Der Geist Europas

Merle Kröger durchquert in „Havarie“ ein Meer aus Geschichten von Flucht und Vertreibung
Von Ellen Beeftink
|    Ausgabe vom 20. April 2018
Die „christliche“ Seefahrt auf Luxuslinern (Foto: Pixabay/CCO)
Die „christliche“ Seefahrt auf Luxuslinern (Foto: Pixabay/CCO)

Merle Kröger: Havarie. Argument Verlag, Hamburg 2015, 228 Seiten, 15 Euro

Mare Nostrum (Unser Meer). Ein Massengrab. Karim versucht zum dritten Mal, Spaniens Küste zu erreichen. Seine Frau Zohra ist in Frankreich. Mit zehn weiteren Männern wartet er auf einen günstigen Moment, das Schlauchboot zu Wasser zu lassen. Zur selben Zeit nimmt die „Spirit of Europe“ Kurs auf Mallorca. Luxusliner, 3 748 Passagiere, 1 259 Crew-Mitglieder, eine Kleinstadt. Für die Passagiere je nach Geldbeutel Vergnügen pur, für die Crew, je nach Rang, Arbeit, Schinderei, Ausbeutung pur.
Im Hafen von Oran macht sich die „Siobhan“ zum Auslaufen bereit. Das irische Frachtschiff wird der Konkurrenz der großen Containerschiffe nicht mehr lange standhalten können. Diego Martinez, Fischer und Seenothelfer in Cartagena, birgt beim Fischen einen Toten und wird kurz darauf zu einem havarierten Schlauchboot gerufen.
Ein Meer, vier Schiffe, elf Wirklichkeiten. Für gut 24 Stunden kreuzen sich ihre Wege. Schicksale, exemplarisch für ein System, dem Profit alles, Menschenleben wenig bedeutet. Ein dreiminütiges Handy-Video auf Youtube, aufgenommen von einem Kreuzfahrtschiff, inspirierte Merle Kröger zu ihrem Roman „Havarie“. Sie sprach mit Passagieren und Besatzungsmitgliedern eines luxuriösen Kreuzfahrtschiffes, auch den unsichtbaren. Traf Arbeiter auf Containerfrachtern. Sah Flüchtende auf Schlauchbooten im Mittelmeer.
Weltpolitik
in Lebensgeschichten
Lalita, Security auf der „Spirit of Europe“ ist eine Gurkha. Nachfahrin nepalesischer Söldner in Diensten der Briten seit 200 Jahren bis heute. 2004, die Maoisten waren ins Parlament eingezogen, flohen viele Gurkha nach Aldershot nahe London. Arbeit fanden sie nicht nur in der Armee, sondern wie Lalita auch in Sicherheitsunternehmen. Sie sucht Joseph, Filipino und Sänger der Bordband. Léon Moret, Franzose, ist mit 26 schon erster Offizier. Ein Überflieger. Liebt das Leben auf dem Schiff. Er flieht vor der düsteren Atmosphäre in seinem Elternhaus. Sein Vater hatte als Bergbauingenieur in Spanien einen Umweltskandal aufgedeckt und floh vor der Verfolgung durch seinen Arbeitgeber und dem Hass der Dorfbewohner. Der Inder Nikhil, Sicherheitschef mit Ambitionen und Hitlerfan, wartet auf eine Nachricht, die ihm die Chance eröffnet, nach Hause zurückzukehren. Seamus Clarke, irischer Katholik, kommt aus einer Arbeiterfamilie in Belfast. Dass sein bester Freund vor 35 Jahren bei Straßenkämpfen ums Leben kam, kann er bis heute nicht verwinden. Sybille Malinowski sitzt im Rollstuhl, ist auf ihre reiche Schwester angewiesen und will das ändern. Als Kind hat sie die „Wilhelm Gustloff“ verpasst. Ein Kreuzfahrtschiff, untergegangen am 30. Januar 1945. An Bord mehrere 1 000 Flüchtlinge. Sie hatte Glück, konnte mit dem nächsten Schiff Deutschland noch rechtzeitig verlassen. Marwan Fahouri, Gehirnchirurg aus Syrien, ist als Flüchtling mit falscher Identität verdammt zur Plackerei in der Wäscherei. Jetzt liegt er mit Hirnhautentzündung auf der Krankenstation.
Olek, Ukrainer, Sohn eines Helden der UdSSR, träumt auf der „Siobhan“ von seiner Kindheit in Odessa und verzweifelt an dem Riss, der seit dem Kampf um die Ostukraine sogar Familien spaltet. Diego Martinez, der Seenotretter, kommt aus Escombreras. Seitdem ein Feuer im nahen Gaswerk das Dorf vernichtet und das Meer verseucht hat, arbeiten die meisten Fischer beim Verursacher der Katastrophe, dem Ölriesen Repsol.
Hart und eindringlich
Ähnlich wie Dominique Manotti, die sie zu ihren Vorbildern zählt (was man ihrem Schreibstil anmerkt) und Wolfgang Schorlau recherchiert Merle Kröger reale Begebenheiten und konstruiert daraus spannende, hochpolitische Thriller. In ihrem viel beachteten und ausgezeichneten Roman „Grenzfall“, thematisierte sie die Übergriffe auf Asylbewerber in Mecklenburg-Vorpommern Anfang der Neunzigerjahre. Mit ihrer schnörkellosen, präzisen Sprache findet sie für jede Person, jede Geschichte, jedes Ereignis den richtigen Ton. Erzählt wie ein Episodenfilm, deckt „Havarie“ durch den schnellen Wechsel zwischen Personen und Handlungen nach und nach Zusammenhänge auf. Von Machtverhältnissen in kapitalistischen Gesellschaften, ihren historischen Voraussetzungen und gegenwärtigen Bedingungen. Der Roman erschien 2015, seit einem Monat gibt es eine Taschenbuchausgabe. In dieser Zeit haben die Wellen des Mare Nos­trum tausende weitere Menschen unter sich begraben. Der Geist Europas ist dafür verantwortlich.

Merle Kröger: Havarie. Argument Verlag, Hamburg 2015, 228 Seiten, 15 Euro


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Der Geist Europas«, UZ vom 20. April 2018





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.