Powerplay gegen Iran

Israel und USA weiten Syrienkrieg auf Iran aus
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 18. Mai 2018
Die USA besitzen mehr als 10 000 Atomwaffen, Israel hunderte, Iran hat null. Protest vor dem Weißen Haus in Washington D. C. (2012) (Foto: [url=https://commons.wikimedia.org/wiki/File:17.NoWarOnIran.WhiteHouse.WDC.4February2012_(6821575927).jpg]Elvert Barnes/Wikipedia Commons[/url])
Die USA besitzen mehr als 10 000 Atomwaffen, Israel hunderte, Iran hat null. Protest vor dem Weißen Haus in Washington D. C. (2012) (Foto: Elvert Barnes/Wikipedia Commons / Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Proteste gegen die Eröffnung der US-Botschaft im okkupierten Jerusalem – Israelische Soldaten töten Dutzende Palästinenser – US-amerikanische, britische und französische Raketen auf Syrien wegen eines angeblichen Giftgaseinsatzes – die schiitische Hisbollah gewinnt die libanesischen Parlamentswahlen deutlich – danach israelische Raketen in zwei Wellen auf Syrien, wegen eines angeblichen iranischen Angriffs auf den Golan – Donald Trump kündigt das Atomabkommen mit Teheran.
Mit John Bolton und Mike Pompeo sind zwei Hardliner in den inneren Machtzirkel des US-Präsidenten gerückt, die an Iran-Hass kaum zu überbieten sein dürften. Es sieht nach Krieg aus im Nahen Osten – wieder einmal.
Die Zeit des Stellvertreterkrieges in Syrien ist vorüber. Nachdem die von den USA, der Türkei und den Golfstaaten ausgehaltenen Halsabschneidertruppen geschlagen sind, scheint es für die Hintermänner an der Zeit, selbst aus dem Gebüsch zu kommen. Herr Erdogan riss sich einen Teil des Nordwestens Syriens unter den Nagel. Israel, mit seiner 70-jährigen Tradition des Überfalls und des Landraubs, hält schon seit den Kriegen 1967 und 1973 rund 70 Prozent des syrischen Golan (1 700 Quadratkilometer) besetzt und bombt seit geraumer Zeit im Syrienkrieg heftig gegen Iran und Hisbollah. Nun will es Iran aus Syrien entfernen – „mit allen Mitteln“. Auch Saudi-Arabien, das einen blutigen Krieg um seinen Herrschaftsanspruch gegen Jemen führt, hat trotz Niederlage seiner Dschihadisten in Syrien den Krieg noch nicht verloren gegeben. Der „Große Bruder“ USA hat seine kurdischen Hilfskräfte den Machtinteressen des Herrn Erdogan geopfert und konzentriert sich nun vorwiegend auf den Staat, um den es eigentlich schon lange geht: Iran.
Iran hat gewaltige Öl- und Gasvorräte und spielt eine wichtige Rolle in der chinesischen „Belt and Road“-Initiative (Neue Seidenstraße). Aber 1952 hatte Mohammad Mossadegh diese Ressourcen nationalisiert. CIA und MI-6 putschten Mossadegh zwar zugunsten von Reza Pahlavi aus dem Amt, aber 1979 kam Ruhollah Khomeini. Wieder war „der Westen“ draußen. Seither hat Iran das Fadenkreuz auf der Stirn. Zumal das Land gute Wirtschaftsbeziehungen zu Russland und China hält. Vor allem die boomende chinesische Wirtschaft ist auf große Öl- und Gasimporte angewiesen. Wenn Washington Iran sagt, ist auch immer Russland und China gemeint. Das Powerplay gegen Russland läuft an der Nato-Ost- und Südostflanke (Baltikum, Ukraine) ohnehin auf Hochtouren.
Der „schiitische Halbmond“ (Iran, Irak, Syrien und Teile von Libanon) blockiert in gewisser Weise die profitträchtige Vermarktung des Golfstaatenöls und -gases über Pipelines nach Europa. Die Türkei wäre dadurch zu einem Ressourcen-Drehkreuz zu Europa geworden. Mit entsprechenden machtpolitischen und finanziellen Konsequenzen. Die „schiitischen“ Staaten verfolgen stattdessen eigene Interessen, wollen die eigenen Ressourcen fördern, transportieren und vermarkten.
Deutschland und Teile der EU sehen die Kündigung des iranischen Atomabkommens kritisch, weil sie – anders als das Trio Infernale aus USA, Israel und Saudi-Arabien – erhebliche wirtschaftliche Interessen in Iran haben. Die Trump-Administration wäre durchaus in der Lage, diese erfolgreich zunichte zu machen. Das Atom-„Argument“ des selbst reichlich atombewaffneten Trio Infernale ist dermaßen offensichtlich vorgeschoben, dass nicht nur Deutschland und die EU, sondern auch Nordkorea sich fragen müssen, inwieweit den USA und ihren fundamentalistisch-wahhabistischen und zionistischen Bundesgenossen überhaupt zu trauen ist.
Es sieht so aus, als ob der Schwanz mit dem Hund wedelt. Netanjahu und sein Kriegsminister, Avigdor Lieberman, lassen seit Jahren keine Gelegenheit aus, gegen Iran zu Felde zu ziehen. Netanjahu präsentierte nun in einer großen Fernsehshow die angeblichen Beweise der „iranischen Lüge“. Nun könnte Netanjahu als Speerspitze des Trios das beginnen, was Bolton und Pompeo und nicht zuletzt auch Kronprinz Mohammed bin Salman nur denken: Krieg gegen Iran. Ob ihnen, wie vor Jahren, das Pentagon in den Arm fallen würde, ist keinesfalls sicher.


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Leserbrief zu »Powerplay gegen Iran«, UZ vom 18. Mai 2018





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