Die Phantasie ohne Macht

Frankreich 1968 – fast eine Revolution
Von Manfred Idler
|    Ausgabe vom 27. April 2018
In Bordeaux am Morgen danach. (Foto: gemeinfrei)
In Bordeaux am Morgen danach. (Foto: gemeinfrei)

1968 – das „Jahr der Schweine“: Auf allen Kontinenten empörten sich vor allem junge Menschen gegen die herrschenden Verhältnisse, viel trug dazu der mörderische Krieg der USA gegen das Volk von Vietnam bei – der erste Krieg, dessen Zeuge man am Fernsehgerät wurde. In Frankreich hatte schon der Protest gegen den Algerienkrieg einige Jahre zuvor zu einer breiten Politisierung beigetragen. Der Pariser Mai vor 50 Jahren gilt als ein hauptsächlich von Studenten getragener Aufstand. Daran ist so viel richtig, dass eine rebellische Jugend die versteinerten Verhältnisse im ersten Halbjahr 1968 zum Tanzen bringen wollte.
In den zehn Jahren seit der Errichtung der „Fünften Republik“ von 1958 hatte sich viel Zorn aufgestaut. Die Fünfte Republik hatte dem Präsidenten zentrale Macht gegeben, Charles de Gaulle handhabte sie wie ein Souverän. Der spätere „sozialistische“ Präsident François Mitterrand nannte dieses System den „Staatsstreich in Permanenz“.
Kämpfende Arbeiter, kämpfende Studierende
Der Mai 1968 war mehr als ein Aufstand der lernenden Jugend, er markiert gleichzeitig den Höhepunkt einer Welle großer Streiks, die schon im Januar begonnen hatte, im April und Mai anschwoll und erst Ende Juni verebbte. Allein bei Renault in Billancourt, nahe Paris, kam es in diesen Wochen zu 90 Arbeitsniederlegungen. Hätten im Mai 1968 nur die Studierenden und Schülerinnen und Schüler auf den Pariser Barrikaden gestanden, er wäre vergessen. Diese größten Streiks seit 1936 wurden hauptsächlich von der an der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) orientierten Gewerkschaft CGT organisiert und angeleitet.
Die Bewegung der Studierenden war zersplittert. Von der chinesischen Kulturrevolution inspirierte Maoisten, „Libertäre“, Anarchisten aller Richtungen, Trotzkisten lieferten sich heftige Wortschlachten, ihre Ziele reichten von Demokratisierung des Lehrbetriebs bis zur Errichtung einer Französischen Räterepublik. Gemeinsam war diesen Strömungen ihre Ablehnung der Kommunistischen Partei, zum Teil exzessiv und bis zum Hass gesteigert. Ein Detail beleuchtet den ideologischen Wirrwarr in den Köpfen: Bei einer Diskussion an der außerhalb des Kerns von Paris gelegenen Universität von Nanterre über die Demokratisierung des Studiums verlangte Daniel Cohn-Bendit, der Lautsprecher der Antiautoritären, den Abbruch der Debatte, um über die sexuellen Probleme junger Menschen zu diskutieren. „Die Phantasie an die Macht“, der bis heute populäre Slogan, wurde hier geboren. Weit prosaischer war da die Orientierung der Kommunistinnen und Kommunisten: Sturz der Regierung von Premierminister George Pompidou, Etablierung einer Art Volksfrontregierung, eine politische und soziale Wende.
Die revoltierenden Studenten beschrieb, sicher nicht genau, der spätere Generalsekretär der PCF, Georges Marchais, in der „Humanité“ als „falsche Revolutionäre und Kinder der Großbourgeoisie, von Beruf Söhne“. Bei den unterschiedlichen Vorstellungen über Weg und Ziel konnten Arbeiter- und Studierendenbewegung kaum zusammenfinden. Und ohne die Arbeiterklasse waren die Rebellen an den Universitäten wenig mehr als bürgerliche Dissidenten.
Die Zuspitzung der Auseinandersetzung begann nach der Schließung der Universität von Nanterre an der Sorbonne. Dort hatten sich Studenten zu einem Protestmeeting versammelt, die Polizei nahm die Versammelten fest, die Sorbonne wurde ebenfalls geschlossen. Der Aufruf zu einem allgemeinen Studentenstreik fand ab dem 6. Mai in Caen, Strasbourg, Toulouse ein Echo. Die Demonstrationen im Quartier Latin, dem Studentenviertel um die Sorbonne, rissen nicht mehr ab nach dem Muster Provokation – Repression. Jetzt ging es den Demons­tranten nicht mehr um Privilegien, sie wandten sich gegen die jeden Tag gesteigerte Polizeibrutalität und forderten Freiheit für die Festgenommenen. Die vermummten Schläger der kasernierten Polizeitruppe CRS machte der alte General im Elysée-Palast noch scharf, als er am 7. Mai die Losung ausgab, die „Gewalt der Straße“ sei nicht mehr tolerierbar.
Die Nacht der Gewalt
Die Nacht des Freitag, 10. Mai, sah den Höhepunkt der Straßenschlachten im Quartier Latin. Die Mobilisierung hatte am späten Nachmittag mit einer Schülerdemonstration begonnen. Zwei Stunden später stießen die ersten größeren Studierendengruppen dazu. Um 20 Uhr machten schon über 20 000 Demonstrierende das Stadtviertel für die Polizei unpassierbar. Kurz vor 21 Uhr erhielten die Beamten Order, das Quartier Latin zu räumen, „koste es, was es wolle“, keine halbe Stunde später ist in der Rue Le Goff die erste Barrikade errichtet. Es werden im Lauf der Nacht 60 sein. Alle Polizeikräfte der Stadt werden jetzt hierher befohlen. Um 22 Uhr empfängt der Rektor der Sorbonne eine Studentendelegation, um zu verhandeln – um 2 Uhr in der Nacht gibt Daniel Cohn-Bendit als Sprecher der verhandelnden Studenten das Scheitern des Gesprächs bekannt. Kurz danach werden die uniformierten Kettenhunde des Systems, die CRS-Schläger, losgelassen.
