Defensive Eskalation

Manfred Ziegler über syrische Luftabwehr
|    Ausgabe vom 5. Oktober 2018

Unverantwortlich, gegen die Interessen der USA gerichtet, ein großer Fehler und eine Eskalation – das sind die Reaktionen aus Tel Aviv und Washington auf die angekündigte Lieferung von S-300-Luftabwehrraketen nach Syrien. Es ist besonders zynisch, eine defensive Maßnahme als Eskalation zu bezeichnen.
Bisher konnten die Luftwaffen der USA und Israels nach Belieben Syrien zerstören. Während die USA in vielen Einsätzen die syrische Armee nur indirekt bedrohten, griff Israel mehr als 200 Mal in den letzten Jahren Ziele der syrischen Regierung, Armee und ihrer Verbündeten an. Wenn S-300 auch außerhalb der russischen Stützpunkte installiert werden, wird die syrische Souveränität über den eigenen Luftraum gestärkt. Und das ist für die USA und Israel inakzeptabel. Netanjahu erklärte gegenüber Putin, Israel werde weiterhin Ziele in Syrien angreifen.
Der Anlass für die Stationierung der S-300 war der versehentliche Abschuss eines russischen Militärflugzeugs durch die veraltete syrische Luftabwehr während eines israelischen Angriffes. Israelische Kampfflugzeuge hatten sich hinter der größeren russischen Maschine versteckt. Es war eine erfolgreiche Falle. Und die Wirkung dieser Aktion geht weit über den Abschuss hinaus.
Bisher hatte es Russland geschafft, trotz der Unterstützung für Syrien mit allen Seiten in der Region gute Beziehungen zu pflegen, politisch, wirtschaftlich und militärisch. Die russische Regierung hatte 2013 die Lieferung von S-300 an Syrien auf Drängen Israels aufgegeben. Gedankt wurde es ihr nicht.
Präsident Putin spielte den Abschuss zunächst herunter, es sei eine tragische Verkettung von Umständen gewesen. Das russische Militär belehrte ihn eines Besseren. Der Sprecher des russischen Verteidigungsministers nannte es „kriminelle Fahrlässigkeit (Israels), um das mindeste zu sagen“.
Der Versuch Russlands, gute Beziehungen mit allen Seiten aufrecht zu erhalten, ist an eine Grenze gestoßen. Israel und die USA werden die syrische Souveränität nicht anerkennen. So werden die S-300 wohl zunächst als Druckmittel in weiteren Verhandlungen eingesetzt.
Wenn die S-300 installiert werden, würde es die Hitzköpfe abkühlen, meinte der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu. Wenn aber nicht? Wenn Liebermann und Netanyahu Syrien weiterhin bombardieren lassen, werden die russischen S-300 israelische Kampfflugzeuge bedrohen oder werden sie stillhalten? Es wird hoch gepokert.


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Leserbrief zu Artikel »Defensive Eskalation«, UZ vom 5. Oktober 2018





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