen und verleumdet. In München wird der Schauspielerin Nirit Sommerfeld ein israelkritischer Vortrag mit der Begründung untersagt, er könne antisemitisch sein. Die Publizistin Jutta Ditfurth hat den israelischen Historiker und Marxisten Moshe Zuckermann als „antizionistischen Antisemiten“ zum Abschuss freigegeben, als er bei einer israelkritischen Konferenz in Frankfurt sprach. Spätestens da ist klar, dass es um ganz etwas anderes als um die Bekämpfung von Judenhass geht. Leider wird das auch von vielen Linken und ihren Medien nicht begriffen.

UZ: Wenn es nur vordergründig um die Verteidigung von Juden geht – worum dann?

Stephan Gehrig: Um die Delegitimation von Opposition. Es ist eine im Kern antimarxistische Kampagne. Vor allem Kriegsgegnern hält man regelmäßig vor, man müsse mit militärischen Mitteln ein „zweites Auschwitz“ verhindern. Linke und globalisierungskritische Proteste etwa gegen die G20 diffamiert man als antisemitisch, weil sie sich gegen Treffen von Kapitalisten und politischen Funktionseliten richten und man sie als Zusammenkünfte darstellt, die globale Ausbeutung organisieren – womit man übrigens selbst der falschen Identifikation von Juden und Kapitalismus aufsitzt. Und die regierungsoffizielle Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus wiederum soll jede Kritik der israelischen Regierungspolitik tabuisieren – man braucht Israel schließlich als geopolitischen Vorposten der NATO-Wertegemeinschaft und will keine deutschen Waffen-Deals gefährden. Es geht um die Durchsetzung transatlantischer deutscher Staatsräson, der Juden bedient man sich dabei nur als Schutzschild. Diese Agenda bringt Rechte aller Couleur zusammen.

UZ: Bei einer Kundgebung unter dem Motto „Berlin gegen Islamismus“ etwa demonstrierten jüngst Neokonservative, AfD-Mitglieder und sogenannte „Antideutsche“ zusammen u. a. für den Ausbau von Sicherheitsbehörden und die Ausweitung der „internationalen Kooperation mit ausländischen Polizei- und Geheimdienstbehörden“.

Stephan Gehrig: Die Verbindungen von transatlantischen Neokonservativen und völkischen Rechten aus Europa nehmen zu – der US-Neocon Daniel Pipes zum Beispiel unterhält beste Kontakte zu nationalistischen Rechten in Europa und unterstützt den Aufbau AfD-naher Vereine. Und bei Pro-Israel-Veranstaltungen gehen mitunter „Antideutsche“ mit Evangelikalen und anderen christlichen Rechten auf die Straße. Zusammen greifen sie dann Antiimperialisten und Palästina-Aktivisten an – manchmal sogar physisch.

UZ: Und Sie glauben, mit einer Konferenz kommen Sie dagegen an?

Stephan Gehrig: Es geht zuerst einmal darum, die Angriffe zu analysieren und die ideologische Matrix, die ihnen zugrunde liegt, auf den Begriff zu bringen. Wir werden Gegenstrategien diskutieren und wollen aussprechen, was hier eigentlich passiert. Dafür haben wir einige profilierte Redner gewinnen können. Natürlich ist die Auseinandersetzung dann nicht vorbei. Aber ich bin mir sicher, dass wir ein erstes, kraftvolles Zeichen setzen können.

Konferenz „Zur Zeit der Verleumder“ u. a. mit Moshe Zuckermann, Rolf Becker, Esther Bejarano, Moshé Machover, Ali Abunimah, Jackie Walker: 10. Februar in Berlin.


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