„Nachweise“ überprüfen

Von Klaus Mausner, Stuttgart
|    Ausgabe vom 10. August 2018

Mit „Nachweisen“ ist es so eine Sache! Laut Nina Hager hat Alfred Kosing in seinem Buch zum Thema Stalinismus „nachgewiesen“, dass „Stalin die Lenin­sche Tradition … weitgehend entsorgt und zu seinen Zwecken verkürzt, verflacht … benutzt“ habe. Soweit der sicher respektable DDR-Philosoph und Historiker Kosing, der sich allerdings bewusst nur als Marxist bezeichnet und der Linkspartei nahesteht.
Im Gegensatz dazu versteht sich Hans Heinz Holz bewusst als Marxist-Leninist und kommt in seiner explizit philosophischen Untersuchung der Positionen von Stalin (in „Theorie als materielle Gewalt – Die Klassiker der III. Internationale“) zu einem völlig konträren Ergebnis: Dass zwar von Stalin eine gewisse Popularisierung der Lenin­schen Dialektik vorgenommen wurde, um es den noch weitgehend ungebildeten Massen der damaligen Sowjetbevölkerung (stark bäuerlich geprägt) vermitteln zu können, dass aber dennoch Stalin die wesentlichen Kernelemente der Lenin‘schen Positionen beibehalten und sogar noch in seinen Spätwerken schöpferisch weiterentwickelt hat!
Das ändert überhaupt nichts an der Tatsache, dass auch Hans Heinz Holz sehr wohl die Tragik einschließlich Unrecht bis zu Verbrechen in der 2. Hälfte der 30er Jahre gesehen hat.
Die Verflachung der Leninschen Dia­lektik habe nach Hans Heinz Holz erst nach dem 20. Parteitag der KPdSU und der völlig unmarxistischen Abrechnung und Verteufelung der Stalinzeit durch Chrustschow stattgefunden.
Der italienische Historiker und Philosoph Domenico Losurdo, der sich ebenfalls als Marxist-Leninist verstand, kam übrigens zu einem ganz ähnlichen Ergebnis („Stalin – Kritik einer schwarzen Legende“)!
Es lohnt sich also, sich erneut mit den sogenannten „Nachweisen“ auseinanderzusetzen. Es bleibt uns als marxistisch-leninistische Partei nichts anderes übrig, als unter dialektisch-historisch-materialistischen Vorzeichen sowohl die drei entscheidenden Anfangsjahrzehnte der Sowjetunion unter Stalin (auch mit ihren tragischen Seiten sowie ihrem historischen Sieg über den Hitlerfaschismus!) als Teil unserer Geschichte neu zu bewältigen, als auch über kurz oder lang selbst den 20. Parteitag der KPdSU unter die kritische Lupe zu nehmen.


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