Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 17. August 2018

Schlingerkurs
Das Hip-Hop-Trio „Young Fathers“ hatte sich letztes Jahr dem BDS-Boykott des Pop-Kultur-Festivals in Berlin angeschlossen. BDS steht für Boycott, Divestment, Sanctions und dahinter versammeln sich Menschen, die mit Sanktionen gegen Israel auf die humanitäre Lage in den von Israel besetzten Palästinensergebiete hinweisen wollen. Die Band war zur diesjährigen „Ruhrtriennale“ eingeladen worden, wurde dann ausgeladen und dann erneut eingeladen. Die Intendantin Stefanie Carp fuhr einen Schlingerkurs, weil der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet nicht nur protestierte, sondern seine Teilnahme am Festival gleich ganz absagte. Er liefert ein bezeichnendes Beispiel für alle, die sofort Antisemitismus oder das Existenzrecht Israels in Frage stellende Positionen unterstellen, wenn an der konkreten Politik der israelischen Regierung Kritik geübt wird. Laschets Absage ist ein bislang einmaliger Vorgang, da das Land Mitgründer und nennenswerter Geldgeber der Ruhrtriennale ist. Die Band selbst hatte kein weiteres Interesse an dem politischen Gezerre und sagte ihre Teilnahme ab.

90 Jahre später
Nun kommt auch endlich eine, wenn auch nicht mehr ganz so neue, Dokumentation von Peter Miller als Originalversion mit Untertiteln in deutschsprachige Kinos, die bereits im Jahr 2006 fertiggestellt wurde. Sein Dokumentarfilm erzählt die Geschichte der beiden italienischen Migranten und Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die 1920 in den USA wegen Mordes angeklagt und – nach einem voreingenommenen und fragwürdigen Prozess – am 23. August 1927 in Boston hingerichtet wurden. Peter Miller hat sich in Italien und Amerika auf Spurensuche begeben. Er hat dabei Zeitgenossen der beiden Anarchisten, Aktivisten, Historiker und die Nichte von Sacco zu Wort kommen lassen. Sie vermitteln ein sehr lebendiges Bild der beiden Männer und ihres Falls, der bis heute für Empörung sorgt. Im Film werden Saccos und Vanzettis Gefängnisschriften (gelesen von John Turturro und Tony Shalhoub) und Interviews mit den Spuren, die sie in Kunst und Musik hinterließen und mit historischem Filmmaterial verwoben. Der Film ist sehenswert, die Geschichte von Sacco und Vanzetti ist eine sehr zeitgenössische Erzählung von staatlicher Ungerechtigkeit, gepaart mit medial geschürter Hysterie und im Gegensatz dazu von Humanität und Widerstand.

Kritische Haltung
Der Schriftsteller V. S. Naipaul war nirgendwo ganz zu Hause: Auf Trinidad geboren, mit indischen Wurzeln und britischem Pass. 2001 erhielt er den Literatur-Nobelpreis. Nun ist er im Alter von 85 gestorben. Seine Romane, Erzählungen und Reportagen waren in der Karibik und im Kongo angesiedelt, spielten in London, Teheran, Westberlin und New York und tauchten ein in die heterogene Welt des indischen Subkontinents. Gerade aus diesem Grund reagierte V. S. Naipaul geradezu verächtlich auf jene Instant-Vokabel, die nun wohl auch angesichts seines Todes wieder hervorgezerrt werden wird: „Weltliteratur“. Naipaul kannte die westlichen Plapperdiskurse gut genug, um sofort das Missverständnis zu erspüren, denn Weltliteratur wird nicht verstanden im ursprünglich universalistischen Sinn, sondern missverstanden als Farbmosaik allerlei „exotischer“ Partikularismen, die der westliche Leser schon aus antikolonialem Respekt heraus edel, hilfreich und gut finden müsse. In der Tat waren in Romanen wie „Der mystische Masseur“ und „Wahlkampf auf Karibisch“ die Nachkommen der einst aus Afrika hierher verschleppten Sklaven häufig als leichtgläubige Bonvivants beschrieben, die gegenüber der Arbeit ein eher „gelegentliches“ Verhältnis pflegten. Im S. Fischer Verlag sind einige Romane als Taschenbücher lieferbar.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 17. August 2018





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