Zwischen Schein und Sein

Zwei Politkrimis aus dem Wien vor 100 Jahren
Von Uli Brockmeyer
|    Ausgabe vom 3. August 2018
Sozialer Wohnungsbau in roten Wien: Der „Karl-Marx-Hof“ (Foto: [url=https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Karl-Marx-Hof_2009.jpg]Dreizung/Wikimedia Commons[/url])
Sozialer Wohnungsbau in roten Wien: Der „Karl-Marx-Hof“ (Foto: Dreizung/Wikimedia Commons / Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Es sind höchst spannende und aufschlussreiche Geschichten, die der österreichische Autor Alex Beer in seinen Büchern aus dem Wien im Spätherbst 1919 („Der zweite Reiter“) und dem Frühjahr 1920 („Die rote Frau“) erzählt. Nach dem verlorenen Ersten Krieg liegt die Stadt zwar nicht in Trümmern wie Jahrzehnte später nach dem Zweiten, aber äußerst schwer wiegen die geistigen und moralischen Trümmer, die der Krieg hinterlassen hat – nicht in erster Linie dadurch, dass die k. u. k.-Monarchie ihn verloren hat, sondern dadurch, dass er überhaupt begonnen wurde.
Inspektor Emmerich, kriegsversehrt durch einen Granatsplitter von der italienischen Front, ist im November 1919 auf der Jagd nach Schwarzhändlern, in Wien „Schleichhändler“ genannt, die sich nicht nur auf Kosten der Ärmsten der Armen endlos bereichern, sondern auch vor allen möglichen Verbrechen nicht zurückschrecken. Bei der Verfolgung des Chefs eines Schieberrings stoßen Emmerich und sein Assistent Winter auf eine im Wald offenbar abgelegte Männerleiche. Obwohl offiziell Selbstmord konstatiert wird, glaubt Emmerich an ein Verbrechen. Der Verdacht wird bestärkt, als weitere scheinbare Selbstmörder aufgefunden werden. Entgegen dem Befehl seines Chefs verfolgt Emmerich die deutlich sichtbaren Spuren und findet heraus, dass die Toten während des Kriegs einem Trupp angehörten, der im besetzten Galizien abscheuliche Verbrechen an der Bevölkerung begangen hat. Einer der Verantwortlichen begründet die Morde an Frauen und Kindern später gegenüber dem Inspektor nicht weniger abscheulich mit dem „Kriegsnotwehrrecht“: „Frauen, Kinder, Alte, Krüppel … Die können genauso viel Schaden anrichten wie kampffähige Männer. Die können auch Waffen bedienen und Sprengsätze zünden. Oder noch schlimmer: für den Feind spionieren …“ Inspektor Emmerich, der eigentlich lieber bei der Wiener Mordkommission, „Leib und Leben“ genannt, ermitteln würde, konzentriert sich auf die Mordfälle und nimmt dafür sogar die Hilfe des Chefs eines der Schwarzhändlerringe in Anspruch. Gemeinsam verhindern sie den Diebstahl von Hilfsgütern, die aus den USA für die hungernden Kinder Wiens geschickt worden waren. Dabei gibt der Ganove, eine aufschlussreiche Erklärung, die die Lage äußerst präzise beschreibt. „In Wahrheit geht es (Präsident) Woodrow Wilson weniger um die Kinder als darum, den Bolschewismus im Keim zu ersticken …“
Im zweiten Buch wird, dank der erfolgreichen Aufklärung der scheinbaren Selbstmorde, Inspektor Emmerich zu „Leib und Leben“ versetzt. Er und sein Assistent erhalten den Auftrag, eine bekannte Schauspielerin zu bewachen, die gerade die Hauptrolle in einem Film spielt, der ihr großer Durchbruch werden soll. Allerdings sind die Dreharbeiten von einer Wahrsagerin mit einem „Fluch“ belegt worden und die Diva fürchtet um ihr Leben, noch mehr aber um ihre glänzende Zukunft.
Als im März 1920 in Deutschland der Kapp-Putsch die ohnehin fragile Weimarer Republik zu Fall zu bringen droht, wittern auch in Österreich eingefleischte Monarchisten und Militaristen die Möglichkeit, wieder Oberwasser zu bekommen.  „Wussten die Proletarier denn nicht, was sie mit ihrem Widerstand angerichtet hatten?“, fragt sich einer der Verschwörer. „Dank ihnen würde kein frischer Wind aufziehen, es würde kein verheißungsvolles Regime an die Macht gelangen, das den Zusammenschluss ihrer beiden Reiche befürwortete und den Schandfrieden sowie die unerhörten Verträge, mit denen die Siegermächte sie knechteten, ablehnte.“
Emmerichs Kollegen sind derweil mit dem Mord an einem beliebten Stadtrat beschäftigt, der sich der Verbesserung der Lage der Armen in der Stadt gewidmet hatte. Emmerich erkennt bald, dass die Ermittlungen ins Leere zu laufen drohen und beginnt auf eigene Faust, die Zusammenhänge aufzuklären, natürlich entgegen dem ausdrücklichen Befehl seines amtierenden Abteilungsleiters. Er und Winter kommen dabei einer mysteriösen Organisation auf die Spur, die sich offenbar aufopfernd um die Armen der Stadt kümmert. Während die Kollegen Dienst nach Vorschrift machen, handelt Emmerich nach der Devise „Vorschriften lösen keine Fälle“.
So kommt er durch beharrliche, nicht vorschriftsgemäße Ermittlungsarbeit einer Gruppe von skrupellosen Monarchisten auf die Spur, die sich bereits auf den nächsten Krieg vorbereiten. Selbst die absurde Frage „Was passiert denn, wenn der Russe uns angreift?“, wird von diesen Leuten aufgeworfen. Sie wollen eine „aktive Auslese“ betreiben, eine Generation von kriegsfähigen Männern heranzüchten und „die Kriegsuntüchtigen“ ausmerzen. Österreich soll wieder „zu dem werden, was es bis vor Kurzem noch war: ein Weltreich voller Wohlstand, Ruhm und Glorie“, lautet deren Ziel. Nicht nur August Emmerich hat sein Land ganz anders in Erinnerung.
Alex Beer hat zwei hervorragende Krimis vorgelegt. Erbeschreibt äußerst anschaulich das Wien der damaligen Zeit und bedient sich teilweise auch der Wiener Gossensprache, wodurch die Lektüre noch authentischer wird. Da das Verbrechen im März 1920 nicht schlafen gegangen ist und Emmerich noch eine wichtige private Rechnung zu begleichen hat, können Freunde seiner Bücher auf das baldige Erscheinen eines dritten Bandes hoffen.


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Leserbrief zu Artikel »Zwischen Schein und Sein«, UZ vom 3. August 2018





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