Wochenendsurviver

Bushcraften hat mehr mit Kapitalismus als mit Natur zu tun
Von Christoph Hentschel
|    Ausgabe vom 13. April 2018
Youtuber wie Kai „Sacki“ Sackmann zeigen auf ihren Videokanälen, was man alles für das Bushcraften brauchen könnte. (Foto: sacki-survival.de)
Youtuber wie Kai „Sacki“ Sackmann zeigen auf ihren Videokanälen, was man alles für das Bushcraften brauchen könnte. (Foto: sacki-survival.de)

Nachdem in den Industrieländern immer weniger Menschen nach draußen, in die Natur gehen müssen, um ihr Tagwerk zu verrichten, ist das Verlangen da, die Natur zu erleben. Angefangen als amüsante Spinnerei einiger englischer Aristokraten vor rund 250 Jahren, erreichte das Sich-in-und-mit-der-Natur-Beschäftigen in den 1920er Jahren die proletarische Schicht der Facharbeiter. Heute sammeln sich immer mehr Menschen unter dem Begriff „Bushcraft“, die ihre Wochenenden und Ferien mit Rucksack und Wanderstiefeln verbringen möchten. Anders als beim altmodischen Wandern geht es nicht nur darum, durch die Natur zu laufen, sondern mit der Natur etwas zu erleben. Es reicht nicht mehr (wild) zu campen, sondern es muss schon ein aus Ästen und Erde selbst gebauter Unterschlupf („Shelter“) sein. Das zu verzehrende Essen sollte am Besten selbst zusammengesammelt und nicht die Dose Ravioli über dem Lagerfeuer sein.
Das ist auch nicht verwunderlich, wenn der Alltag durch fortwährende Angriffe der Arbeitgeber geprägt ist, durch Outsourcing und Arbeitsverdichtung man immer weniger selber Herr seiner Schaffenskraft ist und dank ominöser Digitalisierung noch um das stumpfsinnige In-den-PC-Hacken fürchten muss. Kommt man nach den vielen unbezahlten Überstunden, die man zum Job-Erhalt „gerne“ leistet, nach Hause, trifft man auf seine Kinder, die zombiehaft auf ihre Smartphones und Spielekonsolen fixiert sind. Da ist die wochenendliche Flucht ins Grüne eine Option, nicht völlig in diesem kapitalistischen Wahnsinn unterzugehen. Strengt man sich beim Shelterbau an, dann peitscht der Wind in der Nacht nicht ins Gesicht und der Regen durchnässt den Schlafsack nicht. Das eigene Handeln erfährt unmittelbar eine Reaktion. Fleiß wird durch die verbesserte Lage sofort belohnt, Müßiggang bestraft. Die mitgezerrten Kinder fangen an auf ihre Umwelt zu reagieren, ein Lurch am Bächlein ist spannender als die neueste App und zur Freude des Vaters rennt die Nachkommenschaft, wie er selbst in den Dunstschwaden seiner Vergangenheit, mit aufgeschürften Knien herum.
Dummerweise geht dann die eigene Phantasie von menschenleeren Landschaften aus, wie aus dem Kanada-Reiseprospekt, und nicht von der durchorganisierten, überfüllten Kulturlandschaft, die wir haben. Die Phantasie geht noch weiter und träumt von lichtdurchfluteten Tagen mit angenehmen Temperaturen. Während man seine Tage hauptsächlich in Gebäuden aller Art verbringt, vergisst man allzu schnell, dass es in unseren Breiten meistens kalt, nass und windig ist und es zu heiß wird, wenn mal die Sonne länger als eine Stunde scheint.
Für die zweite Phantasiefalle hat der Kapitalismus die passenden Angebote. Für alles, was man braucht oder zu brauchen glaubt, gibt es unzählige Produkte, vom Billigteil aus China bis zur Hightech-Variante für ordentlich Schotter. Selbst für liebgewonnene Gewohnheiten wie den morgendliche Kaffee gibt es die passenden Gerätschaften für den Rucksack. Da der Wald an sich und der deutsche Forstwald umso mehr mit verwertbaren Lebensmitteln geizt und die naturbelassene Knolle oder Blattwerk, die man nach vielem Suchen findet, eher bescheiden schmeckt und viel zu wenig zum Sattwerden ist, gibt es zum Naturerlebnis die tollsten (und teuersten) Gerichte schockgetrocknet zum Aufwärmen. So packt der Bushcrafter seinen viel zu großen Rucksack voll und wankt überladen einen oder zwei Kilometer vom Autoparkplatz in den Wald, um ihn bei der ersten Lichtung niederzuwerfen und das Wochenende vor sich hin zu müllen, um „erholt“ und im Geiste eines Jack-London-Romans am Montag wieder pünktlich auf der Matte zu stehen.
Für die erste Phantasiefalle zahlt die spärliche Natur, die wir noch haben, einen hohen Preis. Plätze, die bis dato von Menschenhand weitestgehend verschont blieben, werden neu entdeckt, zerfurcht und verbrannt. Besonders drastisch erfahren das die Alpen, die noch das eine oder andere Rückzugsgebiet für allerlei bedrohte Tierarten aufweisen. Immer mehr Gemeinden sehen sich durch den Bushcraft-Hype gezwungen, Polizeistreifen durch ihre Berge zu schicken. Sie sollen Wildcamper aufspüren und verhindern, dass sie Lagerfeuer anzünden und schlimmstenfalls durch Wurzelbrände ganze Wälder vernichten, ohne etwas zu merken. Ob Brand oder nicht, die Freizeit-Naturmenschen veranlassen die Tiere zur Flucht, bis sie ganz aus der Natur verschwunden sind


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Wochenendsurviver«, UZ vom 13. April 2018





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.