Was ist denn dieses Pressefest?

Von gemeinsamer Arbeit und großen Plänen, ...
Von Olaf Matthes
|    Ausgabe vom 14. September 2018
Dieses Fest kostet Kraft – und es gibt Kraft.  (Foto: Shari Deymann)
Dieses Fest kostet Kraft – und es gibt Kraft. (Foto: Shari Deymann)

von hunderttausend Gesprächen und dieser freundschaftlichen Stimmung – mit der Pflegerin Meike S. im Dortmunder Revierpark


Hier gibt es jetzt kein Bier mehr – vor der Hauptbühne Soli-Foto für den Streik in den Krankenhäusern!“ Hinter der Theke zapfen sechs Mitglieder der Hamburger DKP, die im Gesundheitswesen arbeiten. Denen, die auf ihr Bier warten, rufen sie zu, was ihre Kollegen in den Klinikstreiks „einseitige Notdiensterklärung“ nennen: Die Hälfte der Schicht läuft auf den Platz vor der Bühne, Meike S. lässt die Zapfanlage stehen, greift sich ein Plakat und läuft mit den anderen in die Menge, die gerade am „Antikriegsmeeting“ teilgenommen hat und sich jetzt aufstellt, um ihre Solidarität mit dem Kampf für mehr Personal im Krankenhaus zu zeigen. Das UZ-Pressefest ist das Fest der Solidarität, in diesem Jahr heißt das auch: Solidarität mit den Belegschaften der Unikliniken Düsseldorf und Essen, die in wochenlangem Streik einen Schritt in Richtung Entlastung erkämpft haben, Solidarität mit der Belegschaft der Uniklinik Saar, die wahrscheinlich am 19. September beginnen wird zu streiken. Auf einer Leiter hantiert der Fotograf, durch den Lautsprecher sagt jemand: „Wir wollen jetzt ein Foto machen, mit dem wir den Kollegen zeigen: Wir bewundern eure Entschlossenheit und wir kämpfen gemeinsam mit euch für ein gerechtes Gesundheitswesen“, Meike ruft mit den anderen: „Mehr von uns ist besser für alle!“ Der Fotograf winkt, das Foto ist im Kasten, Meike nimmt ihr Plakat und drängelt durch die Menge zurück an die Zapfanlage.

Selbstgemacht
Zwei Stunden vorher strahlt ein schlaksiger Skinhead in Bomberjacke über die Theke, sein stämmiger Begleiter ruft: „Moin, zwei Pilschen bitte!“ Meike hat ihre Schicht gerade angefangen, der Platz vor der Bühne füllt sich erst langsam. Sie hält einen der fast vollen Plastikbecher unter den Zapfhahn, lässt eine Schaumkrone darauf laufen und reicht ihn an ihre Genossin weiter, die die Bestellung aufnimmt und kassiert. Sie steht unter einer dreckig-weißen Plastikplane, die mit spröden Riemen am Metallgerüst festgeschnallt ist. An eine der Stangen ist ein Steuerrad geschraubt, in der Mitte steht ein Mast mit DKP-Fahne an der Spitze, an den Seiten sind die Klappen für die Bordkanonen aufgemalt: Der Bierstand ist ein Schiff, die Kogge, die DKP-Mitglieder 1984 gebaut und „Störtebeker“ getauft haben und die sie seitdem zu den UZ-Pressefesten fahren. Vorbei an der Casa Cuba, wo Mojito gemixt und die kubanische Revolution gefeiert wird, auf den Metallelementen, die den Weg bilden, über die Wiese, die beim letzten Fest 2016 ein stinkend-schmatzender Schlamm war, schlendern die Besucher zum Platz vor der Bühne, schlendert auch eine Gruppe junger Leute in gelben Warnwesten, auf dem Rücken steht: „Wir sind Sicherheit“. Auch für den Schutz des Festes sorgen überwiegend freiwillige Helfer, das UZ-Pressefest ist selbstgemacht, ein Fest ohne Kommerz und Konzernwerbung.
Meike hatte nicht genug Urlaub, um auch beim Aufbau zu helfen. Schwarze Lederjacke um die Hüfte gebunden, schwarzer Kapuzenpulli darüber, das rechte Bein in schwarz-verwaschener Jeans übers linke gelegt und den rechten Fuß mit der Außenseite auf den Boden gestützt steht sie an der Zapfanlage. Ein Kind rollt auf seinem Dreirad über den Weg, ein Mitglied des Linkspartei-Parteivorstands muss bremsen und kaut weiter an seiner Bratwurst. Über die Wiese stapft einer mit grauem Vollbart, vier Ohrringen links und einem Fass auf der rechten Schulter zur Kogge und schließt es an die Zapfanlage an. An die Kogge kommen die Gäste: einer mit Dreadlock-Knoten auf dem Kopf, eine im Jeansrock. Einer mit blauer Friedenstaube am Revers, eine mit bunter Holzperlenkette und Kind auf dem Arm und einer, den Meike umarmen muss, bevor sie ihm sein Bier zapft, und der sie zu einem Lachen bringt, für das ihr Gesicht zu schmal zu sein scheint.

