Gegen den Putsch der Privatisierer

600 Frauen besetzten Nestlé-Hauptquartier
Von Juca Guimaraes
Aus „Vorwärts“, Schweiz
|    Ausgabe vom 6. April 2018
Wenn es nach Nestlé geht, ist Trinkwasser für Menschen demnächst nur noch in kleinen Plastikflaschen erhältlich. (Foto: gemeinfrei)
Wenn es nach Nestlé geht, ist Trinkwasser für Menschen demnächst nur noch in kleinen Plastikflaschen erhältlich. (Foto: gemeinfrei)

Der Hauptsitz von Nestlé im brasilianischen São Lourenco ist am 20. März von 600 Frauen besetzt worden. Die Aktivistinnen von der „Bewegung der Landarbeiter ohne Boden“ (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra, MST) protestierten gegen die Privatisierung von Wasser und verurteilten die Wasserlieferungen an internationale Konzerne.
„Stellen Sie sich vor, Sie sind gezwungen, das Wasser in Flaschen zu kaufen, um den Durst zu stillen. Niemand würde das ertragen“, erklärte Maria Gomes de Oliveira von der MST-Leitung. „Es ist sehr schlimm, ein internationales Forum für die Vermarktung unserer Wasserreserven zu schaffen. Sie sind nicht da, um das Management von irgendetwas zu diskutieren, sie machen eine Aktion, um das Land zum Preis von Bananen zu verkaufen“, sagte sie weiter.
Im Januar dieses Jahres trafen sich Staatspräsident Temer und Nestlé-Chef Paul Bulcke, um über die Ausbeutung des Guarani-Wasservorkommens zu diskutieren. Das Vorkommen erstreckt sich über vier Länder. Nach den Siegen der Konservativen in Argentinien und den parlamentarischen Staatstreichen in Paraguay und Brasilien könne nur Uruguay die Privatisierung verhindern. „Je mehr der Putsch sich vertieft, desto deutlicher wird der Einfluss großer Wirtschaftsgruppen auf die Politik und ihr Interesse an der Ausbeutung unserer natürlichen Reichtümer“, so Oliveira.
Die Frauen der MST gedachten bei ihrer Aktion auch Marielle Francos, die in Rio de Janeiro ermordet wurde, und forderten die Bestrafung der Verantwortlichen.
Nach der Demonstration im Hauptquartier von Nestlé stoppten Polizisten in einer Straße die Busse mit den Frauen, beschlagnahmten die Schlüssel von neun Fahrzeugen, verhinderten Foto- und Filmaufnahmen und drohten, Mobiltelefone ebenfalls zu beschlagnahmen
Der Nestlé-Konzern, der 10,5 Prozent des weltweiten Wassermarktes kontrolliert, sitzt seit 1994 in der Stadt, damals kaufte er die Quellen und den Wasserpark São Lourenco. Seit 1997 protestiert die lokale Bevölkerung gegen die Ausbeutung des Mineralwassers, das vor der Privatisierung für medizinische Behandlungen genutzt wurde. Die Strömung hat sich reduziert und der Geschmack des Wassers geändert. Die Mineralsalze gehen verloren. Die Vermarktung geschieht unter zwei Namen: São Lourenco und Pure Life. Letzteres geschah zwischen 1999 und 2004 ohne staatliche Lizenz, bis die Regierung unter Aecio Neves von der „Partido da Social Democracia Brasileira“ (PSDB) diese der Firma schenkte. Eine Zivilklage gegen Nestlé stellte allerdings fest, dass das produzierte Wasser nicht nur den Quellboden öffnete und die Magnesiumquelle austrocknet, sondern auch insgesamt illegal war. Nestlé hat alles Mineral mittels eines chemischen Prozesses aus der Flüssigkeit entfernt, um dann ein Mineralsalz hinzuzufügen, für das der Konzern ein Patent besitzt. Nach offiziellen Angaben werden pro Jahr 19 Millionen Liter Wasser abgefüllt.
Der Süden des brasilianischen Bundesstaates Minas Gerais ist auch bekannt für den Kaffeeanbau. Nestlé kontrolliert 22 Prozent der weltweiten Kaffeemarken. Viele davon kommen aus dieser Region. Die konventionelle Plantage, die hohe Mengen an Pestiziden braucht, beschäftigt jährlich Tausende von irregulären Arbeitern. Bezüglich der Missstände in den Kaffeeplantagen gibt es keine Kontrollen. 2015 mussten zwei Teenager im Alter von 14 und 15 Jahren aus Plantagen gerettet werden, die Nestlé gehören.


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