Eine Revolution ist möglich

Beiträge einer Konferenz zur Oktoberrevolution
Von Roman Stelzig
|    Ausgabe vom 23. März 2018
Noch musste sich die Sowjetmacht gegen Interventen und Weiße verteidigen: Lenin mit einer Gruppe von Kommandeuren auf einer Parade in Moskau, Roter Platz (25. Mai 1919). (Foto: public domain)
Noch musste sich die Sowjetmacht gegen Interventen und Weiße verteidigen: Lenin mit einer Gruppe von Kommandeuren auf einer Parade in Moskau, Roter Platz (25. Mai 1919). (Foto: public domain)

Ekkehard Lieberam, Herbert Münchow (Hrsg.)
Machteroberung und Machtfrage
Konferenz zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution
pad Verlag, Bergkamen 2018
90 Seiten, 5,- Euro
ISBN 978–3-88515–287-3
E-Mail: pad-Verlag@gmx.de

Sehr treffend charakterisiert den Zustand der Arbeiterbewegung heute Bertolt Brechts Gedicht „An den Schwankenden“: „Es steht schlecht um unsere Sache. Die Finsternis nimmt zu. Die Kräfte nehmen ab. Jetzt, nachdem wir so viele Jahre gearbeitet haben, sind wir in schwierigerer Lage als am Anfang. […] Unsere Zahl schwindet hin. Unsere Parolen sind in Unordnung. Einen Teil unserer Wörter hat der Feind verdreht bis zur Unkenntlichkeit.“
100 Jahre sind vergangen, seitdem die Große Sozialistische Oktoberrevolution die Welt veränderte, doch wenig ist geblieben von ihren Errungenschaften. Dabei ist „die Revolution in Russland […] kein Ereignis von rein historischem Interesse. Sie steckt bis heute voller Lehren für die politische Praxis von MarxistInnen weltweit“, schreibt Steve Hollasky. Dem kann man ebenso zustimmen wie der Feststellung Siegfried Kretzschmars: „Ohne (die historische Wahrheit – R. St.) bleibt die Geschichte nur ein Torso, aus dem nur teilweise richtige Schlussfolgerungen für die heutigen Kämpfe gezogen werden können, ein Torso, der bei seiner Betrachtung die Zuschauer spaltet, weil zu viele Interpretationen möglich sind. Die Vielzahl der heutigen Parteien, die die marxistische Theorie als ihre Grundlage betrachten und trotzdem nicht zusammenfinden, belegt das.“
Sein Vortrag schließt eine Broschüre ab, die von Ekkehard Lieberam und Herbert Münchow im pad-Verlag herausgegeben worden ist: „Machteroberung und Machtfrage heute. Konferenz zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution“. Wie der Titel sagt, wurden darin Beiträge gesammelt, die am 5. November 2017 in Leipzig vorgestellt und diskutiert wurden. „Im Mittelpunkt der Konferenz standen zwei Anliegen“, schreiben sie: „Es galt, die weltgeschichtliche Bedeutung der Oktoberrevolution […] zu würdigen […]. Und es ging um einen Gedankenaustausch zur Machtfrage zwischen verschiedenen Richtungen des marxistischen Spektrums, zu den Problemen des Kampfes um eine sozialistische Gesellschaft im 21. Jahrhundert und zur Lage nach dem Epochenumbruch 1989/1991.“
„Eingeladen zur Konferenz hatten der bundesweite Zusammenschluss der Linkspartei Geraer Sozialistischer Dialog, drei Zusammenschlüsse der Linkspartei in Sachsen (das Marxistische Forum, der Liebknecht-Kreis und die KPF) und regionale Organisationen des RotFuchs-Fördervereins, der DKP, der Sozialistischen Alternative, der SDAJ, des Traditionsverbandes NVA/DDR-Grenztruppen und von ISOR“, erfährt man aus dem Vorwort. Und auch ein Diskussionsbeitrag eines Mitgliedes der MLPD fand Eingang in die Veröffentlichung.
Daraus entstanden ist eine mutige und streitbare Zusammenführung von Standpunkten zur und Sichtweisen auf die Oktoberrevolution. Das gilt für Georg Fülberth, der die Oktoberrevolution beschreibt als „eine Etappe [in Russland] auf dem Weg vom in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch bestehenden Feudalismus in den Kapitalismus nach dem Untergang der Sowjetunion 1991“. Volker Kühlow schätzt ein: „Der Übergang zum Sozialismus im 21. Jahrhundert kann sich nicht mehr auf den durch die Oktoberrevolution gesteckten Rahmen beziehen. Die ‚postkapitalistische‘ Gesellschaftsform wird mit dem staatszentrierten Sozialismus der Vergangenheit kaum etwas gemein haben.“
