Soumaila, einer von uns!

Von Siro Torresan, Chefredakteur Vorwärts
|    Ausgabe vom 15. Juni 2018

„Ich werde mit Orban Europa verändern“, kündigte der neue Innenminister und Vize-Premierminister Italiens Matteo Salvini der rechtspopulistischen, rassistischen Lega an und reichte so seinem politischen Busenfreund aus Ungarn die Hand. Mehr als eine Ankündigung ist es eine ernst zu nehmende Drohung. Und in gewohnter Manier heizte Salvini die Stimmung gegen die Migranen weiter an: „Das schöne Leben ist vorbei!“, verkündete er ihnen.
Einen Tag später, am 3. Juni, wird in der süditalienischen Region Kalabrien der sich legal im Lande aufhaltende 29-jährige Taglöhner Soumaila Sacko erschossen, zwei Freunde von ihm werden verletzt. Vier Schüsse werden abgefeuert. Die zuständige Staatsanwaltschaft beeilt sich zu verkünden, dass Soumaila und seine Freunde bei einem Diebstahl erwischt worden seien und es sich somit bei der Tat um Notwehr handle. Doch: Der junge Mann aus Mali, der sich aktiv für die Rechte der TaglöhnerInnen in der Basisgewerkschaft Unione Sindacale di Base (USB) engagierte, wurde von den Unbekannten aus einer Distanz von 150 Metern mit einem Gewehr ermordet. Notwehr aus 150 Metern? Als die tödlichen Schüsse fielen, befand sich Soumaila in einem seit Jahren verlassenen Fabrikgebäude auf der Suche nach Blech, um sich eine Hütte zu bauen. Er lebte im Zeltdorf San Ferdinando in der Provinz Vibo Valentia unter unmenschlichen Bedingungen mit weiteren 4 000 rechtlosen Migranten, die als Taglöhner zehn bis zwölf Stunden am Tag für einen Hungerlohn unter der Sonne in der brütenden Hitze Süditaliens Gemüse und Früchte ernten.
„Notwehr, Abschiebungen, eiserne Faust, Ende des schönen Lebens; auf der Basis dieser Anweisungen empfand es der Mörder als sein Recht, das Feuer gegen Soumaila und seine Freunde zu eröffnen“, schreibt die USB. Sie fügt hinzu: „Es gibt nicht nur einen Verantwortlichen, es ist auch kein Zufall; es herrscht ein Klima des Hasses, geschaffen von denen, die versuchen, die Wut der betroffenen Menschen über die Verschlechterung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen gegen die MigrantInnen zu richten.“
Am Tag nach dem Mord traten die Taglöhner in den Streik. Lautstark skandierten sie die Parolen „Soumaila, einer von uns!“ und „Niemals Sklaven!“. Sie forderten, endlich als Menschen behandelt und respektiert zu werden und nicht mehr als billige Ware. Die Taglöhner sind in Süditalien die modernen Sklaven, nichts anderes. Sie werden von den Gutsherren ausgewählt, als wären sie im Supermarkt ausgestellt und müssen dann zu unmenschlichen Bedingungen für maximal drei Euro pro Stunde auf den Feldern schuften. Die Gutsherren erzielen so einen Riesenprofit. Das ist die Realität in einem so genannten zivilisierten Land der EU!
„Salvini sagen wir, dass das schöne Leben vorbei ist, und zwar für ihn, denn das schöne Leben gibt es für uns nicht. Wir kennen nur harte Arbeit“, sagte Ababacur Sauomaoure, Mitglied der nationalen Leitung der USB, auf der Protestkundgebung der Streikenden. Die Wut, aber vor allem seine Entschlossenheit standen ihm im Gesicht geschrieben: „Wir sind ArbeiterInnen, ItalienerInnen, AfrikanerInnen, weiße, schwarze und gelbe. Wir haben das gleiche Blut und wir wollen die gleichen Rechte! Sie wollen den Krieg zwischen uns Armen, zwischen uns ArbeiterInnen. Das dürfen wir nicht zulassen!“


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