Kultur
Themen: Filme

Dreigroschenoper 2.0 oder Klassenkampf im Kino

Zu Joachim A. Langs „Mackie Messer – Brechts 3Groschenfilm“
Von Hans-Günther Dicks
|    Ausgabe vom 28. September 2018
 (Foto: Stephan Pick)
(Foto: Stephan Pick)

Was wäre, wenn? Wenn es zum Beispiel anno 1928 schon Fernsehen gegeben hätte und Bertolt Brecht und Kurt Weill sich nach dem Riesenerfolg ihrer „Dreigroschenoper“ sich an dieses statt an das damals wichtigste Massenmedium Film gewandt hätten, um ein noch breiteres Publikum zu erreichen? Wenn Brecht das Produktionsbudget nicht gegen einen nur auf den Kassenerfolg schielenden Produzenten wie Seymour Nebenzahl und seine Nero-Film AG hätte erstreiten müssen, sondern mit einem ausgewiesenen Brecht-Kenner und angesehenen Professor wie Joachim A. Lang, der – welch glückliche Fügung! – auch Ressortleiter Sonderprojekte im SWR ist? Antworten auf diese Fragen gibt Langs Kinofilm „Mackie Messer – Brechts 3Groschenfilm“, der soeben erfolgreich angelaufen ist.
Zum historischen Hintergrund: Der Vertrag zwischen der Nero-Film AG und Brecht hatte Letzterem viele Rechte eingeräumt, dennoch kam es zum Streit über künstlerische und rechtliche Fragen. Als Nebenzahl schließlich den Film, in den er bereits 800 000 Mark investiert hatte, ohne Brecht fertigstellen wollte, klagte dieser sein Urheberrecht vor Gericht ein – und verlor erwartungsgemäß: Seine Klage sah er als „soziologisches Experiment“, mit dem er die Kunstfeindlichkeit des kapitalistischen Systems bloßstellen wollte. Der 1931 schließlich von G. W. Pabst inszenierte Film „Die 3 Groschen-Oper“ (Musik: Kurt Weill, Darsteller u. a. Lotte Lenya und Carola Neher aus Brechts Bühnenensemble!) war nur mäßig erfolgreich, wurde 1933 von den Nazis verboten und kam erst im Oktober 1956 in der DDR ins Kino.
Langs Spielfilm, eine recht aufwendige, von SWR und Arte initiierte Produktion, fügt nun den längst zu Gassenhauern gewordenen Szenen und Songs aus der Oper eine zweite Handlungsebene hinzu, nämlich eine Art „Making-of“ des nie gedrehten Films in Brechts Version. Darin erläutert Brecht (Lars Eidinger) in Interviews oder Gesprächen mit Geldgebern oder den Frauen seiner Entourage sein Konzept und seine Ziele. Dies beschert einigen seiner hochkarätigen Darsteller eine Doppelrolle: Hannah Herzsprung ist eine elegante Carola Neher und zugleich eine kesse Polly, Britta Hammelstein ist Lotte Lenya und eine brillante Seeräuber-Jenny, deren Song dem Zuschauer im Schlussbild noch ein so freches wie unvergessliches „Hoppla!“ mit auf den Heimweg gibt. Glanzrollen gibt es auch für Tobias Moretti als Macheath, Christian Redl als opportunistischen Polizeichef Tiger Brown und den vor Spielfreude überschäumenden Joachim Król in der Rolle des smarten Geschäftsmanns Peachum.
Was ein Geniestreich hätte werden können, entwickelt sich eher zum Handicap: Langs Entscheidung, die Rolle Brechts mit dem viel (zu viel?) beschäftigten Lars Eidinger zu besetzen und den Dialog seines Helden ausschließlich aus originalen Brecht-Zitaten zu bauen. „Alles, was Brecht im Film sagt, ist von Brecht, Zitate aus seinem gesamten Werk und Leben, aus seinen Stücken … aus seinen Gedichten, Prosa, Briefen, alles aus seinem Werk. Keine erfundenen Orientierungsdialoge, sondern 100 Prozent Brecht, Brecht pur“, erklärt Lang dazu mit dem Stolz des Brecht-Experten im Presseheft. Eidinger betont aber, dass es nicht darum gegangen sei, Brecht „1:1 zu kopieren. … Letzten Endes sehe ich ja auch nicht so aus wie Brecht und bin etwa zwei Köpfe größer.“ Auch habe man bewusst darauf verzichtet, das heftig rollende R in Brechts Augsburger Dialekt zu imitieren, und einen Film gemacht, „der mit gewissen Erwartungshaltungen bricht. Entsprechend habe ich auch meinen Brecht angelegt: bescheidener, ruhiger und zurückgenommener, als man Brecht vielleicht erwartet.“ Brecht-Kenner werden die Zitate als solche hören, weniger Belesenen könnten sie stilisiert und steif klingen. Und eine Nickelbrille macht noch keinen Brecht. Das merkt man schmerzlich, als zum Filmende hin dessen Gedicht „An die Nachgeborenen“ doch noch mit seiner Originalstimme zu hören ist.
Doch dem puren Kinovergnügen, das Langs Film 130 Minuten lang beschert, tut dies kaum Abbruch. Dafür sorgen schon die fetzigen Songs und die Musik von Kurt Weill, die schon gleich nach der Uraufführung der Oper in den wilden 1920er Jahren ihre eigene steile Karriere begonnen hatten und bis heute nichts von ihrem Schwung verloren haben. Ganz im Sinne Brechts, dessen geplanter, aber nie realisierter Film die Figuren und Aussagen der Oper noch schärfer konturieren sollte, nutzt auch Langs Inszenierung den Schwung und die Dynamik der Szenen, sein Publikum in eine rhythmische Stimmung des Aufbruchs und Neuanfangs zu versetzen – das Mitsummen und Füßewippen beim Mackie-Messer-Song und „Soldaten wohnen auf den Kanonen“ war in der von mir besuchten Vorstellung deutlich zu spüren.
Ganz wie Brecht verliert auch Lang die Aktualität der angesprochenen Probleme nicht aus den Augen. So entlehnt er dem erst nach der Dreigroschenoper entstandenen Brecht-Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ Brechts Gleichnis von der Wippe, um die auch heute noch bestehenden sozialen Ungerechtigkeit als systembedingt zu entlarven. Im Interview betont Eidinger die Einfachheit der Brechtschen Bilder, wenn zum Beispiel „die Reichen oben zu den Armen sagen: ‚Kommt doch rauf! Es ist so schön hier oben‘ und dann erkennen, dass dieses System eine Schaukel mit zwei Seiten ist. Es würde gar nicht funktionieren, dass die Armen nach oben kommen, denn dann würde die Wippe sich ausgleichen. Und oben sind die Reichen nur, weil die Armen mehr und unten sind.“ Diese Sicht der Verhältnisse hat – trotz oder gerade wegen ihrer Schlichtheit – auch heute, neunzig Jahre nach der Uraufführung der Oper, nichts von ihrer Wahrheit verloren. So schlicht und wahr setzt Lang Brechts Argumentation auch in unsere Tage fort. Wenn der karrieresüchtige Oberschurke Macheath, durch seine zur Bankenchefin aufgestiegene Polly befreit, sich zur großen Rede an „sein“  Volk von Dieben, Mördern und Kleinkriminellen aufschwingt und sich ihm als sein „Führer“ andient, drängen sich die Fernsehbilder der rechten Krawalle in Chemnitz von ganz alleine zum Vergleich auf.


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Leserbrief zu Artikel »Dreigroschenoper 2.0 oder Klassenkampf im Kino«, UZ vom 28. September 2018





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