Nur im Film?

Melina Deymann zu #Me Too
|    Ausgabe vom 2. März 2018

Es war nur eine kleine Aufforderung: Wenn auch du einmal belästigt oder missbraucht worden bist, sexuelle Gewalt erfahren hast, dann antworte auf diesen Tweet. Und hunderttausende Frauen antworteten, „Me too!“. Die Belästigungen in der Filmbranche zogen große Kreise. Aus Solidarität mit den Opfern trug man schwarze Kleider auf dem roten Teppich der Golden Globes, auf der Berlinale liefen mehr als 100 Filme von Frauen, es gab eine Diskussionsrunde zu sexuellem Missbrauch in der Filmszene und Kulturstaatsministerin Monika Grütters verkündete die dreijährige Finanzierung einer „Anlaufstelle für Missbrauchsopfer aus der Kreativbranche“, denn: „Macht und Angst waren viel zu lange stille Komplizen.“ Keine Rolle spielte eine Debatte über die sexistischen Formate, die die Branche am laufenden Meter produziert.
Jede Belästigung und jede Diskriminierung von Frauen ist eine zu viel. Doch wenn jetzt eine mediale Empörung über sexuelle Belästigung von Frauen in der Filmbranche losgetreten wird, wirft das schon Fragen auf. Als hätte man noch nie etwas von der Besetzungscouch gehört. Das Klischee vom polyamourösen Macho-Filmmogul, der gern mal im Bademantel Castings abhält, wie es ein Weinstein oder Wedel verkörpert, hat in den deutschen Medien immer Anklang gefunden. Kritik daran wurde niedergeschrien. In der Filmbranche gehe es halt nicht gerecht zu, nicht immer bekommt auch die mit dem größten Talent die Rolle, die Chemie müsse ja schließlich auch stimmen … Davon, dass etwas prinzipiell nicht in Ordnung ist, will niemand was gewusst haben. Nach Weinstein und #Me Too ist die Stellung der Frau in der Filmbranche in aller Munde.
Warum eigentlich nur in der Filmbranche? Warum nur, wenn es sich um prominente Täter und teilweise prominente Opfer dreht? Sicherlich sind die Besetzungscouch und sexuelle Gefälligkeiten in „normalen“ Vorstellungsgesprächen nicht gang und gäbe, trotzdem müssen Frauen einiges über sich ergehen lassen, was Männern so nicht passiert. Welcher Mann wird schon – weil die konkrete Frage nach einer bestehenden Schwangerschaft ja verboten ist – nach seiner Familienplanung gefragt, wenn er sich um eine Arbeitsstelle bewirbt? Oder nach einem Blick in die Bewerbungsunterlagen darauf hingewiesen, dass es ja langsam auch mal anstände Kinder in die Welt zu setzen, wenn er denn wolle? Und selbst wenn, wäre es bei der derzeitigen Verteilung der elterlichen Verantwortung sicherlich kein Grund, ihn nicht einzustellen. Aber es geht auch weniger abstrakt: Nach Angaben des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben wurden mehr als zwei Drittel aller Frauen bereits an ihrem Arbeitsplatz von Kollegen oder Vorgesetzten sexuell belästigt. Die Spannweite reicht hier von aufdringlichen Blicken bis zu Vergewaltigung. Wenn wir jetzt über sexuelle Belästigung reden, darf das (Berufs-)Leben außerhalb der Kreativbranche nicht ausgeblendet werden. Denn auch hier stehen Frauen vor der Entscheidung: sie wehren sich gegen sexuelle Belästigungen und verbauen sich damit berufliche Chancen. Sexuelle Belästigung ist im Berufsleben an der Tagesordnung und das macht es so schwer, sich dagegen zu wehren. Natürlich kann man dem Chef sagen, dass der „Klaps auf den Hintern“ nicht okay ist, aber dann kann man sich auch die Chancen bei der nächsten Beförderung oder Gehaltsverhandlung ausrechnen. Natürlich kann man als Kellnerin dem Gast in der Kneipe sagen, dass anzügliche Sprüche nicht okay sind, aber Trinkgeld kann man sich dann auch abschminken. Um sexuelle Belästigung zu verhindern, muss sich in der Gesellschaft grundlegend etwas ändern, da ist es mit einer Diskussionsrunde und „so vielen Filmen von Frauen wie noch nie“ auf der Berlinale nicht getan. Trotz all der Debatte waren von den vierundzwanzig Filmen im Wettbewerb um den Goldenen Bären übrigens nur vier von Frauen.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Nur im Film?«, UZ vom 2. März 2018





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.