Everybody’s Darling?

Hans-Peter Brenner über eine Nachlese zu 200 Jahre Marx
|    Ausgabe vom 25. Mai 2018

Hans-Peter Brenner ist stellvertretender Vorsitzender der DKP

Hans-Peter Brenner ist stellvertretender Vorsitzender der DKP

1918, es war das Jahr des 100. Geburtstages von Karl Marx, polemisierte W.  I. Lenin gegen den langjährigen Cheftheoretiker der SPD, Karl Kautsky, in einem Artikel, der die Überschrift trug: „Wie Kautsky Marx in einen Dutzendliberalen verwandelt hat.“ Kautsky hatte es zu einer Meisterschaft gebracht – mit Berufung auf Marx –, einen „Gegensatz zweier grundverschiedener Methoden: der demokratischen und der diktatorischen“ zu konstruieren und damit die russische sozialistische Oktoberrevolution als „Putsch“ abzustempeln.
In seiner Antwort belegte der „Diktator Lenin“, wie sehr Kautsky Schindluder mit dessen Auffassung von Klassenkampf und Klassenherrschaft betrieb. Sein Demokratie-Konzept habe jedoch nicht nur Marx in einen „Dutzendliberalen“ verwandeln sollen. Kautsky selbst sei auf „auf dem Niveau eines Liberalen angelangt, der banale Phrasen über ‚reine Demokratie‘ drischt, den Klasseninhalt der bürgerlichen Demokratie beschönigt und vertuscht und am meisten die revolutionäre Gewalt der unterdrückten Klasse fürchtet“.
50 Jahre später: Zum 150. Geburtstag von Marx dominierte eine andere Variante des Marx- Gedenkens.
Nicht nur, dass es auf den Straßen hoch herging und Studenten mit Marx-, Mao- und Ho-Chi-Minh-Plakaten gegen Bildungsmisere, Notstandsgesetze und den Krieg des US-Imperialismus gegen Vietnam, Laos und Kambodscha demonstrierten. Nicht nur, dass junge Arbeiter und Lehrlinge die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend gründeten, die sich zu den Ideen von Marx bekannte, und dass nur wenige Monate später die in die Illegalität getriebene KPD sich als DKP neukonstituierte und damit den Ideen von Marx auch wieder ein politisches und organisatorisches Sprachrohr verlieh.
Nein, auch damals gab es nicht wenige Versuche, den Revolutionär Marx in freundlicher Umarmung politisch zu ersticken. Im Mittelpunkt stand die Legende vom „jungen“, dem „eigentlichen“ Marx. Dabei waren vor allem die sogenannten „Frühschriften“ von Marx und Engels, insbesondere die „Pariser Manuskripte“, gemeint. Darin habe Marx noch mit einer enormen Geistesfrische und Ungestümheit gegen alles, was „den Menschen“ an seiner freien Entwicklung hemme, angeschrieben. Der spätere Innenminister der SPD-FDP-Regierung unter Kanzler Helmut Schmidt, Prof. Werner Maihofer (ein FDP-Mann), behauptete damals in der Gedenkschrift „Karl Marx 1818–1968. Neue Studien zu Person und Lehre“, dass es endlich an der Zeit sei, den „jungen“, den „originalen“, den „noch unerkannten“ Marx zu entdecken. Den Vordenker der „Lehre von einem menschlicheren Recht und einem menschlicheren Staat“. Im „orthodoxen Marxismus sei dieser Marx „ganz in Vergessenheit geraten“. Im Nachhin­ein klingt das so, als hätte Maihofer Marx zum Erfinder des ein Jahr später propagierten Wahlkampfslogans der FDP „Wir schneiden die alten Zöpfe ab!“ machen wollen.
An diese alten Versuche, Marx politisch einzuhegen, erinnern mich die derzeitigen Lobreden auf den „größten Sohn“ (und besten Devisenbringer) der Stadt Trier. Er soll zur „Geistesgröße“ idealisiert werden, der man in ihren dia­lektischen „Höhenflügen“ kaum folgen kann. Das Jubiläum geriet damit zu einer Verharmlosung seiner auch praktisch-organisatorischen Gegnerschaft zum System der kapitalistischen Ausbeutung und des Krieges. Wie Engels in seiner Grabrede würdigte, verkörperte Marx jedoch die Einheit von Wissenschaft und Politik. Marx „war der Mann der Wissenschaft. Aber das war noch lange nicht der halbe Mann (…) Denn Marx war vor allem Revolutionär. (…) Der Kampf war sein Element. Und er hat gekämpft mit einer Leidenschaft, einer Zähigkeit, einem Erfolg wie wenige. (…) Und deswegen war Marx der bestgehasste und bestverleumdete Mann seiner Zeit.“
Auf Marx als „Dutzendliberalen“ und Touristenmagneten können Kommunisten verzichten. Unersetzlich ist und bleibt er für uns als Revolutionär – als Theoretiker wie als Praktiker. In dieser Rolle darf er auch künftig der „bestgehasste und bestverleumdete Mann“ unserer Zeit bleiben. Und warum sollte es uns, seinen politischen Nachfahren, besser ergehen als ihm?


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Leserbrief zu Artikel »Everybody’s Darling?«, UZ vom 25. Mai 2018





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