Die westliche Wertegemeinschaft

Klaus Wagener über den Imperialismus
|    Ausgabe vom 31. August 2018

Manchmal muss man triviale Erkenntnisse wiederholen: Wir leben im Zeitalter des Imperialismus. Imperialismus bedeutet Krieg, Hunger, Vertreibung, Flucht und Massenelend. Freiheit und Abenteuer, Chevrolet, Coca-Cola und Peter Stuyvesant gibt’s nur in Ausnahmefällen und nicht für alle. 50 Jahre „Rheinischer Kapitalismus“ nach dem II.Weltkrieg haben viele glauben gemacht, der Kapitalismus sei nicht so, von Imperialismus könne keine Rede sein. Bis ausgerechnet die SPD unter Schröder den „Sozialstaat“ zerschlug, in Washington die Neokonservativen „sieben Kriege in fünf Jahren“ (Wesley Clark) vom Zaune brachen und die aus Kriegsgebieten flüchtenden Menschen nun vor unseren Grenzen stehen.
Die „westliche Wertegemeinschaft“ hat seit ihrem Durchbruch zur global mächtigsten imperialen Kraft eine historisch beispiellose Spur der Zerstörung, des Mordens, der Sklaverei, und des Elends durch die Geschichte gezogen. Die Website „Global Research“ beziffert die Zahl der Todesopfer der allein nach dem II. Weltkrieg von den USA geführten und angezettelten Kriege und Konflikte auf 20 bis 30 Millionen. Die brutale Wirklichkeit einer Billionen-Dollar-teuren US-Kriegsmaschine für die Kriege nach Außen wie nach Innen steht in einem grotesken Widerspruch zu den von der Bewusstseinsindustrie und den Geheimdiensten entworfenen Propagandabildern einer freien, liberal-offenen, westlichen Gesellschaft, in der jeder vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann.
Die neoliberale Gegenreformation seit Reagan und Thatcher hat das Ziel, die Profite der Superreichen radikal zu erhöhen, alle sozialistischen, gewerkschaftlichen, ja selbst die staatlich-gemeinwirtschaflichen Strukturen zu zerschlagen und sowohl die Individuen als auch die Staaten in einen Prozess permanenter Selbstoptimierung als Profitlieferanten zu zwingen. In Griechenland exemplarisch zu beobachten.
Die Neoliberalen blieben nicht ohne Erfolg. Die Vermögen steigen sehr viel schneller, als die Gesamtwirtschaft wächst. Das bedeutet aber auch, dass die Profitressourcen knapper werden. Der Kampf um diese Ressourcen wird härter und er wird weltweit ausgetragen. Und vor allem im geostrategisch entscheidenden Raum des Nahen und Mittleren Ostens. Mit dem Eingreifen Russlands in Syrien und dem chinesischen Projekt einer „Neuen Seidenstraße“ sind beide Mächte zu solch ernsthaften Konkurrenten des „Westens“ in diesem Kampf geworden, dass schon ein angebliches Attentat auf einen Ex-Agenten und eine angebliche Einmischung in den US-Wahlkampf nahezu als Kriegsgrund herhalten müssen.
Die ökonomische, militärische und propagandistische Offensive des „freien Westens“ sind keine Marotten des gegenwärtigen US-Präsidenten, wie uns die gängige Personalisierung von Politik nahelegt. Es ist der verzweifelte Versuch des Imperiums im Niedergang, die Zeit aufzuhalten. Und es ist gefährlich.


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