Gute Löhne helfen

Manfred Dietenberger zum angeblichen Facharbeitermangel
|    Ausgabe vom 21. September 2018

Im hier zu Lande real existierenden Kapitalismus ist prekäre Arbeit für immer mehr Malocher der Normalfall. Schaut man sich die bei der Bundesagentur für Arbeit als offen gemeldete Stellen genau an, dann offenbart sich der hohe Anteil prekärer Beschäftigung bei den Neueinstellungen: Lediglich noch 43 Prozent der neu zu besetzenden sozialversicherungspflichtigen Stellen sind Normalarbeitsverhältnisse. Von den etwas über 40 Millionen Beschäftigten in Deutschland haben rund 3,2 Millionen einen befristeten Arbeitsvertrag. Aber nur sechs von hundert Betroffenen haben einen Zeitvertrag, weil sie das selbst so möchten. Wie so oft sind auch hier Frauen (45 Prozent) und die unter 25-Jährigen (46 Prozent) besonders von Befristungen betroffen. Nicht einmal jeder Zweite der befristet Eingestellten wird übernommen. Innerbetrieblich liegt die Übernahmequote sogar bei nur 42 Prozent.
Nach dem befristeten Job landen viele Lohnabhängige unfreiwillig in Hartz IV. Und 34 Prozent der neuen Arbeitsverhältnisse sind nur Teilzeitarbeitsplätze: bei den Frauen sind es 53 Prozent, bei den Männern 23 Prozent. 1,1 Millionen begonnene Beschäftigungsverhältnisse sind in der Leiharbeit zu finden. Gleichzeitig verbreiten die Arbeitgeberverbände die Legende des großen Facharbeiter- und Azubi-Mangels. Als Beweis müssen die „immer weniger werdenden Bewerbungen“ herhalten.
Eine sinkende Zahl an Bewerbern ist kein Beleg für realen Facharbeiter- und Azubi-Mangel. Der Mangel an Fachkräften hat vielfältige Gründe. Ganz vorne dabei sind die befristeten Verträge und die schlechte Bezahlung. In der kapitalistischen Bundesrepublik folgt so ziemlich alles – meist widerspruchlos – den Gesetzen des Marktes. Nur bei Löhnen und Gehältern nicht. Trotz boomender Konjunktur werden die Weisheiten der bürgerlichen Ökonomen bezüglich des sich selbst regelnden „freien Marktes“ nicht befolgt. Denn sonst müsste unbedingt das vorhandene Personal gehalten und die Löhne drastisch erhöht werden. Statt der biblischen Weisheit zu folgen, dass „jeder Arbeiter seines Lohnes wert ist“ und endlich auskömmliche Löhne zu zahlen, irren die Arbeitgeber auf der Suche nach neuen Facharbeitern händeringend durch den Medienwald.


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