Albtraum für den US-Imperialismus

Annäherung zwischen der syrischen Regierung und der YPG zur Verteidigung von Afrin
Von Manfred Ziegler
|    Ausgabe vom 23. Februar 2018
US-Außenminister Rex Tillerson bei seiner Ankunft in Ankara, Türkei (15. Februar) (Foto: U. S. Department of State)
US-Außenminister Rex Tillerson bei seiner Ankunft in Ankara, Türkei (15. Februar) (Foto: U. S. Department of State)

Am 20. Januar begann der türkische Angriff auf Afrin, die Operation Olivenzweig. Der türkische Präsident Erdogan hoffte, die Aktion würde in sehr kurzer Zeit abgeschlossen sein. Doch von einem schnellen Ende des Angriffs auf Afrin kann nach mehr als vier Wochen keine Rede sein. Bewegung kam aber in die Beziehungen zwischen kurdischen YPG und der syrischen Regierung.
Die syrische Regierung bezieht ganz klar Stellung gegen die türkische Aggression. Der stellvertretende syrische Außenminister Mikdad rief Kurden und Araber dazu auf, Afrin gemeinsam zu verteidigen.
Auf Seiten der Türkei kämpfen vor allem Einheiten der sogenannten „Freien Syrischen Armee“ (FSA). Vor Jahren wurden sie von den Medien als Freiheitskämpfer und Rebellen gegen Assad besungen – heute zitieren Medien einen Abgeordneten der türkischen HDP: „In der Freien Syrischen Armee befinden sich Kommandanten, die einem 12-jährigen Palästinenser den Kopf abgeschnitten und damit vor Kameras posiert haben“.
Gegen die von den USA gut ausgerüsteten und ausgebildeten Truppen der YPG fielen Erfolge der FSA zunächst gering aus. Die Unterstützung durch die türkische Armee und Luftwaffe macht sich aber bemerkbar. Zunehmend gelingt es der FSA, Gebiete in Afrin zu besetzen.
Die Versorgung von Afrin ist gewährleistet. Afrin ist durch eine Straße unter Kontrolle der syrischen Regierung mit anderen kurdischen Gebieten verbunden. Kämpfer und Unterstützer können über diese Straße nach Afrin gelangen. Am Montag begrüßten Tausende Einwohner von Afrin Unterstützer – überwiegend Kurden, die in Bussen aus Aleppo angekommen waren. Auch unter dem Beifall syrischer Medien.
Immer wieder gibt es Meldungen, die syrische Armee würde nicht nur die Versorgung von Afrin ermöglichen, sondern eigene Einheiten nach Afrin verlegen. Dass dies nicht ohne Vereinbarungen zwischen der kurdischen Verwaltung und der Regierung Syriens möglich wäre, ist offensichtlich. Verhandlungen dazu fanden statt – und wie es in syrischen Medien heißt, in „positiver Atmosphäre“.
Aktuelle Berichte sprechen von einer Einigung, nach der die syrische Armee tatsächlich Einheiten nach Afrin verlegen wird. Die schwierigen Verhandlungen und widersprüchlichen Stellungnahmen zeigen, dass zwischen den Beteiligten große Meinungsverschiedenheiten bestehen. Und nicht zu vergessen: die USA werden mit Nachdruck versuchen, eine Einigung zwischen Regierung und YPG zu verhindern.
Der arabische Sender al-Mayadeen berichtete am Montag, das Abkommen sei bereits in Kraft und nur logistische Probleme hätten die Armee daran gehindert, schon jetzt Einheiten nach Afrin zu verlegen. Die türkische Regierung nimmt das ernst und droht: „Wenn die Armee Afrin betritt und die YPG schützt, wird niemand die türkischen Soldaten aufhalten können“.
Der Kampf um Afrin ist nur eine Facette im Krieg gegen Syrien. Die Türkei kämpft auch um die Kontrolle über die syrische Provinz Idlib. Die USA arbeiten daran Syrien zu spalten und haben mit ihren Truppen und Stützpunkten im Norden Syriens die Voraussetzungen dafür geschaffen. Israel kämpft mit seiner Luftwaffe einen eigenen Krieg gegen Syrien. Eine weitere Internationalisierung des Krieges strebt der französische Ministerpräsident Macron mit seinen Drohungen an, bei einem erwiesenen Einsatz von Chemiewaffen durch die syrische Regierung würde Frankreich unmittelbar Krieg gegen Syrien führen – ein weiterer Anreiz für Dschihadisten, einen Chemiewaffenangriff zu inszenieren. Der Einsatz von Chemiewaffen gegen die Kurden in Afrin wird übrigens nicht nur von Frankreich ignoriert.
Das Gebiet Afrin ist nur ein Schauplatz dieses internationalen Krieges – doch von immenser Bedeutung. Es gibt hier, im Gegensatz zu Rojava, keine US-Stützpunkte – und das erleichtert eine Zusammenarbeit zwischen Regierung und YPG. Die Zusammenarbeit bedroht die Pläne der USA für eine Spaltung Syriens. Ein Beispiel, das Schule machen kann. Offenbar sind am Dienstag Einheiten syrischer Milizen in Afrin stationiert worden. Es sind keine regulären Armeeeinheiten, um die Konfrontation nicht auf die Spitze zu treiben. Aber es ist eine erneute Zäsur in diesem Krieg.
Eine Unterstützung der syrischen Regierung im Kampf gegen den NATO-Staat Türkei, die über die bisherige logistische Hilfe und den Einsatz von Milizen in Afrin hinausgeht wäre ein wichtiger Schritt um die Spaltung Syriens zu verhindern, hätte aber das Potential für eine massive Eskalation.


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Leserbrief zu Artikel »Albtraum für den US-Imperialismus«, UZ vom 23. Februar 2018





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