Vorbilder
Nachdem Meike vom Solidaritätsfoto zurück auf der Kogge ist, geht eine kleine Frau in dicker Jacke auf die Bühne. Sie ist 93 Jahre alt, hat sich gerade noch einen Campingstuhl bringen lassen, weil sie auf den Bierbänken nicht sitzen kann, und singt nun gemeinsam mit der Rap-Gruppe Microphone Mafia: Esther Bejarano, die noch lebt, weil sie auch im Mädchenorchester von Auschwitz Musik gemacht hat, singt auf Jiddisch: „Wir werden leben und erleben, schlechte Zeiten überleben – wir leben ewig, wir sind da.“ Meike hört hinter der Theke zu. Die DKP hat den Ruf, eine überalterte Partei zu sein. Für Meike sind diese alten Kommunisten Vorbilder: „Ihretwegen haben ich mich in dieser Partei richtig gesehen.“ Wenn ihre Schicht vorbei ist, wird sie mit ein paar anderen auf den Platz gehen, Konstantin Wecker wird spielen und von Weitem werden die bunten Scheinwerfer zeigen, wie sich das Publikum zwischen Bühne, Bierpilz und Bäumen drängt und das Fest einer traditionsreichen und neuen Kultur feiert.

80 zu 20
Am Morgen, als Meike auf den Platz kommt, trägt sie Kisten mit Flugblättern und Broschüren, Werbung für die Konferenz „Krankenhaus statt Fabrik“. Dabei ist sie schon müde. Die Schichten im Krankenhaus, das einem Klinikkonzern Profite und ihr die Erfahrung der täglichen Überlastung einbringt, die Organisation der Demonstration „Menschenwürde vor Profit – mehr Personal ins Krankenhaus“ in zwei Wochen – Meike sagt: „Heute morgen habe ich gedacht, ich könnte den ganzen Tag pennen, und dann ist man hier und das baut einen auf.“ Sie kann sich nicht vorstellen, in ihrem Beruf zu arbeiten „und nicht gleichzeitig dafür zu kämpfen, dass wir ihn gut machen können – das ist nicht durchhaltbar“. Hinter der Unterbesetzung auf ihrer Station sieht sie die „kapitalistische Profitlogik“, arbeitet in der Gewerkschaft mit, im Bündnis, in ihrer DKP-Gruppe. „Die DKP-Arbeit ist etwas, was mich stärkt in dem, was ich in der Gewerkschaft mache.“ Die Arbeit in einer kleinen Partei, die in den vergangenen Jahre harte innerparteiliche Auseinandersetzungen geführt hat, stärkt? Wenn wieder etwas nicht klappt, wenn wieder ein Kampf in der Partei geführt wird, dass die Partei klein ist und dass manche ihre Partei belächeln – „Euch gibt es noch?“ –, das nervt auch Meike. „80 zu 20“, so schätzt sie das Verhältnis zwischen dem Teil des Parteilebens, der sie stärkt, und dem, der anstrengt. „Man ist ja schnell am Jammern und dann denke ich: Ich muss eine Zeitlang raus aus der politischen Arbeit.“ Aber dann fehlt diese Arbeit ihr doch: „Man kann ja nicht stillhalten und denken, dass mein kleines privates Reich schon in Ordnung ist.“
Am nächsten Tag wird sie mit den Kollegen aus dem Bündnis, die mit ihr hergekommen sind, zum Zug gehen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, das Gelände des UZ-Pressefestes zu verlassen und in den Alltag zurückzufahren. „Eine tolle Auszeit“, nennt Meike das Fest, „aber kein Hippie-Ding, wo man abhängt, um seine Mitte zu finden.“ Die Inhalte, die Kultur, die Gespräche auf dem Fest drehen sich um die Kämpfe im Land. Meike fährt mit dem Zug zurück nach Hamburg, der ist zu voll und zu spät, die Leute sind gereizt, „dann ist man wieder in dieser Konkurrenzwelt drin“. Sie würde im Zug gerne mit den Freunden die Eindrücke des Wochenendes austauschen, aber sie sitzen nicht zusammen. Am Abend ist sie alleine in ihrer Wohnung, die Mitbewohnerin hilft noch in Dortmund beim Abbau. Meike ist müde, sie ist aufgekratzt, aber morgen hat sie einen freien Tag. An diesem freien Tag wird Meike ausschlafen, zu der Klinik fahren, an der sie arbeitet, bei einer Aktion für den Volksentscheid mitmachen, auf ihre Station gehen und mit Kolleginnen diskutieren, was sie im Kampf für Entlastung tun können.

