Kultur
Themen: Filme

„Papst Franziskus. Ein Mann seines Wortes“

Wim Wenders‘ Film ist in den Kinos angelaufen
Von Barbara Imholz
|    Ausgabe vom 29. Juni 2018
Franziskus kommt aus barocken Vatikan nicht heraus (Foto: [url=https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Papst_Franziskus.JPG]Christoph Wagener{/url])
Franziskus kommt aus barocken Vatikan nicht heraus (Foto: [url=https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Papst_Franziskus.JPG]Christoph Wagener{/url] / Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Wenders-Filme mag man als den film­ästhetischen Ausdruck des deutschen „Wohlfühl-Chauvinismus“ und „Gutmenschentums“ ansehen. In einem aktuellen Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bezeichnet Wenders seinen Papstfilm auch als „Aufruf an alle Menschen guten Willens“. Wie viel Geld der Vatikan in die Produktion gesteckt hat, ist nicht bekannt, aber so ganz ohne Zuschüsse wird es nicht gegangen sein.

Unsere Rezensentin ist Religionslehrerin und Mitarbeiterin im AK ReligionslehrerInnen am Institut für Theologie und Politik in Münster. Das Institut für Theologie und Politik (ITP) ist ein als gemeinnützig und wissenschaftlich anerkannter Förderverein. Grundlage seiner Arbeit ist die „Befreiungstheologie“, ihr Anspruch ist, Herrschaftsverhältnisse in Frage zu stellen, um Gesellschaft zu begreifen und solidarische Alternativen zu entwickeln.

