Die neue Weltlage und die Linke des Westens

Auszug aus: „Wenn die Linke fehlt“
Von Domenico Losurdo
|    Ausgabe vom 6. Juli 2018

Domenico Losurdo
Wenn die Linke fehlt…
Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg
Paperback, 373 Seiten, 19,90 Euro
PapyRossa Verlag, Köln 2017

Domenico Losurdo

Domenico Losurdo

Der (auch technologisch) rasante Aufstieg Chinas ist der spektakulärste Beweis für die epochale Veränderung der Kräfteverhältnisse, die sich derzeit weltweit vollzieht.
Es ist aber eine Veränderung, die, weitab davon, zu Vorsicht zu mahnen, die abenteuerlichsten Kreise des Westens, vor allem seiner Führungsmacht, zu einem gereizten geopolitischen und militärischen Aktivismus treibt: Man muss sich beeilen, ehe es zu spät ist, um für Jahrzehnte den Vorsprung zu konsolidieren und zu stabilisieren, den weiterhin die Erste kapitalistisch-imperialistische Welt und vor allem jene Nation genießen, die sich als von Gott „erwählt“ und als einzige „unverzichtbare“ betrachtet. Die diversen lokalen Kriege, die als unterschiedlich eingefärbte „Farbenrevolutionen“ verkleideten Staatsstreiche, die gegen das eine oder andere Land in Gang gesetzten Destabilisierungsversuche, die gravierenderen Initiativen militärischer, politischer bis hin zu ökonomischer Strategie (man erinnere sich an die „ökonomische NATO“) – all diese Prozesse und Spielzüge enthüllen, trotz ihrer extremen Unterschiedlichkeit, einem genaueren Blick ein gemeinsames Merkmal: Die Absicht nämlich, Russland und besonders China in immer größere Schwierigkeiten zu bringen. Was das letztere angeht, haben die US-amerikanischen Analysten und Strategen kein Problem damit, ihren Plan offen darzulegen: Man muss so vorgehen, dass die Energieversorgung des großen asiatischen Landes, das nicht über Rohstoffe wie Öl und Gas verfügt, möglichst massiv Gewaltmaßnahmen seitens der übermächtigen Kriegsmarine der USA ausgesetzt ist, die so grundsätzlich die Macht über Leben oder Tod von mehr als 1,3 Milliarden Menschen ausüben könnte. Es gibt auch Analysten und Strategen, die von Krieg sprechen und deshalb schon mögliche Szenarien eines großen Krieges, ja eines Dritten Weltkriegs untersuchen.
Die Ideologie, die ihn legitimieren und absegnen soll, ist schon fertig, wird seit kurzem bereits obsessiv vertreten und flächendeckend verbreitet dank des noch vom Westen gehaltenen Monopols der Ideen und vor allem der Emotionen und mit Hilfe unbewusster Techniken, die Empörungsterror erregen und in vielen Fällen das kritische Denken unterbinden können. Es ist die Ideologie, die von Anfang an die Geschichte der USA begleitet hat, die sich schon in den Jahrzehnten als „Reich der Freiheit“ brüsteten, in denen quasi all ihre Präsidenten Sklavenhalter waren und das Land auf dem amerikanischen Kontinent den Befürwortern des Instituts der Sklaverei als Maßstab galt. Zu einem großen Teil ist auch die westliche Linke Opfer oder Träger dieser Ideologie, die den Tauglichkeitstest von Jahrhunderten Geschichte und Krieg siegreich überstanden hat. Diese Linke hält sich für kritisch und vorurteilsfrei, ist aber in Wirklichkeit chauvinistisch und macht sich den Chauvinismus der Ersten Welt zueigen.
Ich habe von der Linken gesprochen, ohne zwischen „gemäßigter Linker“ und „radikaler Linker“ zu unterscheiden. Der Grund für mein Vorgehen ist einfach. Nehmen wir den Libyenkrieg. Sein neokolonialer Charakter, seine Wiederholung eines wohlbekannten Kapitels des Kolonialismus (das Sykes-Picot-Abkommen von 1916) haben sich in Stellungnahmen der unbefangeneren Analysten des Westens und in Artikeln der wichtigsten Presseorgane niedergeschlagen. In Italien jedoch haben zwei berühmte Persönlichkeiten wie Camusso und Rossanda, die Generalsekretärin der CGIL und eine der Gründer(innen) der „kommunistischen Tageszeitung“ „Il manifesto“, Stellung genommen zugunsten eines infamen Kolonialkriegs, der Zehntausende Tote gekostet und ein Land auch auf politischer Ebene zerstört hat! Wollen wir Rossanda eine Neigung zum Moderaten unterstellen?
