Nicht mehr „gewerkschaftsfrei“

Ulf Immelt zum Arbeitskampf bei Ryanair
|    Ausgabe vom 17. August 2018

Im vergangenen Jahr machte Ryanair 1,4 Milliarden Euro Nettogewinn. Eine Ursache für die hohen Gewinne des in Irland ansässigen Konzerns sind zum einen die lächerlich niedrigen Unternehmenssteuern auf der Grünen Insel. Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass die Fluggesellschaft ihren Ruf als Billigflieger nicht nur bei den Ticketpreisen, sondern auch bei den Löhnen der Beschäftigten alle Ehre macht. Wie kam es nun am vergangenen Freitag zu einem Arbeitskampf, an dem sich die Beschäftigten in fünf Ländern beteiligten?
Noch bis 2017 galt ein Streik bei Ryanair als undenkbar. Hatte die Airline doch den Ruf, ein praktisch „gewerkschaftsfreier“ Betrieb zu sein. Schlechte Bezahlung und Arbeitsbedingungen sowie der Einsatz von Leiharbeitern führten schließlich dazu, dass eine zunehmende Anzahl Beschäftigter bereit war, sich zu organisieren und für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu streiken. Als im Juli der Konzern ankündigte, in Irland 300 Arbeitsplätze zu vernichten und Teile der Flugzeugflotte nach Polen und in die Niederlande zu verlegen, kam es zu ersten Arbeitsniederlegungen in Irland. Dem folgte am vergangenen Freitag ein erster gemeinsamer Streik in Irland, Schweden, Belgien, den Niederlanden und in der BRD. Ryanair musste rund 400 der ursprünglich ca. 2 000 geplanten Flüge streichen.
Dieser Arbeitskampf zeigt zwei Dinge: Gegen international agierende Konzerne müssen sich auch die Lohnabhängigen solidarisch über Landesgrenzen hinweg organisieren. Denn solange sich Belegschaften an den unterschiedlichen Standorten gegeneinander ausspielen lassen, kann ihr Kampf nicht erfolgreich sein. Das St.-Florians-Prinzip, „Lass die Kapitalisten doch bitte an einem anderen Standort Entlassungen vornehmen und verschone meinen Arbeitsplatz“, schadet auf lange Sicht den Beschäftigten an allen Standorten. Das Beispiel Opel hat dies zuletzt deutlich vor Augen geführt. Nach der Schließung des Werks in Bochum wurden die Arbeitsplätze an den anderen Standorten bekanntlich auch nicht sicherer.
Der zweiten Sachverhalt, den der Arbeitskampf bei Ryanair deutlich macht, ist die Beschränktheit von „Gewerkschaften“, die sich als reine Standesorganisation (hier der Piloten) verstehen und die Interessenvertretung der übrigen Beschäftigten nicht im Fokus haben. Solange dies so ist, wird es dem Kapital immer wieder gelingen, Beschäftigte gegeneinander auszuspielen. Eine Zersplitterung der Lohnabhängigen in verschiedene Gruppen mit vermeintlich unterschiedlichen Interessen schwächt immer nur die gewerkschaftliche Position gegenüber der Kapitalseite. Vom Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit hängen aber letztlich Kampfbedingungen in einem Betrieb ab, ob es sich nun um eine Metallbude, ein Chemiewerk oder eben um eine Fluglinie handelt.
Bei Arbeitskämpfen hören die Unternehmer nicht auf unsere Argumente wie Stärkung der Kaufkraft und eine damit verbundene erhöhte Binnennachfrage. Letztlich gibt es nur ein Argument, das wirklich zählt: Sind wir eine Minderheit oder eine Mehrheit im Betrieb? Sind wir mehrheitlich in einer Gewerkschaft organisiert und sind wir bereit, gemeinsam für unsere Forderungen zu kämpfen? Oder aber lassen wir uns spalten in Facharbeiter und Ungelernte, in Stammbelegschaften und Leiharbeiter, in Kollegen mit und ohne deutschen Pass oder eben bei einer Fluggesellschaft in Piloten und Bodenpersonal.


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Leserbrief zu Artikel »Nicht mehr „gewerkschaftsfrei“«, UZ vom 17. August 2018





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