Wenn es sein muss. Meike S. (2. von links) bei der Podiumsdiskussion.

Wenn es sein muss. Meike S. (2. von links) bei der Podiumsdiskussion.

( Martina Lennartz)

Dazu zwingen sie uns
Der Film zeigt, was der Redner einen „Gänsehaut-Moment“ aus dem Streik an Unikliniken Düsseldorf und Essen nennt: Der Gesundheitsminister Jens Spahn auf der Bühne der Gewerkschaftsdemonstration am 20. Juni in Düsseldorf, eine Pflegerin geht auf ihn zu, fordert ihn auf zu bleiben und fragt: „Wissen Sie, was es heißt, einen Menschen alleine sterben zu lassen?“, und 4 000 Menschen unterstützen sie mit Trillerpfeifen und Rufen und Wut. Die Moderatorin hat den Film eingespielt, um die Kraft und die Entschlossenheit der Streikenden zu zeigen. In der Diskussion geht es darum, was die Gewerkschaften aus diesem Kampf lernen können und welche Aufgaben die Kommunisten darin haben. Im Publikum sitzen Kollegen, die die Streiks in Düsseldorf und Essen geleitet haben, DKP-Mitglieder, die den Kampf um Entlastung mit ihren Möglichkeiten unterstützen, und Interessierte, die sich zum ersten Mal darüber informieren wollen. Links auf dem Podium Michael Quetting, ver.di-Sekretär, der mit saarländischem Akzent ins Zelt ruft. Rechts Jan von Hagen, Arm über dem Bauch auf den Tisch gestützt, der von dem Vertrag berichtet, den die Streikenden erkämpft haben. Zwischen den Männern, die auch im Sitzen einen Kopf größer sind, neben der Moderatorin, sitzt Meike und erzählt aus ihrer Arbeit: Von dem Patienten, dessen Lunge so spät abgesaugt worden ist, dass er sagt: Das fühlt sich an wie Waterboarding – „Dazu zwingt uns der Personalmangel, dass wir unsere Patienten in eine Situation bringen müssen, die sich anfühlt wie Folter“.

Eine Rolle annehmen
Meike beschreibt sich selbst als schüchtern, sie setzt sich nicht gerne auf ein Podium und vor der Diskussion ist sie aufgeregt. „Aber wenn man in einer Bewegung eine gewisse Rolle angenommen hat, hat man die Verantwortung, sowas mitzumachen“ – erst recht, wenn es in der Bewegung um einen Sektor geht, in dem die meisten Beschäftigten Frauen sind. Ihre Rolle ist, dass sie als DKP-Mitglied im Hamburger Bündnis mitarbeitet, dass sie in ver.di den Kampf für Entlastung vorantreibt, dass sie dort auch für das UZ-Pressefest geworben hat. Sie hat versucht, Florian zu erklären, was das UZ-Pressefest ist, mitgekommen ist er. Meike nennt ihn einen der Motoren des Bündnisses, einen „natural born organizer“. „Aber wie will man erklären, was dieses Fest ausmacht?“ Sie saugt an der E-Zigarette und legt Wert darauf, dass mehrere DKP-Mitglieder diese Diskussionen im Bündnis führen, eine Genossin widerspricht: „Das bist gerade du, die da den Eindruck macht.“ Meike zieht die Brauen zusammen, „das ist schwer einzuschätzen“. „Leute in die Bewegung hineinzubringen funktioniert ja darüber, dass man etwas vorlebt.“ Meike geht es darum, dass die DKP zuversichtlicher auf Menschen zugeht und sich nicht davon blockieren lässt, was Antikommunisten unterstellen oder manche Mitglieder an Selbstzweifeln haben. „Das fängt ja im ganz Kleinen an: Wie berührt man Menschen, wie kriegt man die zu einem ersten Treffen, mit sowas fängt es ja an – bis dann … ja, zur Revolution“, und dann lacht sie und die Falten, in die sie ihre Stirn gelegt hat, hüpfen mit.