Gab es jemals in der jüngsten Kirchengeschichte einen Werbefilm für einen Papst? In den letzten Jahren bemühen sich die Kirchen zwar bei uns in Deutschland angesichts ihres massiven Mitgliederschwunds aufgrund eines Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlusts um ein „modernes“ Gesicht, doch es bleibt ein schaler Geschmack zurück. Wer mit dieser Erwartung sich den Film von Wim Wenders zumuten wollte, wird positiv enttäuscht. Tatsächlich hebt sich der Film inhaltlich und ästhetisch davon wohltuend ab. Wim Wenders gelingt es, einen Werbefilm für die zentrale Botschaft des Evangeliums im 21. Jahrhundert zu machen mit dem Anspruch, „dass dies kein Film über den Papst, sondern einer mit ihm ist, der Kinosaal folglich zum Verkündigungsort seiner Gedanken und Worte wird“.
Wer ein grundsätzliches Problem mit katholischer Kirche und christlicher Spiritualität hat, für den wird der Film schwer verdauliche Kost. Wim Wenders bleibt ganz nah am Papst durch Interviews und Filmsequenzen, die ihn an Stationen überall dort in der Welt dokumentieren, wo es „brennt“. In chronologischer Reihenfolge zeichnet Wenders bis ins Kleinste durchkomponiert nach, in welcher Radikalität und Entschlossenheit dieser Papst die zentralen Probleme unserer Zeit mit aller ihm zur Verfügung stehenden Autorität und Popularität skandalisiert. Innerhalb seiner kurzen Amtszeit seit 2013 stürmt er durch alle Bruchstellen kapitalistischer Globalisierung inklusive seines eigenen „Ladens“, in Szene gesetzt durch das Papamobil, das Franziskus dynamisch von Ort zu Ort zu bringen scheint.
Kann man dem Regisseur vorwerfen, dass er Franziskus in seiner Anklage verharren lässt? Politisch verantwortliche und interessengeleitete Subjekte oder gar „sündige“ Strukturen werden nicht benannt. Eine Geißelung bürgerlicher Exit-Sstrategien und ihres Versagens angesichts der tagtäglich stattfindenden Katastrophen unterbleibt. Nach Utopien, wie die kapitalistischen Verwerfungen zu überwinden seien, sucht man vergeblich. Es muss hier auch gesagt werden, dass der Papst weitaus politischer agiert und sich viel konkreter in Konflikte einmischt, als es im Film deutlich wird. Dies ist nicht Gegenstand der Inszenierung.
Wim Wenders Film rührt ans Herz, ist dabei nicht kitschig. Er ist eine Hommage an Papst Franziskus. Wenders dokumentiert das legendäre Interview im Flugzeug, in dem der Papst Schwule und Lesben als Christinnen und Christen in die Gemeinschaft der Gläubigen ruft. Er verurteilt aufs Schärfste sexuellen Missbrauch durch Priester und verlangt die Entfernung der Täter aus dem Amt sowie zivile Anklagen vor Gericht. Die Zerrüttung der Familie als Institution beklagt er immer wieder. Diese Position ist sein schwächster Punkt, da er traditionellen Vorstellungen verhaftet bleibt. Aus Frauenperspektive ist von diesem Papst in feministischer Hinsicht nichts zu erwarten.
Wenders ist sich tatsächlich der Wortmächtigkeit dieses Papstes bewusst und hat entsprechend zielsicher den Filmtitel gewählt. Franziskus fordert eine arme Kirche für die Armen. Es geht um soziale Gerechtigkeit im Hier und Jetzt, da alle Menschen vor Gott gleich sind. Daraus verbietet sich jedwede Herabwürdigung eines menschlichen Wesens. Es geht um das Verhältnis zur Natur als Schöpfung Gottes, die um jeden Preis bewahrt werden muss.
Als Rahmen wählt Wim Wenders den Rückgriff auf Franz von Assisi, den der Argentinier Jorge Mario Bergoglio für sich als Referenzpunkt seines Pontifikates wählte, übrigens als erster Papst in der Geschichte. Der Film beginnt mit Aufnahmen in den Bergen bei Assisi und endet dort. Szenen eines offensichtlich alten Stummfilms über den heiligen Franziskus werden absichtsvoll eingeblendet und strukturieren Wenders’ Darstellung von Bergoglios Theologie. Die Kirche muss wieder arm werden, sagt Bergoglio, um bei ihrer zen­tralen Botschaft zu sein. Dass sie dann ein anderes Gesicht bekommt, liegt auf der Hand. Was für ein Papst, der sich wünscht, dass sein Amt in der Zukunft Geschichte sein wird!
Und so beginnt auch der Reigen mit einer sehr subtilen Kritik am Klerus und seinen verkrusteten Strukturen, ein langer Kamerablick schweift über das versammelte Episkopat. Jeder versteht sofort die Botschaft, dass hier keine Perspektive für die Zukunft wartet, aber auch dass Papst Franziskus mächtige Feinde hat. Er prangert die Zerstörung der Natur durch eine „Ökonomie, die tötet“ (esta economia mata), an und fordert sofortige Umkehr. Die nächsten Bilder: Franziskus im Gefängnis. Er versteht Symbole und setzt sie dort ein, wo Worte versagen. Deshalb wäscht er den Gefangenen die Füße. Die nächsten Bilder stammen aus Lampedusa, seine erste Reise nach der Wahl 2013. Er spricht hier von der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ und dass wir uns nicht an das Elend und den Tod der Tausenden von Flüchtlingen gewöhnen dürfen, statt Solidarität zu üben. Es sind Menschen wie wir, die aus wirtschaftlicher Not und Krieg einen Ausweg suchen und das ist ihr gutes Recht, sagt Franziskus und zitiert dabei die Bergpredigt. Wer Flüchtlinge nicht aufnehmen will, will sich nicht verändern, will sich nicht entwickeln, sagt er. So einfach ist das in der Sprache des Papstes, wenn man sie denn versteht.
Diese Botschaft würde man gerne unserem Innen- und Heimatminister Horst Seehofer als angeblich gläubigem Katholiken zukommen lassen. Weitere Stationen auf Wenders‘ Papstreise zeigen Franziskus an Brennpunkten sozialer Not in Afrika, Lateinamerika und Asien. Er macht den Menschen Mut, ohne zynisch zu sein. Weitere Stationen vor dem Kongress in den USA, als er den Waffenhandel anprangerte, und seine Rede vor der UNO werden kurz eingeblendet.
Papst Franziskus entschuldigt sich in Yad Vashem für das Versagen der katholischen Kirche im Faschismus. Wenders blendet hier immer wieder erdrückende Bilder von befreiten KZ-Häftlingen ein und lässt die Szene mit dem Satz auslaufen, dass so ein Unrecht nie wieder geschehen dürfe. Schnitt, dann wieder Flüchtlinge, Frauen, Männer und Kinder mit erkennbar erleichterten Gesichtern, die aus Seenot gerettet werden. Wer diese Botschaft nicht versteht, will sie nicht verstehen!
Was bleibt?
Ein Werbefilm für die christliche Botschaft, dass diese Welt nicht so bleiben kann, wie sie ist, und dass wir handeln müssen. Wie das aber gehen soll, bleibt die Leerstelle. Da hätte man sich doch noch mehr Einblicke in die Widersprüchlichkeit einer Kirche und ihres obersten Hirten gewünscht, die vielleicht deren historisches Ende einleiten kann.

Wenders-Filme mag man als den film­ästhetischen Ausdruck des deutschen „Wohlfühl-Chauvinismus“ und „Gutmenschentums“ ansehen. In einem aktuellen Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bezeichnet Wenders seinen Papstfilm auch als „Aufruf an alle Menschen guten Willens“. Wie viel Geld der Vatikan in die Produktion gesteckt hat, ist nicht bekannt, aber so ganz ohne Zuschüsse wird es nicht gegangen sein.

Unsere Rezensentin ist Religionslehrerin und Mitarbeiterin im AK ReligionslehrerInnen am Institut für Theologie und Politik in Münster. Das Institut für Theologie und Politik (ITP) ist ein als gemeinnützig und wissenschaftlich anerkannter Förderverein. Grundlage seiner Arbeit ist die „Befreiungstheologie“, ihr Anspruch ist, Herrschaftsverhältnisse in Frage zu stellen, um Gesellschaft zu begreifen und solidarische Alternativen zu entwickeln.


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Leserbrief zu Artikel »„Papst Franziskus. Ein Mann seines Wortes“«, UZ vom 29. Juni 2018





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