Mord in Boksburg

Vor 25 Jahren wurde Chris Hani ermordet
Von Manfred Idler
|    Ausgabe vom 6. April 2018
Das Denkmal für Chris Hani in Boksburg, seinem letzten Wohnsitz (Foto: Manfred Idler)
Das Denkmal für Chris Hani in Boksburg, seinem letzten Wohnsitz (Foto: Manfred Idler)

Chris Hani muss erschöpft gewesen sein am 10. April 1993. In diesem Frühjahr stand Südafrika vor dem Abgrund eines Rassenkrieges – schwarze nationalistische Gruppen wie die Azanian Peoples Liberation Army verübten Anschläge auf Restaurants, Kirchen und Bars mit überwiegend weißen Opfern und überfielen Farmen. Die antikommunistische Zulu-Partei Inkatha provozierte blutige Zusammenstöße mit Anhängern des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC). Rechte Kräfte setzten auf Terror, um die Verhandlungen über die „Politik der Versöhnung“ zu sabotieren, die Nelson Mandela nach seiner Freilassung und der Aufhebung des ANC-Verbots eingeleitet hatte. Der vor allem unter der Jugend populäre Chris Hani, Generalsekretär der Südafrikanischen Kommunistischen Partei, reiste durchs Land, sprach auf Demonstrationen und in den Townships, argumentierte, um die Menschen von einem friedlichen Übergang aus der Apartheid zu überzeugen. Als ehemaliger Stabschef von Umkhonto we Sizwe, dem bewaffneten Arm des ANC, kannte er Gewalt und den Kampf mit der Waffe. Jetzt kämpfte er für den Frieden.
An diesem Tag war er zuhause, in seinem kleinen Haus in Boksburg bei Johannesburg. Nachmittags fuhr er zu einem Supermarkt in der Nähe, um Zeitungen zu kaufen. Auf dem Rückweg wurde er verfolgt. Ein Mann in einem roten Ford fuhr hinter ihm her, folgte ihm bis in die Garagenzufahrt.
„Ich steckte meine Pistole hinten in den Gürtel und stieg aus dem Wagen. Ich wollte ihn nicht in den Rücken schießen. Ich rief: ‚Mr Hani.‘ Als er sich umdrehte, zog ich die Pistole und schoss ihm in den Bauch. Er fiel, ich schoss ihm eine zweite Kugel in den Kopf. Als er am Boden war, schoss ich ihm zwei mal in den Hinterkopf.“ So kalt schilderte der Mörder später die Tat.
Wie von den Drahtziehern geplant, heizte die Nachricht von dem Attentat die Stimmung im Land noch weiter an. Die Verhaftung von Janusz Walus, des Mörders, wenige Stunden nach der Tat konnte die aufgebrachte Stimmung in den Wohnvierteln der Schwarzen kaum dämpfen. Erst eine dramatische Fernsehansprache von Nelson Mandela am Abend entspannte die Lage ein wenig. Mandela beschwor seine schwarzen und weißen Landsleute, gemeinsam gegen die zu kämpfen, „die den Krieg anbeten“, und sich für die einzige dauerhafte Lösung einzusetzen – eine Regierung aus dem Volk und für das Volk, für die Menschen. Dennoch fielen den Unruhen der kommenden Tage noch 70 Menschen zum Opfer.
Aber die Rechnung des Mörders Janusz Walus, eines polnischen Einwanderers, der 1980 nach Südafrika gekommen war, und seiner Hintermänner ging nicht auf. Das Attentat stürzte das Land nicht in einen Bürgerkrieg, sondern bewies im Gegenteil den weißen Südafrikanern, dass nur der ANC in der Lage war das Land zusammenzuhalten.Das beschleunigte den Verhandlungsprozess zwischen der Regierung de Klerk und dem ANC. Nur sieben Wochen nach Hanis Tod stimmten die Verhandlungspartner überein, dass am 27. April 1994 die ersten freien und gleichen Wahlen in Südafrika stattfinden sollten.
Für den Mord erging das Todesurteil gegen Janusz Walus und den Politiker Clive Derby-Lewis von der „Konserwatiewe Partei“, der Walus die Tatwaffe besorgt hatte. Da 1995 die Todesstrafe in Südafrika abgeschafft wurde, entgingen sie dem Galgen, die Strafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt. Es muss ein größeres Netz von Verschwörern gegeben haben – bei Derby-Lewis wurde eine „Todesliste“ gefunden, auf der Chris Hani hinter Mandela und Joe Slovo an dritter Stelle stand. Doch alle weiteren Ermittlungen gingen ins Leere.
In Chris Hanis Partei sind seine Ideen lebendig. Die SACP ist zu einer Massenpartei mit heute um die 300 000 Mitgliedern gewachsen, die dabei ist, sich in der südafrikanischen Politik neu zu positionieren. Dabei orientiert sie sich an ihrem früheren Generalsekretär, der sagte: „Beim Sozialismus geht es in erster Linie nicht um große Konzepte und tiefgründige Theorie. Sozialismus, das ist eine angemessene Unterkunft für Obdachlose. Das ist Wasser für diejenigen, die kein sauberes Trinkwasser haben. Das ist Gesundheitsvorsorge, das ist ein Leben in Würde für die Alten. Es geht darum, die große Kluft zwischen Stadt und Land zu überwinden. Es geht um eine anständige Bildung für alle. Beim Sozialismus geht es darum, die Tyrannei des Marktes zu überwinden. Solange die Wirtschaft von wenigen Privilegierten beherrscht wird, die niemand gewählt hat, steht der Sozialismus auf der Tagesordnung.“


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Leserbrief zu Artikel »Mord in Boksburg«, UZ vom 6. April 2018





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