Gilt – gilt nicht – gilt …

Günter Pohl zu den Wahlen in Venezuela
|    Ausgabe vom 25. Mai 2018

„Das gilt nicht!“ Ein Klassiker unter beleidigten Verlierern und nach erstem Geweine immer ein guter Ansatzpunkt für Pädagoginnen und Pädagogen, wenn es bei unterschiedlicher Regelauslegung darum gehen muss, den Streit zwischen Kontrahenten zu schlichten, die kaum dem Kindergarten entwachsen sind. Die Erziehenden geben den Schutzbefohlenen dann gern die Mahnung, sich an das zu erinnern, was vor dem Spiel ausgemacht war. Bei Vor- und Grundschulkindern ist das Teil der Erziehung und daher im Regelfall nicht dramatisch – es dient vielmehr der Persönlichkeitsentwicklung.
Diese sollte bei den Vereinigten Staaten, einigen lateinamerikanischen Ländern und selbst der etwas jüngeren Europäischen Union eigentlich abgeschlossen sein. Doch um nicht unreif zu wirken, greifen Erwachsene, die nicht verlieren können, gern zu einem Trick: Sie erklären nach Sichtung der Siegwahrscheinlichkeit das abzusehende Ergebnis von vornherein als ungültig – das spart auch Recherche.
So auch die genannten Staaten und Staatenbündnisse im Fall der Wahlen in Venezuela. Entweder wegen abzusehender“ Manipulationen“, dem Rückzug „der Opposition“ oder der „Inhaftierung von Gegnern der Regierung“ hieß es schon vorab, man gedenke die Ergebnisse nicht anzuerkennen. Als Argument eine niedrige Wahlbeteiligung heranzuziehen wäre nicht schlau – irgendjemand könnte ja einen Vergleich mit den Zeigefingernden anstellen.
In Venezuela lag sie bei für Landesverhältnisse mäßigen 46 Prozent; der Sieger Nicolás Maduro erhielt davon zwar mehr als zwei Drittel, gehört aber einer Partei an, die die Reichtümer des Landes nicht so gern den Besitzenden verschenken mag. Also: „Das gilt nicht!“
Am Sonntag wird in Kolumbien gewählt, und 46 Prozent Beteiligung werden dort meist nicht erreicht. In Venezuelas Nachbarland wurden in den letzten Jahrzehnten Zehntausende Menschen massakriert oder vertrieben, die einen Hang nach links hatten oder weil sie Land besaßen, das andere zur Ausbeutung und Gewinnmaximierung vorgesehen hatten. Mehr als  7 000 politische Gefangene siechten jahrelang in überfüllten Knästen. Auch wurden 1 200 Menschen von Soldaten in Guerillauniformen gesteckt und erschossen, weil man Erfolge gegen die Aufständischen vorweisen musste – unter Schirmherrschaft des damaligen Verteidigungsministers Santos. Der ist danach zwei mal zum Präsidenten des Landes gewählt worden.
Nie, auch jetzt nicht, sind die Europäische Union oder die USA mit einer Nachfrage wegen Manipulationen, Chancengleichheit für die Opposition oder politischer Gefangener aufgefallen. Noch viel weniger hat man je die Rechtmäßigkeit von kolumbianischen Wahlen infrage gestellt.
Es muss mit dem Ergebnis zu tun gehabt haben.


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