Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 3. Mai 2018

Vielschichtig
„Drei Tage in Quiberon“ ist der große Gewinner der diesjährigen Verleihung der Deutschen Filmpreise. Der Film über ein Interview der deutschen Film-Legende Romy Schneider wurde unter anderem mit „Lolas“ für den besten Film, die beste Hauptdarstellerin und die beste Regie geehrt. Der Filmgeschichte liegt eine tatsächliche Begebenheit zugrunde. 1981 versucht Romy Schneider, sich von ihrer Alkohol- und Tablettensucht zu befreien und lässt sich auf ein langes Gespräch mit dem „Stern“-Reporter Michael Jürgs ein. Maria Böhmer spielt Romy mit beeindruckender Intensität, der Film und die reichlichen Preise der Deutschen Filmakademie (immerhin sieben „Lolas“) sollen wohl eine späte Entschuldigung gegenüber der Schauspielerin sein, die in Deutschland lange nicht über ihre „Sissi“-Filme hinauskam, verbittert nach Frankreich und nach Hollywood ging und da erst ihre Weltkarriere begann und grandios gestaltete. In diesem Jahr würde die Schneider ihren 80. Geburtstag feiern, sie wählte jedoch 1982 den Freitod. Der Spielfilm lohnt einen Kinobesuch, dank der Schauspielerinnen und Schauspieler, einer eleganten Kameraführung und einer sehr einfühlsamen Filmmusik.
Jury und Preise
Wikipedia listet 122 Musikpreis alleine in Deutschland auf, in den meisten Fällen gibt es mehrköpfige Jurys, manche der Jurorinnen und Juroren sind sogar mehrfach im Einsatz. Nach dem Eklat bei der „Echo“-Preisverleihung – eine große Zahl früherer Preisträger gab den Preis zurück – hat sich der Ausrichter, der Verband der Musikindustrie, eine längere Denkpause verordnet, gibt es nun generelle Diskussionen über das System von Förderung und Sponsoring in der Kulturindustrie. Der Wirbel um die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt und dem die – eigentlich auf Lebenszeit – gewählten Mitglieder ausgehen, richtet den Blick besonders auf die sehr unterschiedlichen Formen und Besetzungen der Preis-Jurys. Preisträger, die von einem Juror benannt werden, geraten weniger in den Geruch von Absprachen und Gegenseitigkeiten, wo die Jury aus vielen Mitglieder bestückt wird (beim Literaturnobelpreis immerhin 18 Damen und Herren), sind Beeinflussungen und Kameraderien nicht abwegig, wo der Preis von der jeweiligen Kulturindustrie ausgelobt und auch die Jury benannt wird, ist die Absicht klar. Der „Echo“ hatte als wichtigstes Kriterium die Verkaufszahlen des letzten Jahres.
Clever und dumm
Wenn einer weiß, wie man einen Bestseller produziert, dann ist das Frank Schätzing. Schließlich kommt der Mann aus der Werbeindustrie und hat gelernt, wie man den „Markt“ bedient. In seinem neuen Buch „Die Tyrannei des Schmetterlings“ beschäftigt sich der smarte Frank mit Künstlicher Intelligenz. Schätzing hält KI für das derzeit interessanteste Forschungsfeld überhaupt – und fragt sich, was noch vom Menschen bleibt, wenn die von ihm gebauten Maschinen Bewusstsein entwickeln. Er ist also auf dem Trip der einflussreichen US-Milliardäre, die hinter den großen Datensammel-Unternehmen stehen und die Vorstellungen entwickeln, die persönliche Entscheidungsfreiheiten und demokratische Willensbildungen für nicht mehr wichtig erachten. Der Bestsellerautor zweifelt nicht daran, dass KI das Leben der Menschen schon in naher Zukunft maßgeblich beeinflussen wird. Der Verlag wirbt mit Sprüchen wie „KI bietet unglaubliche Möglichkeiten, sei aber zugleich hochgefährlich“. Was uns der Schreiber auf rund 700 Seiten erzählt, ist nur ein billiger Thriller, völlig übliche Plots wie naive Polizisten in einer Wüstenlandschaft der USA, ein geheimnisvoller Forschungskomplex und sogar die Zeit gerät aus ihren linearen Fugen. Mit wenigen Worten: langatmig und ungenau, widersprüchlich und banal. Durch dieses Buch kann man sich quälen oder besser: sein lassen.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 3. Mai 2018





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