Die Nacht ist erfüllt von skandierten Sprechchören: „De Gaulle – Mörder!“, den Schreien der Verletzten, auf die die Bullen weiter unbarmherzig einprügeln, auch wenn sie schon am Boden liegen, ebenso wie auf die, die den Verletzten helfen wollen. Glas splittert, Autos stehen in Flammen, Molotowcocktails und Pflastersteine fliegen durch die Luft, die erfüllt ist vom stechenden Geruch der Tränengasgranaten. Jetzt endlich kommt es zur Solidarisierung mit den Arbeitern, die den Prügelbullen mit gleicher Münze heimzahlen. Viel gerühmt wird seit dieser Nacht die Treffsicherheit der Hausfrauen des 19. Pariser Arrondissements, die von Balkons und aus Fenstern die voranstürmenden Bullen mit einem Hagel von Blumentöpfen, Geschirr und sonstigem Hausrat überschütteten und die Kämpfenden mit Wasser und Binden gegen das Tränengas versorgten – hier war Pariser Kommune, hier war Frühkirschenzeit von 1871. Doch die Barrikaden werden eine nach der anderen von der Bürgerkriegspolizei erstürmt, die letzte fällt um halb sechs am Morgen, während die Polizei ihre Gegner immer noch in die Häuser und bis auf die Dächer verfolgt. Premierminister Pompidou befand sich auf einer Auslandsreise, daher wurde General de Gaulle von dessen Vertreter geweckt, der Bericht erstatten wollte. Der Präsident habe gut geschlafen, seit 22 Uhr, meldeten die Medien.
Im Vergleich etwa mit den Ausein­andersetzungen zum G-20-Gipfel im vergangenen Jahr zeigt sich, dass die Erzählung über das Ausmaß der Ereignisse hinausgewachsen ist. In dieser Nacht wurden 367 Menschen verletzt, mehrere Studenten und Polizisten schwer, 460 Demonstranten wurden festgenommen. 60 Autos sind ausgebrannt.
Wechsel der Gezeiten
Die Gewerkschaften reagierten auf die Polizeibrutalität mit einem Generalstreik, der eine Streikwelle auslöste, bis zu 9 Millionen Arbeiter und Angestellte legten die Arbeit nieder. Am 23. Mai begannen Verhandlungen einer verunsicherten Regierung mit den Gewerkschaften um Verbesserungen der sozialen Lage der Arbeiterklasse und der lernenden Jugend, gleichzeitig bildeten sich in Fabriken und einzelnen Städten und Stadtteilen Organisationskomitees zur Bildung einer Volksfront. In allen großen Städten Frankreichs fanden Großdemonstrationen statt, vereinzelt kam es zu Betriebsbesetzungen. Der Sturz der Regierung schien absehbar. De Gaulle begab sich nach Baden-Baden unter die Fittiche von General Massu, dem Befehlshaber der französischen Truppen in Deutschland, nachdem er vorher die Generale amnestiert hatte, die 1958 einen Putsch geplant hatten und dafür zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren. Um Paris und andere große Städte wurden Panzertruppen zusammengezogen – die herrschende Klasse war bereit, mit Faschisten zu paktieren und schien die Lösung in einem Blutbad zu sehen. Währenddessen war die Studentenbewegung abgeflaut, aber ungeachtet dessen schmähten deren linksradikale Führer die Gewerkschaften und linken Parteien als konterrevolutionär.
Am 30. Mai holte der Präsident zum Gegenschlag aus: Er löste die Nationalversammlung auf und kündigte Parlamentswahlen im Juni sowie ein Referendum an. Die Verantwortung für die Unruhen der vergangenen Monate wies er der „Unterwanderung Frankreichs durch den totalitären Kommunismus“ zu. Demonstrationen für „Ruhe und Ordnung“ wurden in allen großen Städten organisiert, mit der Schürung der Furcht vor Anarchie und „kommunistischer Diktatur“ konnten die Gaullisten und ihre Verbündeten die Hegemonie zurückgewinnen. Die „Wahlen der Angst“ vom 23. und 30. Juni wurden zum Triumph für die Gaullisten, sie erhielten 358 von 487 Mandaten in der Nationalversammlung. Für die Linke wurde die Wahl zum Debakel.
Den Studenten wie der Arbeiterklasse wurden in der Folge einige Zugeständnisse gemacht, viele, die auf den Barrikaden gekämpft hatten, fügten sich wieder in den Trott des gewöhnlichen Kapitalismus ein. „La lutte continue“, „Der Kampf geht weiter“: Heute in den Protesten gegen Macrons „Reformpolitik“. 50 Jahre danach ist aber auch in Frankreich für die altgewordenen Barrikadenkämpfer noch mal die Gelegenheit, ein paar Dönekes von der schönen Fast-Revolution von damals zu erzählen. Wie Franz Josef Degenhardt über 1968, das „Jahr der Schweine“, sang:
„Dass das bloß solche Geschichten
bleiben
Die man den Enkeln erzählen kann –
Es gibt ‘ne Menge Leute, die hätten
Großes Interesse daran!
Streiche von Kindern besserer Leute –
Die letzten Streiche vor dem großen
Abspeisen!
Ja, so hätten sie‘s gern, die
Abge­speisten
Und die, die die Speisen verteilen!“


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Leserbrief zu Artikel »Die Phantasie ohne Macht«, UZ vom 27. April 2018





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