Wo hast du das sonst?
Bürgerliche Medien berichten nicht über das UZ-Pressefest und wenn doch, zeigen sie verbitterte Alte, die es früher besser fanden, und verstaubte DDR-Fähnchen. Die hat Florian vom Hamburger Bündnis nicht gesehen. Er ist zum ersten Mal auf einem UZ-Pressefest – ohne „befremdliche Gefühle“, „Ich fühle mich willkommen und hierhergehörend“. Er arbeitet für Entlastung in den Krankenhäusern, hier hört er in Veranstaltungen und beim Bier von den Erfahrungen der Streikenden in NRW, „diese Berichte bringen mich weiter“. „Dieser Austausch, bei dem man sich in die Augen sehen kann, der ist viel wert.“
An diesem Abend sitzen sie für den Austausch vor dem Zelt der Türkischen Kommunistischen Partei. Außen hängen pathetische Losungen, daneben verkaufen die Genossen Kebap und türkisches Gebäck. Meike, die Freunde aus dem Bündnis und Genossen aus anderen Städten sprechen schon wieder darüber, wie es in Hamburg mit dem Volksentscheid jetzt weiter geht. Sie erzählen, was sie erlebt haben, von der freundschaftlichen Atmosphäre auf dem Platz, und sie sprechen an, was viele Besucher an diesem Wochenende ansprechen: Die kleine DKP organisiert ein so großes Fest – wie schafft sie das? Meike hört zu, eine andere Genossin versucht die Fragen zu beantworten. Welche Bedeutung hat die DKP über das Pressefest hinaus? Wie steht es um die Kommunisten in der Türkei und in anderen Ländern? Wie kann es sein, dass die DKP 1989 einen großen Teil ihrer Mitglieder verloren hat? Im Austausch entsteht ein anderes Bild vom UZ-Pressefest als das, das bürgerliche Medien zeichnen, ein anderes Bild von der DKP, von den Gewerkschaften, von der Welt. Das UZ-Pressefest sind die hunderttausend Gespräche, die die Besucher und Künstlerinnen, Helfer und Referentinnen an einem langen Wochenende führen. Die Gespräche drehen sich um alte Erinnerungen und was bei der Organisation wieder nicht geklappt hat, um die Freude des Wiedersehens und die Gründe, aus denen dieser oder jener kein Mitglied von DKP oder SDAJ werden möchte. Zur Runde vor dem Zelt der türkischen Partei kommt jemand und gratuliert denen, die dabei waren, zum Erfolg im Streik der Unikliniken. „In so einer Kombination wären wir in Hamburg nicht zusammengekommen“, erzählt Meike später, „wo hast du das sonst, dass man so zusammensitzt und dann kommt alles zusammen?“ Unter den Licherketten gegenüber an der Casa Cuba sitzen ähnliche Runden, im Zelt spielen Genossen auf traditionellen Instrumenten türkische Musik und ein Lied, das hier alle kennen: Bella Ciao.

Kostet Kraft
Seit Hamburg 2004 seine Kliniken privatisiert hat arbeitet Meike in der Gewerkschaft gegen den Konzern, bei dem sie beschäftigt ist. Ein paar mal ist sie mit ihrer Mitbewohnerin zu DKP-Treffen gegangen, 2011 dann zum ersten Mal zum Pressefest. Damals half sie in der Casa Cuba, und damals entschied sie sich, Mitglied der Kommunistischen Partei zu werden. Einer der ersten, der ihr dazu gratulierte, war ein Genosse vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kubas.
An der Kogge sitzen ein paar und trinken noch Bier, ein paar andere tragen Zeltstangen und beginnen abzubauen. Hinter der Theke steht Meikes Mitbewohnerin und ihr sagt jemand, dass die junge Frau, die auch an der Kogge hilft, den Antrag unterschrieben hat, um Mitglied der DKP zu werden. Sie umarmt die neue Genossin, möchte ihr etwas schenken und überlegt, was, dann macht sie den Button „Profite pflegen keine Menschen“ ab und steckt ihn der Jüngeren an. Die Partei und den Einzelnen kostet dieses Fest Kraft – und es gibt neue Kräfte.


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Leserbrief zu Artikel »Was ist denn dieses Pressefest?«, UZ vom 14. September 2018





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