Dass der Sozialismus „keine kurze Übergangszeit zum Kommunismus, sondern eine relativ selbstständige Gesellschaft mit eigenen Gesetzmäßigkeiten [ist]“, wurde aus der Oktoberrevolution für Ekkehard Lieberam deutlich. Und er ergänzt an anderer Stelle: „Die Demokratiefrage erwies sich zusammen mit der Eigentums- und Machtfrage als vielschichtige und schwierige Aufgabe sozialistischer Gesellschaftsgestaltung.“ Und in seinen Ausführungen, die sich mit Wesen und Erscheinungen des neuen Imperialismus nach 1989 auseinandersetzen, vermerkt Arnold Schölzel: „Zu den Ideen, die durch die Oktoberrevolution vehement in die Welt drangen, tatsächlich Massen ergriffen und direkt oder indirekt bis heute bewegen, gehört die einer unmittelbar von den Volksmassen getragenen Staatsmacht.“ Später schreibt er: „Ich halte es für selbstverständlich, dass fortgeschrittene sozialistische Staaten Kommunestaaten sein werden, was davor liegt, hängt von den konkreten Umständen ab. Ein isolierter Sozialismus ist nicht wiederholbar.“
Heinz Bilan gibt Einblicke in Lenins Aussagen zu Militärfragen und Klaus Dallmer betrachtet Ursachen und Verlauf der Herausbildung der bürokratischen Diktatur in der Sowjetunion.
Die von den Herausgebern gewählte Form der Thesen, die in einem zweiten Abschnitt um Anmerkungen der Referenten und in einem dritten Teil um zusätzliche Diskussionsbeiträge anderer Konferenzteilnehmer ergänzt wurden, bietet die Möglichkeit, sich den durchaus kontroversen Standpunkten streitbar zu nähern. Die „historische Wahrheit“, die Siegfried Kretzschmar in seinem Beitrag fordert, der sich mit Trotzkis Rolle bei der Erarbeitung der April-Thesen beschäftigt, steht dabei selbst zur Diskussion. „Dass die Führung unter Stalin grundlegende Lehren der Oktoberrevolution missachtete“, bezeichnet Steve Hollasky als „eine Katastrophe für die revolutionäre Weltbewegung“. Dem begegnet Klaus Bremer: „Tatsächlich griff auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Jahr 1956 eine kleinbürgerlich entartete Bürokratie die Macht und leitete die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion ein.“ Dass solche schroffen Gegensätze in einer solidarischen Diskussion nebeneinander auftreten können, darf in einer Zeit, die – wie Siegfried Kretzschmar richtig andeutet – von heftigen zwischen- und innerparteilichen Auseinandersetzungen geprägt ist, als eine ehrbare Tradition Leipziger Debatten bezeichnet werden, in der die Herausgeber der Broschüre schon mehrfach hervorgetreten sind.
„Einig“, schreiben sie im Vorwort, „waren sich die Referenten über den Charakter der Oktoberrevolution als sozialistische Revolution. […] Sie war ein Lehrstück darüber, wie eine offene diskutierende und zugleich kämpfende revolutionäre Avantgarde den demokratischen Bewegungen in Russland für Frieden, Boden und Arbeiterkontrolle nach der Februarrevolution Richtung und Ziel gab.“ „Tatsächlich“, bemerkt Arnold Schölzel, „wurde mit der Oktoberevolution der Praxisnachweis gebracht – es ist möglich, Imperialismus und Krieg zu stoppen und einen historischen Neuanfang zu starten.“ Es ist möglich. Aber wie, und was sagt uns darüber die Oktoberrevolution? Bekanntlich gab Bertolt Brecht dem Leser seines Gedichtes den Rat: „Erwarte keine andere Antwort als die deine!“ Man muss zugeben, dass die Broschüre ihren Lesern diese Aufgabe nicht leicht macht, aber sie lässt ihnen die Wahl. Das ist wohltuend und anregend.

Ekkehard Lieberam, Herbert Münchow (Hrsg.)
Machteroberung und Machtfrage
Konferenz zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution
pad Verlag, Bergkamen 2018
90 Seiten, 5,- Euro
ISBN 978–3-88515–287-3
E-Mail: pad-Verlag@gmx.de


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Leserbrief zu »Eine Revolution ist möglich«, UZ vom 23. März 2018





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