Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 29. Juni 2018

Netzwerker
Die Wissenschaft solle sich bei der Auseinandersetzung mit „Fake News“ nach Ansicht von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) stärker einbringen. Das Mainauer Manifest beispielsweise, 1955 von Otto Hahn initiiert, war ein Friedensappell von zunächst 18 internationalen Nobelpreisträgern, der den Staaten und Regierungen der Welt die Gefahren der militärischen Nutzung der Kernenergie deutlich machen sollte. Ein Jahr später schlossen sich insgesamt 52 Nobelpreisträger der Warnung vor einem nuklearen Krieg an. Die Teilnehmer der Lindauer Tagung verstehen sich als Netzwerker, laden dazu rund 600 Nachwuchswissenschaftler ein, ob das von der Ministerin gewünschte Thema die Wissenschaftler interessiert, ist dem umfangreichen Programm nicht zu entnehmen. Wesentlicher sind Entwicklungen in Biologie, Physiologie und Medizin. Sponsoren sind dieses Jahr McKinsey, Boehringer und große Wissenschaftsverlage.
Inflationär
Anlässlich der Tagung des Welterbekomitees der UNESCO in Bahrain hoffen zwei deutsche Stätten, in die Welterbe-Liste aufgenommen zu werden: die Wikingerstätten Haithabu und Danewerk in Schleswig-Holstein sowie der Naumburger Dom in Sachsen-Anhalt. Die Gemeinschaft der „UNESCO-Welterbestätten Deutschland“ hat sich 1989 gegründet; sie wurde im Jahr 2001 ein eingetragener Verein. Ihre Ziele sind, die deutschen Welterbestätten bekannter zu machen sowie Denkmalschutz und Tourismus besucherfreundlich zu koordinieren. Vertreter des Tourismus, der Welterbestätten sowie Experten des Denkmal- und Naturschutzes wollen einen behutsamen und gleichzeitig denkmalverträglichen Tourismus fördern. Wohin das führt, kann jeder erleben, der die Busladungen wahrnimmt, die sich vor solchen Orten quetschen.

Großartig
Das Bündnis für Soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde (BüSGM) hat in diesem Jahr seinen Preis für Solidarität und Menschenwürde an die bewundernswerte Gina Pietsch verliehen. Ellen Brombacher fragte in ihrer Laudatio: „Ist es ‚nur‘ Ginas Stimmgewalt, die Kunst ihrer Darstellung? Sind es ‚nur‘ die mit Klugheit und außerordentlichem Fleiß ausgewählten Texte, die sie allesamt auswendig vorträgt? Ist es ‚nur‘ die Professionalität, die makellose, geschliffene Perfektion – die das Maß an Arbeit und Anstrengungen hinter der scheinbaren Leichtigkeit und der realen Wärme des Auftritts verbirgt?“ Sie sei der Kunst und ihren Überzeugungen verpflichtet. In ihrer Dankesrede gibt Gina Pietsch eine Antwort: „Eigentlich weiß ich nur eins: meine Haltung zu dieser großen, wie Brecht es gerne nannte, dritten Sache, also dem Kampf gegen eine Gesellschaft der Ausbeutung, für eine sozialistische, wenn auch ich diese nicht mehr erleben werde. Diese Haltung habe ich im Elternhaus, in Schulen, Hochschulen und Universitäten der DDR gelernt, nie vergessen und bin auch nicht gewillt, sie in meinem Leben noch vergessen machen zu lassen.“ Wir freuen uns, auch in diesem Jahr Gina Pietsch, gemeinsam mit ihrer Tochter Frauke, wieder auf dem Pressefest begrüßen zu können und ihre Kunst zu erleben.

Fragwürdig
Zum 50. Jahrestag der Sprengung der Potsdamer Garnisonkirche haben die Gegner des umstrittenen Wiederaufbaus einen Baustopp gefordert. Das sieht die Bundesregierung anders und bezuschusst den Turmbau als „Projekt von nationaler Bedeutung“ mit zwölf Millionen Euro. Die Evangelische Kirche gibt Darlehen in Höhe von insgesamt fünf Millionen. Doch die eigens eingerichtete Stiftung hat die Kosten für den Turm noch nicht zusammen. Finanziert sind bislang nur gut 26 Millionen für eine Rumpfversion des Turms ohne barocke Zier, für die Fertigstellung sind mindestens weitere zehn Millionen Euro notwendig. Die sollen durch Spenden zusammenkommen. Zu hoffen ist, dass dies nicht klappt, obwohl dann wieder eine Ruine rumsteht.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 29. Juni 2018





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