Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 5. Oktober 2018

Zensur
Ganz fleißig war ein „Interministerieller Ausschuss für Ost-West-Filmfragen“ zwischen 1954 und 1966. Im Auftrag der Bundesregierung hat er über 3 000 Filme aus sozialistischen Ländern gesichtet, in weit mehr als 100 Fällen verweigerte der Ausschuss die Einfuhr der Filme in die Bundesrepublik oder genehmigte eine Vorführung nur mit Auflagen. Fast immer waren politische Vorbehalte ausschlaggebend, also kommunistische Propaganda oder Filme, die auf den deutschen Faschismus und die Nachkriegszeit in der BRD mit ihrer Duldung und Billigung ungebrochener Aktivitäten aufmerksam machten. In einer Online-Datenbank, am Hannah-Arendt-Institut in Dresden in Kooperation mit der DEFA-Stiftung erstellt, sind alle über 600 ostdeutschen Filme verzeichnet, die vom Ausschuss inhaltlich überprüft wurden. In Zukunft soll die Datenbank „filmzensur-ostwest.de“ durch Filme aus weiteren Ostblockländern erweitert werden. Verdienstvoll, aber das Institut widmet sich gerne und ausgiebig der „Totalitarismus-Forschung“, ein besonderer Fokus liegt auf der Analyse von Opposition und Widerstand gegen beide deutsche Diktaturen. Man darf gespannt sein, ob die Datenbank dann Filme auflistet, die in den sozialistischen Ländern nicht oder nur unter Auflagen gezeigt werden konnten, um seinen eigentlichen Auftrag zu erfüllen.

Drohung
Dem Empfang des türkischen Staatspräsidenten Erdogan in Berlin hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels „ein Zeichen für Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenrechte“ entgegengesetzt – mit einer Lesung von Texten inhaftierter Autoren. Alexander Skipis vom Börsenverein sprach deutlich sein Entsetzen aus, dass der türkische Staatschef offenbar mit Drohungen den freiwilligen Verzicht von Can Dündar auf die Pressekonferenz Erdogans mit der Bundeskanzlerin in Berlin erreichen konnte: „Und im Zusammenhang mit dieser Pressekonferenz ist bekannt geworden, dass Präsident Erdogan Frau Merkel schon im Vorfeld des Besuches eine Liste übergeben hat. Eine Liste mit 69 sogenannten Terroristen, die aus Deutschland an die Türkei ausgeliefert werden sollten. Und als Herr Erdogan erfahren hat, dass der Journalist Dündar akkreditiert ist für die Pressekonferenz heute Mittag, hat er damit gedroht, diese Pressekonferenz platzen zu lassen, wenn er dabei ist.“ In der Lesung im Frankfurter Literaturhaus hörte man Zeilen wie die des in der Türkei inhaftierten Schriftstellers Ahmet Altan: „Wenn an Sommermorgen die ersten Sonnenstrahlen sich durch die nackten Eisengitter zwängen und wie glänzende Speere auf mein Kissen fallen, höre ich das muntere Gezwitscher der Zugvögel, die sich unter dem Vordach des Innenhofes ihr Nest gebaut haben. Untermalt von dem eigenartig knirschenden Geräusch, das entsteht, wenn Gefangene in den Nachbarhöfen auf leere Plastikflaschen treten.“

Naiv
„Würde, Verantwortung, Demokratie“ – all das sprechen die Unterzeichner der Erklärung „Seehofer muss gehen“ dem Bundesinnenminister ab und fordern seinen Rücktritt noch vor der Landtagswahl in Bayern am 14. Oktober. Kathrin Röggla, Vize-Präsidentin der Akademie der Künste und eine der Initiatorinnen der Erklärung, begründet die gemeinsame Forderung. Seehofer müsse gehen, weil er mit seiner Rhetorik das Land spalte, sein Amt beschädige, zur Verrohung der Sprache und zur Verharmlosung des Rechtsextremismus beitrage sowie die Arbeit der Bundesregierung sabotiere. Er habe mit seiner Unterstützung für den bisherigen Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen ein Signal nach außen gesendet, das besage, dass man für Inkompetenz und Illoyalität gegenüber der Bundeskanzlerin befördert werde, erklärte Röggla. „Wir können nur als Künstlerinnen und Künstler sagen, dass wir das nicht dulden wollen – so eine Brutalisierung in der Politik.“


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 5. Oktober 2018





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