Wir haben ja gesehen, wie Hardt, der neben Negri weltweit einer der am meisten gefeierten Vertreter der „radikalen Linken“ ist, 1999 den Jugoslawienkrieg legitimiert hat, dessen alles andere als humanitärer Charakter von einem konservativen Historiker wie Ferguson stillschweigend anerkannt worden ist. Hardt (und Negri) aus der „authentischen“ radikalen Linken ausschließen zu wollen, hätte wenig Sinn: Es gibt schließlich auch trotzkistische Bewegungen, die sich zugunsten der Rebellen in Libyen und Syrien geäußert haben. Sollte jemand gerade die Trotzkisten als der „authentischen“ kommunistischen Bewegung fremd betrachten, sollte er sich bewusst sein, dass die, die gegen China die Gemeinplätze der herrschenden Ideologie und Macht wiederkäuen, bisweilen kommunistische Organisationen und Parteien sind, die Stalin verehren. Auf der anderen Seite hat auch das breite Lager jener, die die versteckten Staatsstreiche der „Farbenrevolutionen“ als Volksaufstände begrüßt haben, sich nicht an die Grenzen zwischen „gemäßigter“ und „radikaler Linker“ gehalten.
Unabhängig von den Stellungnahmen zu diesem oder jenem aktuellen Problem gibt die Tatsache zu denken, dass es der Linken, häufig auch der „radikalen“, anzumerken ist, dass sie unkritisch den vom Westen eingerichteten heiligen Kalender verinnerlicht hat: Jedes Jahr wird feierlich der Tragödie vom Tienanmen-Platz gedacht, nicht jedoch der von Kwangju, die sich in Südkorea in ähnlicher Weise und mit einer weit höheren Zahl an Opfern ereignet hat. Neben dem heiligen Kalender lässt sich die Linke, manchmal auch die „radikale“, von der herrschenden Ideologie und Macht auch die Erklärung der Menschenrechte diktieren: Die Äußerungen zu diesem Thema und die diesbezüglich über diverse Akteure der internationalen Politik gefällten Urteile ignorieren oft die sozialen und ökonomischen Rechte und die „Freiheit von Not“ wie die „Freiheit von Angst“. Auch wenn sie zugunsten jener Rechte und Freiheiten Stellung bezieht, zeigt oder vertritt die Linke (bis hin zur „radikalen“) eine Kultur, die nicht selten in mehr oder weniger scharfem Widerspruch zu dem Ziel steht, das sie verfolgen zu wollen erklärt.
Deshalb sind aber die Unterschiede im Rahmen der Linken nicht unbedeutend geworden. Was die internationale Politik angeht, muss man zu unterschieden wissen zwischen der imperialen Linken, die sich dieser unterordnet, und jener Linken, die sich tatsächlich gegen die imperiale Linke stellt. Entsprechend muss man zu unterscheiden wissen zwischen jener Linken, die sich inzwischen neoliberalen Positionen angeglichen hat, und derjenigen, die (auf politischer und kultureller Ebene) mehr oder weniger konsequent und mehr oder weniger klarsichtig an der Verteidigung der sozialen und ökonomischen Rechte arbeitet. Natürlich ist die Lage von Land zu Land auch ganz unterschiedlich. Doch trotz der hier und da erkennbaren Zeichen für einen erneuten Aufschwung der kommunistischen, und allgemeiner einer der herrschenden Ordnung innenpolitisch und international wirklich entgegenstehenden, Bewegung scheint die Linke im Westen sich insgesamt durch Konfusion und Zerfall auszuzeichnen.
Das ist eine besorgniserregende Situation, die nicht allein durch das Anprangern des Opportunismus oder mittels Appellen an revolutionäre Zielstrebigkeit überwunden werden kann. Zuallererst wird eine Analyse der weltweiten neuen Lage gebraucht, die entstanden ist.

