Seltene Exponate, aber zu wenig Aufklärung

Eine Ausstellung zur Revolution 1918/1919 in Hamburg
Von Kai Böhne
|    Ausgabe vom 28. September 2018

Im Museum für Hamburgische Geschichte am Holstenwall 24 wird seit April die Ausstellung „Revolution! Revolution? Hamburg 1918–1919“ gezeigt. Im Einladungstext heißt es, die Revolution von 1918/1919 markiere eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Hamburgs. Sie stehe am Anfang der modernen demokratischen Ordnung des Stadtstaates.

Litfaßsäule am Holstenwall kündigt Revolutions-Ausstellung an.

Litfaßsäule am Holstenwall kündigt Revolutions-Ausstellung an.

( Kai Böhne)

Die Organisatoren haben zahlreiche anschauliche Exponate zusammengetragen, darunter eine rote Fahne aus dem Jahr 1919, die nur durch den findigen Einfallsreichtum der früheren Besitzer erhalten geblieben ist. Zur Zeit des Kalten Krieges, nach dem KPD-Verbot, wurde die Fahne in einer Wassertonne in die DDR geschmuggelt. Heute wird die Fahne in Dresden aufbewahrt. Sie kam als Leihgabe des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr. Ferner werden Heeres- und Marineuniformen, militärische Schirmmützen, Gewehre, Beinprothesen, zeitgenössische Wahlkampfplakate, historische Fotos und Dokumente gezeigt.
Auf einer Wandkarte aus dem Hamburger Umland sind alle Orte vermerkt, in denen sich Arbeiter-und-Soldaten-Räte bildeten. Auch die vier regionalen Räteorganisationen der Marine werden namentlich genannt: der 21er-Rat Wilhelmshaven, der Soldatenrat Cuxhaven, der Oberste Soldatenrat der Ostseestation in Kiel und der Oberste Marinerat der Niederelbe in Hamburg. Über ihre Arbeit und ihre politischen Vorstellungen gibt es kaum Informationen.
Auch über die Aktivitäten und Ziele der Arbeiter-und-Soldaten-Räte erfahren die Besucher wenig. Sogar der erste Allgemeine Kongress der Arbeiter-und-Soldaten-Räte, der vom 16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin tagte und dessen Mehrheit sich für die Wahl einer Nationalversammlung und damit gegen ein politisches Rätesystem aussprach, wird in der Ausstellung nicht erwähnt. An ihm nahmen außer den in der Ausstellung genannten Vorsitzenden des Hamburger Arbeiter-und-Soldaten-Rates, Heinrich Laufenberg, Walter Lamp’l und Karl Hense weitere Delegierte aus Hamburg teil.
Viele Personen tauchen in der Ausstellung zwar namentlich auf, ihre politischen Standpunkte und Ziele werden aber nicht vorgestellt. So kann der unbedarfte Besucher sie nicht einordnen.
Um die Revolutionszeit anschaulicher und greifbarer zu machen, werden verschiedene Zeitzeugen zitiert und in ihrem Alltag begleitet. Darunter ist auch das Ehepaar Olga und Max Schramm mit ihren drei Kindern Percy, Martha und Ruth. Aus Percy Schramms Tagebuch werden Passagen zitiert. Über seinen späteren Lebensweg als Professor für Mittelalterliche und Neuere Geschichte in Göttingen, als Soldat im Zweiten Weltkrieg, als Kriegsgefangener in US-amerikanischer Gefangenschaft, der im Anschluss mit einem zweijährigen Lehrverbot belegt wurde, wird in der Ausstellung nicht berichtet.
Ebenso sind die Gründung der KPD zum Jahreswechsel 1918/19 und der Hamburger Aufstand im Oktober 1923 kein Thema in der Ausstellung am Holstenwall. Wer sich die Wahlplakate zur Nationalversammlung aufmerksam anschaut, wird auf dem USPD-Plakat für den Wahlkreis 37 unter Ziffer 12 einen Ernst Thälmann entdecken. Hier wäre für die jüngeren Besucher sicher ein kurzer biografischer Hinweis auf den späteren KPD-Vorsitzenden und die anderen Kandidaten angebracht gewesen. Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Februar 2019 geöffnet.


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Leserbrief zu Artikel »Seltene Exponate, aber zu wenig Aufklärung«, UZ vom 28. September 2018





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