Aufkaufen und platt machen

Weltkonzern ZF will Werk in Gelsenkirchen schließen – DKP fordert Erhalt des Standortes
Von Manfred Dietenberger
|    Ausgabe vom 1. Juni 2018
Die Lenkung der Wirtschaft ist in den falschen Händen – Das Beispiel ZF beweist es (Foto: ZF Friedrichshafen AG)
Die Lenkung der Wirtschaft ist in den falschen Händen – Das Beispiel ZF beweist es (Foto: ZF Friedrichshafen AG)

„Wir, die Beschäftigten des ZF-Standortes Gelsenkirchen, haben am 9. Mai vom Beschluss des ZF-Vorstandes erfahren, dass die Produktion unseres Werkes zum 31. Dezember 2018 beendet werden soll. Dies bedeutet das Ende von sicherer Arbeit und verlässlichem Einkommen für mehr als 500 hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Familien. Mit der Übernahme in den ZF-Konzern waren wir davon überzeugt, in einem sozial verantwortlichen und technologisch führenden Unternehmen eine dauerhafte Perspektive gefunden zu haben.“ So beginnt die Resolution der Beschäftigten von ZF in Gelsenkirchen.
Dem Standort, an dem vor allem mechanisch und hydraulisch geprägte Lenkungen gebaut werden, steht vor dem Aus. Kolleginnen und Kollegen von TRW in Gelsenkirchen und am ZF-Firmensitz in Friedrichshafen führten deshalb Betriebsversammlungen und Protestveranstaltungen durch. Ein Konzernsprecher behauptete, der Hintergrund für den Schließungsplan sei das Fehlen neuer Aufträge und der zunehmende Preisdruck bei Lenkungen für die Automobilindustrie – eine Trendwende sei nicht in Sicht. Der Standort lebe nur noch von den Aufträgen der Vergangenheit, die Stück für Stück ausgeliefert würden.
Die „Zahnradfabrik“ Friedrichshafen, bekannt als Spezialist für Getriebe- und Antriebstechnik, wurde 1915 ursprünglich zur Entwicklung und Produktion von Getrieben für Luftschiffe und Fahrzeuge gegründet. Laut ZF-Friedrichshafen hat der Konzern heute bundesweit um die 20 Standorte, am nächsten zu Gelsenkirchen liegt Witten, wo etwa 900 ZF-Beschäftigte Großgetriebe fertigen. Mit der Übernahme des US-Konkurrenten TRW Automotive für rund 10,4 Milliarden Euro wurde auch der TRW-Standort in Gelsenkirchen-Schalke 2015 vom Weltkonzern ZF übernommen, der spektakulär in die Weltliga der Automobilzulieferer aufstieg und nun als zweitgrößter Zulieferer der Welt zu den Global Playern gehört. Und dies, obwohl das Unternehmen nicht an der Börse notiert ist, sondern zwei Stiftungen gehört.
Die Übernahme von TRW war mehr als nur das Sahnehäubchen zum 100. Firmen-Jubiläum. Es ist die bisher größte Übernahme durch ein deutsches Unternehmen seit Beginn der Finanzkrise. Aber eine solche Übernahme kostete Geld, viel Geld. Das will sich ZF auch auf Kosten der Beschäftigten beschaffen, denn dem Mega-Konzern ZF fehlte und fehlt es an Eigenkapital. Das kann die ZF als Stiftungsunternehmen letztlich nur durch das Einbehalten von Gewinnen beschaffen.
Zur Finanzierung der Übernahme von TRW benötigte der Zulieferer ZF Friedrichshafen zunächst Finanzierungszusagen der Citigroup und der Deutschen Bank, denn auf dem eigenen Bankkonto lagen nur 1,9 Milliarden Euro Guthaben. Die Bankkredite dienten als Zwischenfinanzierung und wurden durch die Ausgabe von Anleihen abgelöst. Es folgte die Platzierung von Schuldscheindarlehen bei Privat-, Landes- und Genossenschaftsbanken, größtenteils in Deutschland, teilweise auch im restlichen Europa und in Asien. Diese wiederum müssen durch künftige Gewinne abgedeckt werden.
TRW fertigt in erster Linie Sicherheitsprodukte wie Airbags, Gurte, Brems- oder Fahrerassistenzsysteme. ZF war bisher vor allem auf Antriebe und Fahrwerke spezialisiert, sodass sich die Produktpalette durch die Übernahme von TRW gut ergänzen ließ. Zuvor verkaufte ZF noch eiligst seinen 50-Prozent-Anteil am Gemeinschaftsunternehmen ZF Lenksysteme an den Konkurrenten Bosch. Denn sonst wäre die Übernahme von TRW vermutlich kartellrechtlich nicht durchgegangen.
Dazu schreibt die DKP Gelsenkirchen in einem Solidaritätsschreiben an die nun von der Schließung bedrohten ZF-Kollegen: „ Dass Euer Werk mehrfach ausgezeichnet wurde, dazu habt Ihr über Jahre mit Engagement, Fleiß, Flexibilität, Loyalität und Innovation beigetragen. Nach einem langen Restrukturierungsprozess, für Euch verbunden mit Mehrarbeit und Einschnitten bei Lohn und Gehalt, wurde der TRW-Standort in Gelsenkirchen-Schalke 2015 vom Weltkonzern ZF übernommen. Im September 2016 habt Ihr noch das 50-jährige Standortjubiläum feiern dürfen. Und nun wird alles in Frage gestellt – in Frage gestellt wird Eure Zukunft und Existenzgrundlage – die Zukunft Eurer Familie und Eurer Kinder.“