Übersetzung aus dem Italienischen
von Christa Herterich


 

Der marxistische Philosoph und Historiker Domenico Losurdo ist tot, das teilte die von ihm mitbegründete Kommunistische Italienische Partei (PCI) in der vergangenen Woche mit. Er starb am 28. Juni im Alter von 77 Jahren. Wir dokumentieren an dieser Stelle Auszüge aus Mitteilungen und Nachrufen.


Domenico Losurdo wurde am 14. November 1941 in Sannicandro di Bari geboren und schloss sein Philosophiestudium 1963 an der Universität Urbino mit einer Doktorarbeit über den Hegel-Schüler Karl Rosenkranz ab. Er arbeitete dort als Hochschullehrer für Geschichte der Philosophie, war Dekan der Philosophischen Fakultät und gehörte zahlreichen internationalen Gesellschaften an, war Präsident der »Internationalen Gesellschaft Hegel-Marx für dialektisches Denken« und Mitglied der Leibniz-Sozietät Berlin. Seit 1993 gab er zusammen mit Hans Heinz Holz bis zu dessen Tod 2011 die Halbjahreszeitschrift „Topos“ heraus.
Losurdo war einer der produktivsten marxistischen Autoren der vergangenen Jahrzehnte. Er schrieb mehr als 50 Bücher auf Italienisch, war Herausgeber und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zunächst auf deutsch, nicht zuletzt in „junge Welt“. Die Zahl seiner in andere Sprachen übersetzten Bücher ist unüberschaubar. (…)
Losurdos Arbeit (…) kreist um ein Existenzproblem der heutigen Menschheit: Wer zerstört die Idee von ihrer Einheit ohne Diskriminierung, dem Anfang kommunistischer Bewegung, und wer rettet sie? Kämpferischer Humanismus in Losurdos Sinn wird zur Überlebensfrage.

Arnold Schölzel in „junge Welt“


Die Gegner der kapitalistischen Unordnung haben am 28. Juni 2018 ihren wohl wichtigsten Denker verloren, und das weltweit. (…)
Es war sein weiter Blick auf die Klassenkämpfe in der ganzen Welt, der ihn nach dem Zusammenbruch des europäischen Sozialismus nicht verzweifeln ließ. Über den zerknirschten Eurozentrismus so vieler hiesiger Linker konnte er sich nur wundern. Er verwies dann stets auf all die aktuellen Klassenkämpfe in der Dritten Welt, etwa in Brasilien, dem Land, in dem seine Bücher am weitesten verbreitet sind und wo er nicht selten vor tausenden Zuhörern sprach. Und er verwies auf China, dessen Entwicklung er genau beobachtete. Das schon heute erreichte Gewicht dieses Landes in der Welt bewertete er höher als das der gewesenen Sowjetunion. Er sah daher durchaus Möglichkeiten für einen Wiederaufschwung der sozialistischen Bewegung. Er war Optimist.
Zugleich sah er aber die tiefen Zweifel, die schreckliche Niedergeschlagenheit, ja den Selbsthass europäischer Linker angesichts der erlittenen Niederlage. Um dieser Stimmung zu begegnen, begann er nach 1991 in seinen historischen wie philosophischen Arbeiten noch einmal die ganze Geschichte des Liberalismus durchzugehen. Er zeigte auf, dass „der Westen“ keineswegs so edel und gut ist, wie er sich selbst täglich darstellt. Der Liberalismus war und ist vielmehr bei aller Anerkennung als historischer Fortschritt immer auch eine Schreckensherrschaft. Seine Geschichte ist gezeichnet von Unterdrückung, Sklaverei, Verachtung der Arbeit, der Diskriminierung der Frauen und von Rassismus. Losurdo bestand daher darauf, dass die Unzulänglichkeiten, Halbheiten, Fehler und Verbrechen des Sozialismus nur vor dem Hintergrund der Geschichte seines historischen Gegenspielers, des Liberalismus, gesehen und bewertet werden dürfen. Dabei bezog er in die Geschichte des Westens auch die des Faschismus mit ein, sahen sich doch die Nationalsozialisten in ihrem Rassenkampf in Russland selbst  als gelehrige Schüler des nordamerikanischen Genozids an den Indianern.

Andreas Wehr


Mit Domenico verliert nicht nur die DKP einen wichtigen politischen Freund und theoretisch äußerst anregenden und wichtigen weltanschaulichen Orientierungspunkt. Er hat nach dem Sieg der Konterrevolution in der DDR, der UdSSR und den anderen sozialistischen Staaten mit seinen philosophischen und historischen Arbeiten vielen Kommunistinnen und Kommunisten in unserem Land Mut zum Weiterkämpfen gegeben.

Hans-Peter Brenner, Stellvertretender Vorsitzender der DKP


Aus der Mitteilung des PapyRossa Verlages:
Domenico Losurdos aufklärerisches Denken stand in der Tradition von Hegel und Marx. Er war Präsident der „Internationalen Gesellschaft Hegel-Marx für dialektisches Denken“ und mischte sich über Jahrzehnte in theoretische Debatten und politische Auseinandersetzungen ein.
International wurde Domenico Losurdo hoch geschätzt. Sein Tod ist ein großer Verlust für die Linke weltweit, gerade auch in Deutschland. Regelmäßig nahm er hierzulande an wissenschaftlichen Konferenzen teil und stellte auf zahlreichen Lesungen die Inhalte und Thesen seiner Bücher zur Diskussion.

Im Frühjahr 2019 erscheinen von Domenico Losurdo neu bei PapyRossa:
„Der westliche Marxismus“ und „Eine Welt ohne Kriege“

Domenico Losurdo
Wenn die Linke fehlt…
Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg
Paperback, 373 Seiten, 19,90 Euro
PapyRossa Verlag, Köln 2017


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Leserbrief zu Artikel »Die neue Weltlage und die Linke des Westens«, UZ vom 6. Juli 2018





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