Nach dem Pilotenstreik

ver.di nimmt Verhandlungen für das Ryanair-Kabinenpersonal auf
Von Lars Mörking
|    Ausgabe vom 17. August 2018
Streikbedingt blieben am vergangenen Freitag 400 Ryanair-Maschinen auf dem Boden. (Foto: [url=https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Aircraft_of_Ryanair?uselang=de#/media/File:Charleroi-Bruxelles-sud-a%C3%A9roport-Christophe-Vandercam.jpg]Christophe Vandercam[/url])
Streikbedingt blieben am vergangenen Freitag 400 Ryanair-Maschinen auf dem Boden. (Foto: Christophe Vandercam / Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Nach dem Piloten-Streik bei Ryanair in fünf europäischen Ländern verhandelt nun auch ver.di mit der irischen Billigfluglinie. Für die rund 1 000 in Deutschland stationierten Flugbegleiter fordert ver.di vor allem eine deutliche Lohnerhöhung. Am Mittwoch (nach Redaktionsschluss) nahm die Gewerkschaft Verhandlungen zu einem Tarifvertrag auf. Saisonale Schwankungen und fehlende Flugstundengarantie führten bei einigen Vollzeitbeschäftigten von Ryanair dazu, dass sie monatlich lediglich auf 1 000 Euro brutto kämen, so Christine Behle vom ver.di-Bundesvorstand. Ryanair weigere sich zudem, Beiträge für die deutsche Sozialversicherung zu zahlen. Außerdem seien viele Beschäftigte dauerhaft befristet und würden kurzfristig innerhalb Europas zwangsversetzt. ver.di schätzt, dass etwa die Hälfte des Kabinenpersonals bei unternehmensnahen Leiharbeitsfirmen zu noch schlechteren Bedingungen arbeitet.
Derweil hat auch die deutsche Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit den irischen Billigflieger noch einmal zu ernsthaften Verhandlungen aufgefordert: „Wir erwarten von Ryanair einen Lösungsansatz und Kompromissbereitschaft“, sagte VC-Präsident Martin-Joachim Locher. Weitere Streiks schloss Locher nicht aus, nachdem Ryanair Verhandlungsbereitschaft signalisierte, um gleich nachzuschieben, dass es im Ergebnis aber keine Steigerung der Personalkosten geben dürfe.
Die Piloten hatten in einer koordinierten 24-stündigen Aktion den bisher größten Streik in der Geschichte von Ryanair organisiert. Auch in Schweden, Irland, Belgien und den Niederlanden hatten Piloten die Arbeit niedergelegt. Die Fluglinie musste am vergangenen Freitag – mitten in der Urlaubszeit – jeden sechsten Flug europaweit absagen. Etwa 55 000 Passagiere waren davon betroffen, in Deutschland waren es 250, europaweit 400 Flugverbindungen, die gestrichen werden mussten.
Die Pilotengewerkschaft fordert, ein System aus Vergütungs- und Manteltarifvertrag zu etablieren und zu Konkurrenten vergleichbare Konditionen zu schaffen. Die Verhandlungen laufen seit etwa sechs Monaten, nachdem das Unternehmen lange nicht bereit war, überhaupt mit Gewerkschaften zu verhandeln. Das Ergebnis könnte der erste Abschluss eines Tarifvertrages bei Ryanair sein. Doch bisher gab es kaum Verhandlungsfortschritte. Stattdessen drohte Ryanair mit Versetzungen und Stellenstreichungen in Irland und Deutschland.
Das „Handelsblatt“ sieht Ryanair nach einem „Gewinneineinbruch“ in der Krise. Die Zahlen aus dem ersten Quartal 2018 zeigen allerdings, dass Ryanair den Umsatz um neun Prozent auf 2,079 Milliarden Euro gesteigert hat und die Zahl der Passagiere um sieben Prozent auf 37,6 Millionen stieg. Ryanair setzt unter der Leitung von Milliardär Michael Kevin O’Leary also weiter auf Expansion und Verdrängung der Konkurrenz. Eine Anhebung der Ticketpreise wäre für den extremen Preiskampf, den Ryanair führt, selbstverständlich kontraproduktiv. Aber es gibt Spielraum: Für das Gesamtjahr hält Ryanair an der Prognose fest, dass das Unternehmen einen Gewinn zwischen 1,25 Milliarden und 1,35 Milliarden einfahren wird. Die Beschäftigten weigern sich nun, die Billigtickets weiterhin mit niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen zu finanzieren. Bei einem Erfolg könnten sie O’Leary einen Strich durch die Rechnung machen.


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