Wie düster die Aussichten sind, falls die angedrohten Kündigungen nicht durch eine um ihre Arbeitsplätze kämpfende Belegschaft verhindert werden, steht ebenfalls im Solidaritätsschreiben der DKP: „Welche Möglichkeiten bietet Euch die Stadt Gelsenkirchen, eine Stadt mit 17577 Arbeitslosen im April 2018? Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 13,8 Prozent. Schön geschrieben, schön gerechnet. Nicht berücksichtigt sind 24 362 Unterbeschäftigte (ohne Kurzarbeit, 18,5 Prozent), dem stehen 2 175 gemeldete Arbeitsstellen gegenüber. Meistens handelt es dabei sich um prekär bezahlte Arbeit: Leiharbeit, Zeitarbeit und Minijobs“. Und die Genossen der DKP Gelsenkirchen haben nicht vergessen, was mit ortsansässigen Unternehmen wie Wellpappe GmbH, Tectum Group, Seppelfricke Armaturen, Schalker Eisenhütte, Vaillant oder der Bäckerei Stauffenberg passiert ist: „Alles alteingesessene Unternehmen und Betriebe“, die „dicht gemacht“ wurden. „Tausende Arbeitsplätze, die es in Gelsenkirchen nicht mehr gibt.“ Die DKP Gelsenkirchen fordert den Erhalt aller Arbeitsplätze bei ZF/TRW in Gelsenkirchen-Schalke.
Obwohl das Thema Lenkungen eine Schlüsseltechnologie zum autonomen Fahren ist, hält die Konzernleitung am Schließungsplan fest. Dies gibt ein Konzernsprecher auch freimütig zu: „Wir investieren global massiv in den Bereich Lenkungssysteme und wollen hier Technologieführer werden.“ Und er ergänzt: „80 Prozent der weltweiten Produktion solcher Lenkungen findet in Niedriglohnländern statt.“ ZF stehe zu seiner Verantwortung gegenüber den früheren TRW-Mitarbeitern in Gelsenkirchen, die der Konzern im Zuge der Übernahme des US-amerikanischen Rivalen 2015 in den Konzern eingegliedert habe. ZF biete allen Mitarbeitern deshalb an, auf Arbeitsplätze an anderen deutschen ZF-Standorten zu wechseln.
Aber auch dort sorgen sich die Beschäftigten um ihre Zukunft. Anlass ist neben der geplanten Betriebsschließung bei TRW-ZF eine von einem Konzernsprecher wohl eher versehentlich preisgegebene Haltung der ZF-Führungsetage, dass „50 000 Mitarbeiter in Deutschland eigentlich zu viel sind“, wie er in einem Interview mit einer Lokalzeitung kundtat. Rund 700 Beschäftigte von ZF-F nutzten spontan die Gelegenheit, um sich beim Betriebsrat über die jüngste Entwicklung zu informieren. Achim Dietrich, Gesamtbetriebsrats-Vorsitzender, nannte die Schließungspläne des Managements „verantwortungslos“ und kritisierte die zunehmende Verlagerung von Produktionsarbeitsplätzen nach Osteuropa – dorthin, wo die Arbeits- und Lohnbedingungen am schlechtesten seien. „Lohnkonkurrenz auf dem Rücken der Beschäftigten ist mit uns nicht zu machen“, stellte Dietrich klar. „Der Mensch kommt vor der Rendite. So war das bisher bei ZF“. Doch wenn die Kolleginnen und Kollegen an den ZF-Standorten nicht wachsam sind, dann kann es, wie man sieht, schnell anders kommen.
Bisher boomt die ZF am Stammsitz in Friedrichshafen. Hier sorgen rund 9 500 Arbeiterinnen und Arbeiter dafür, dass die Produktion auf Hochtouren läuft. Das lässt sich leicht mit Zahlen aus der ZF-Bilanz von 2017 belegen: Ein Rekordumsatz von 36,4 Milliarden Euro und ein Gewinn von 1,167 Milliarden Euro. Der Betriebsrat von ZF-F rechnet damit, dass im Mai bei vielen Beschäftigten 50 Überstunden durch Sonderschichten dazu kommen, während eigentlich maximal 35 im Monat erlaubt sind. „Wir brauchen weiter Personal“, sagt Achim Dietrich.
Für die mehr als 600 Kilometer entfernt von Gelsenkirchen von Entlassung bedrohten Kolleginnen und Kollegen ist das ist kein Trost, selbst wenn sie vom Konzern das Angebot bekommen würden, erst einmal nach Friedsrichshafen wechseln zu können. Arbeitsplatzsicherheit gibt es auch dort nicht.


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Leserbrief zu Artikel »Aufkaufen und platt machen«, UZ vom 1. Juni 2018





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