Frauenfeindlich

Von Petra Vogel
|    Ausgabe vom 9. März 2018
 (Foto: public domain)
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Agenda 2010 ist Armut per Gesetz, insbesondere für Frauen. Die rot-grüne Bundesregierung verkündete vor 15 Jahren, am 14. März 2003, den bisher radikalsten Abbau des bundesdeutschen Sozialstaates.
Petra Vogel, Reinigungskraft an einem Bochumer Krankenhaus und freigestellte Betriebsratsvorsitzende, schildert aus den heutigen Arbeits- und Lebensbedingungen von Gebäudereinigern, die ihren Anfang vor 15 Jahren hatten.

Wenn ich nach 41 Jahren Berufstätigkeit mit 65 Jahren und 11 Monaten in Rente gehen werde, stehen mir laut aktuellem Rentenbescheid 654 Euro pro Monat zu Verfügung. Dabei sind Krankenkassenbeiträge und andere Abgaben noch nicht abgezogen. Das heißt für mich, dass ich aufstocken und mir einen 450-Euro-Job holen muss. Wenn ich nicht mehr den Minijob machen kann, dann werde ich von der Aufstockung leben müssen oder ich gehe Flaschen sammeln. Das bedeutet Altersarmut mit sozialer und kultureller Ausgrenzung inklusive.
Schon jetzt, wo ich noch arbeite, bedeuten 10,30 Euro Stundenlohn, dass man keine großen Sprünge machen kann. Wenn nicht in einer Familie beide Eltern arbeiten gehen, dann ist man als Alleinverdiener zwar in Steuerklasse 3 und bekommt 1 300 Euro statt bisher 1 050 Euro im Monat raus, aber ohne Aufstocken geht da auch nichts.
Bei mir im Betrieb arbeiten über 90 Prozent Frauen. Viele von ihnen haben Kinder und sind nicht selten alleinerziehend. Mit kleinen Kindern zu Hause kannst du 4 bis 5 Stunden maximal am Tag arbeiten und musst von dem, was du dann verdienst, Miete, Strom usw zahlen. Du gerätst dann automatisch in die Hartz-IV-Falle.
Alle Menschen müssen sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden. Es darf keine 450-Euro-Jobs mehr geben. Alle, die unter 12 Euro pro Stunde verdienen, seien es Reinigungskräfte, Taxifahrer oder Bäckereifachverkäuferinnen, tappen automatisch in die Altersarmut. Die Agenda 2010 muss weg und ein Mindestlohn von mindestens 12 Euro pro Stunde muss her.
Früher hatte man ein halbes Jahr Probezeit, wo Arbeitgeber und Arbeitnehmer schauen konnten, ob es passt. Wenn es nicht passte, dann ging man wieder, ansonsten wurde man entfristet. Heute machen uns die sachgrundlosen Befristungen kaputt. Neue Kolleginnen werden bis zu zwei Jahren befristet angestellt. Die können in der Zeit keine Wohnung mieten, weil kein Vermieter Befristeten eine Wohnung gibt. Heiraten und Kinderkriegen steht dann auch nicht auf der Tagesordnung. Darüber hinaus bekommt man mit einem befristeten Arbeitsvertrag keine Kredite. Wir haben in der Gebäude­reinigung viele alleinerziehende Frauen. Wenn deren Herd mal kaputt geht und sie beispielsweise zwei Kinder haben, die sie bekochen müssen, dann bekommen sie die 400 Euro für einen neuen Herd nicht.
Dass jetzt die neue Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag überlegt, die sachgrundlose Befristung von 24 auf 18 Monate zu kürzen, ist einfach nur ein schlechter Witz und macht den Kohl nicht fett.


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Leserbrief zu Artikel »Frauenfeindlich«, UZ vom 9. März 2018





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