Warum Türkeistämmige Erdogan wählen

Von Yücel Özdemir
|    Ausgabe vom 6. Juli 2018

Yücel Özdemir von der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF) gibt drei Antworten, warum 65 Prozent der 660 000 Wähler in Deutschland für Erdogan gestimmt haben.


Erstens: Es ist kein neues Phänomen und auch seit Jahren hinlänglich bekannt, dass der Anteil der Erdogan-Befürworter in Deutschland höher ist, als in der Türkei. Die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität war bei der ersten Generation sehr ausgeprägt. Die Sorge, in der Fremde ihre nationale, kulturelle und religiöse Identität preisgeben zu müssen, führte dazu, dass sie sich umso stärker diesen Werten zuwandten. Diese Sorge gaben sie auch an die Nachfolgegenerationen weiter. Dass der überwiegende Teil der ersten Generation aus den Dörfern und Regionen der Türkei entstammt, in denen Erdogan die besten Wahlergebnisse erzielt hat, zeigt, wie stark ihre „Bindung an die Heimat“ ist. Es gibt eine Parallelität zwischen ihrer Herkunftsregion und ihrem Wahlverhalten. Ähnliches gilt für Kurden oder die Minderheit der Aleviten. Ein entscheidender Faktor für Erdogans gutes Wahlergebnis ist ferner die Tatsache, dass das aus Verbänden und Institutionen in Deutschland bestehende Erdogan-Netzwerk, das mit der Unterstützung und Umsetzung seiner Politik beauftragt ist, hierzulande straff und gut organisiert ist, wie der Verband DITIB, der von der Bundesregierung als Ansprechpartner anerkannt ist und finanziell unterstützt wird.
Zweitens: Die Politik des deutschen Staates, der Parteien und Medien und ihre Sprache treibt diese Menschen stärker in die Arme Erdogans. Die Mehrheit der Türkeistämmigen, die sich als Opfer von Diskriminierung sehen, denen die Gleichberechtigung vorenthalten wird, sehen in der Türkei immer mehr die erste Zufluchtsstätte für den Fall, dass sich Deutschland nicht mehr als Lebensraum eignet. Deshalb setzen sie sich für den viel gescholtenen Erdogan ein, mit dem sie die Türkei gleichsetzen.
Drittens: Für die Wähler von Erdogan spielen bei der Stimmabgabe nicht ihre Klasseninteressen, sondern religiöse und nationale Werte eine vordergründige Rolle. Da sie von den wirtschaftlichen Problemen in der Türkei nicht unmittelbar betroffen sind, orientieren sie sich nicht an solchen Fragen. Im Gegensatz dazu bilden bei Wahlen in Deutschland ihre Klassenlage und -interessen die Grundlage für ihre Stimmabgabe. Dementsprechend wählen sie vor dem Hintergrund der Wirtschaftsentwicklungen und deren Auswirkungen auf sie selbst, also in Deutschland, eher links.


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Leserbrief zu Artikel »Warum Türkeistämmige Erdogan wählen«, UZ vom 6. Juli 2018





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