Keine Panik

Lucas Zeise zum Absturz am Aktienmarkt
|    Ausgabe vom 9. Februar 2018

„Keine Panik“, sagen die Anlageberater und Banker. Sie haben Recht. Warum auch sollte Panik aufkommen, nur weil der Dow Jones am Montag bis zu 1600 Indexpunkte verloren hat? Panik ist ohnehin nie ratsam. Um 1600 Punkte ging es zwar noch nie an der New Yorker Börse an einem Tag abwärts. Aber was heißt das schon? Schließlich ging es noch am gleichen Tag wieder etwas nach oben. Die Verluste blieben so auf 6 Prozent beschränkt, beruhigten die Börsenprofis.
Sie sind sich außerdem einig, dass es zum kleinen aktuellen Crash, der von New York ausgehend auch die Aktienmärkte Asiens und Europas erfasst hatte, keinen wirklichen Anlass gab. Der wichtigste Grund für das Abrutschen der Aktienkurse ist ihr hohes Niveau. Der Dax hatte genau wie der Dow Jones und viele andere Börsenindizes im Januar neue Rekorde erzielt. Der Kursanstieg dauert mit nur wenigen Unterbrechungen schon seit 2009. Und, wie der Aktienberater bei Merrill Lynch (der im letzten Crash von der Bank of America geschluckten Investmentbank) sagt, es ist „zu viel Geld zu schnell in den Markt gedrückt worden“. Jetzt gibt es den Schluckauf.
Ein perverser Grund für die Nervosität der Spekulanten ist der sich abzeichnende Erfolg der Wirtschaftspolitik. Seit 2008 das Finanzsystem mit unvorstellbar hohen Summen an Staatsknete vor dem Untergang gerettet worden war, haben Notenbanken und Regierungen sich redlich bemüht, die Finanzspekulation mit Nullzinsen wieder so weit in Schuss zu bekommen, dass die Realwirtschaft auch wieder Schwung bekommt. Nun gibt es seit ein bis zwei Jahren Anzeichen dafür, dass letzteres endlich geschieht: Es könnte sein, dass die Geldentwertung, die am Finanzmarkt zur üblichen Erscheinung geworden ist, auch im Tausch mit realen Gebrauchswaren ankommt. Sogar – entsetzlicher Gedanke – könnte es wieder zu Lohnanstieg kommen.
So kämen die Profite von zwei Seiten gleichzeitig unter Druck. Erstens könnten die Lohnkosten wieder steigen. Zweitens gäbe es die Finanzierung von Investitionen nicht mehr geschenkt, weil die Zinsen, wie gewünscht, endlich wieder steigen. Das ist alles, wie an der Börse üblich, im Konjunktiv formuliert. Weder ist der Konjunkturaufschwung gesichert, noch der Anstieg der Zinsen. Am wenigsten wahrscheinlich ist eine Wende zu real steigenden Löhnen. Die Anlageberater glauben schon aus beruflichen Gründen nicht an den tiefen Absturz der Aktienpreise. Wahrscheinlich haben sie Recht. Die wirtschaftliche Lage ist noch zu schlecht, weshalb die Spekulation weiter gefördert werden wird.


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Leserbrief zu Artikel »Keine Panik«, UZ vom 9. Februar 2018





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