Brecht in Oberhausen

Vor 60 Jahren begann das Theater mit und um Brecht
Von Frank Schumacher
|    Ausgabe vom 9. Februar 2018

( Privat)

Bevor Brecht auf die Bühne des Stadttheaters kam, machte Oberhausen durch den jungen Hilmar Hoffmann Bekanntschaft mit Brecht-Texten. Bereits 1951 begann eine Folge von szenischen Lesungen in der Volkshochschule, darunter „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ oder auch „Trommeln in der Nacht“. Die meisten dieser Lesungen wurden vom WDR-Rundfunk übernommen und später im Radio wiederholt. Über diese Arbeiten urteilte die zeitgenössische Presse: „Das Ensemble war vorbildlich eingespielt. Es hat den letzten Schliff gewonnen. Die harten Sätze Brechts klangen wie gemeißelt.“ In dieser Industriestadt gab es ein „festes“ Publikum, die VHS-Veranstaltungen waren ständig ausverkauft.
1958 war es dann soweit: Am 19. Februar hatte „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ Premiere am Stadttheater und schafft immerhin sieben Aufführungen, es folgte „Mutter Courage und ihre Kinder“, „Der gute Mensch von Sezuan“ und noch drei weitere Bühnenstücke in den nächsten Jahren. Wie nah das Theater an der Lebenssituation der Menschen im Ruhrgebiet war, zeigte sich dann 1968. Die letzte große Zeche in Oberhausen „Concordia“ sollte geschlossen werden, das, was beschönigend „Strukturwandel“ genannt wurde, zeigte sein wahres Gesicht. Premiere hatte im Januar „Die Dreigroschenoper“, inszeniert von Günther Büch, von der Spielplanüberlegung, dies sei ein heiteres Musical, blieb angesichts der Umstände nichts mehr. Wie Brecht meinte, der Löwe soll die Zähne zeigen, nicht nur der Haifisch. Mackie Messer und seine nach BWL-Grundsätzen geführten Gangster sollen wie die nach kapitalistischem Vorbild gegängelten Bettler offenbaren, wie absurd die scheinbaren Ordnungen der Gesellschaft sind. Was zeigte die Aufführung: Nach dem zweiten Dreigroschen-Finale kommen Oberhausener Bergleute in ihrer Arbeitskleidung auf die Bühne, schwarze Fahnen wehen, ein großer Förderturm im Hintergrund und eine riesige, den ganzen Raum ausfüllende rote Fahne weht über der Szenerie. Arbeiterlieder singen die Schauspieler gemeinsam mit den bedrohten Bergleuten, der Schluss­choral von Brecht wird vorgetragen „Zieht gen die großen Räuber jetzt zu Felde/und fällt sie allesamt und fällt sie bald/von ihnen rührt das Dunkel und die große Kälte/sie machen, dass dies Tal von Jammer schallt“. Und immer noch nicht ist Schluss, auf der Bühne wird die „Internationale“ angestimmt und nicht wenige im Publikum sangen dankbar mit. Alles theatralisch und sehr effektvoll, aber ein vielleicht erhoffter oder gefürchteter Skandal blieb aus, das Oberhausener Publikum kannte Brecht schon seit vielen Jahren. Alte Kommunisten aus der Stadt erzählen, man habe immer ganze Kontingente an Karten – vergünstigt – gekauft und sei mit vielen Genossinnen und Genossen, mit Freunden und Bekannten gemeinsam in die Aufführungen gegangen, insgesamt stand die Inszenierung 17 mal auf dem Spielplan.
Zu der Oberhausener Theatergeschichte gehört auch, dass bereits 1966 ein Austauschgastspiel mit den Städtischen Bühnen aus Karl-Marx-Stadt vereinbart wurde, es folgte das Volkstheater Rostock und das Stadttheater Magdeburg, 1973 war das Leipziger Schauspiel zu Gast, fast immer hatten die DDR-Theater Brecht im Gepäck. Genau 25 Jahre nach der legendären „Dreigroschenoper“ stand sie wieder auf dem Theaterzettel und auch diesmal solidarisierte sich das Haus. Die Stahlkocher von Duisburg-Rheinhausen waren bedroht, Einnahmen sollten dem Streikfond zugute kommen, aber leider ging die Fassung daneben, es war eher eine Operette und ein wenig Klamauk.


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Leserbrief zu Artikel »Brecht in Oberhausen«, UZ vom 9. Februar 2018





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