Schlaflos, proletarisch, arm

Fernsehserie „Babylon Berlin“ ab 30. September im Ersten
Von Friedhelm Vermeulen
|    Ausgabe vom 28. September 2018
Ausbrechen kommt nicht in Frage. Kriminalkommissar Gereon Rath wird von KPD-Genossen untergehakt. (Foto:  ©Frederic Batier)
Ausbrechen kommt nicht in Frage. Kriminalkommissar Gereon Rath wird von KPD-Genossen untergehakt. (Foto: ©Frederic Batier)

Es sind nur noch wenige Tage bis zum 1. Mai 1929 in Berlin, dem Blutmai. Die Polizei bereitet sich darauf vor, Arbeiterwohnungen zu überfallen und Demonstrationen auseinanderzuprügeln. Trotzkisten der Organisation „Rote Festung“ klauen eine Waggonladung mit Gold aus der Sowjetunion und transportieren sie nach Berlin, um damit den Sturz Stalins finanzieren zu können. Alte und neue Kriegstreiber lassen sich mit dem gleichen Zug Chemiewaffen liefern, um einen neuen Krieg vorzubereiten.
Die Hauptcharaktere von „Babylon Berlin“, Charlotte Ritter und Gereon Rath, stehen für die Widersprüche der Weimarer Republik. Charlotte Ritter ist die Personifizierung Berlins – schlaflos, selbstbewusst proletarisch, resolut, arm und ja, auch ein bisschen sexy. Kriminalkommissar Gereon Rath steht für eine Gesellschaft, die den 1. Weltkrieg noch in den Knochen und im Kopf hat – er ist ein Heroin-abhängiger, traumatisierter Soldat und Katholik, der trotz seines Berufsstandes versucht, sich irgendwie anständig zu verhalten.
Rath wird von Köln zur Sitte nach Berlin versetzt, um Fotos zu vernichten, die dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer kurz vor der Wahl zum Verhängnis werden könnten. Im Laufe der Ereignisse rückt sein eigentlicher Auftrag in den Hintergrund.
Ritter steht für die Zukunft einer neuen Gesellschaft, womit aber in keinem Fall der Sozialismus gemeint ist. Sie kämpft individuell für Gleichberechtigung, frei von Moral-Aposteln und mäkelnden männlichen Nichtsnutzen in der eigenen Familie, will konsumieren und Karriere machen – trotz aller gesellschaftlicher Widerstände.
Die Figuren Rath und Ritter, gespielt von Volker Bruch und Liv Lisa Fries, sind es, die die ansonsten zerfahrene Geschichte zusammenhalten. Zu viele Handlungsstränge ziehen sich durch das Drehbuch von „Babylon Berlin“, dessen Geschichte auf den Kriminalromanen von Volker Kutscher basiert.
Das Besondere an „Babylon Berlin“ sind detailverliebte Darstellungen krasser Widersprüche. Die Demonstrationen der KPD etwa, mit roten Fahnen und Transparenten, könnten als direkte Nachstellungen historischen Bildmaterials durchgehen. Der Blutmai bei dem die Polizei gegen zuvor verbotene und von der KPD organisierte Demonstrationen vorging und dabei 33 Zivilisten tötete und viele verletzte, gerät zum aktuellen Beitrag über das Verhalten von Sicherheitsbehörden, die mit Spitzeln und Provokateuren eskalieren, brutal vorgehen und anschließend verletzte Polizisten als Opfer linker Gewalt herbei phantasieren. Sehr gut auch die Figur der KPD-Genossin und Ärztin der Armen, die die Verletzten des Blutmai versorgt und sich mit den Kommissaren anlegt. Ihre Art soll sicherlich auch ein wenig abschreckend wirken, tut es bei mir aber nicht. Und dann ist da noch ein kleiner Kiosk auf dem Alex, an dem die „Rote Fahne“ neben der „Börsenzeitung“ angeboten wird.
Dennoch bleibt „Babylon Berlin“ letztendlich in der Interpretationslinie gefangen, die Weimarer Republik sei von links und rechts zerstört worden: Von linken Straßenkämpfern und Rechten, die sich in den Amtsstuben, im Militär und in den Sicherheitsbehörden betätigen.


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