Wurzeln deutscher Expansionspolitik

Vor 400 Jahren entstand die Union Brandenburg-Preußen, 1700 daraus das Königreich Preußen
Von Gerhard Feldbauer
|    Ausgabe vom 5. Oktober 2018

Vor 400 Jahren, am 28. August 1618, fiel das aus dem Ordensstaat der Kreuzritter hervorgegangene, bis dahin zu Polen gehörende Herzogtum Preußen nach dem Tod von Herzog Albrecht Friedrich durch Erbrecht an den Hohenzoller Johann Sigmund, der damit Kurfürst von Brandenburg und Herzog in Preußen wurde. 1657 verzichtete Polen im Vertrag von Wehlau auch auf die formal noch bei ihm verbliebene Lehnshoheit. 1700 erhielt der Kurfürst Friedrich III. gegen die Stellung von 8 000 Soldaten für den Kaiser das Recht, sich zum „König in Preußen“ zu krönen. Nach der Annexion von Westpreußen 1772 führte Friedrich II., der sich „der Große“ nennen ließ, den Titel „König von Preußen“. Als Preußen wurden die gesamten Ländereien der brandenburgischen Hohenzollern bezeichnet. Die preußischen Könige erweiterten diesen Besitz durch neue Eroberungen, Vertragsbrüche (Allianz mit Schweden gegen Polen), erzwungene Verträge (Abkommen von Wehlau) und Erbrecht. 1740 eroberte Friedrich II. Schlesien. Im siebenjährigen Krieg (1756–63) stieg Preußen zur europäischen Großmacht auf und begann mit Österreich um die Vorherrschaft über Deutschland zu ringen. Im 1871 gebildeten Deutschen Kaiserreich übte es eine Vormachtstellung aus.

An der Wiege standen die Kreuzritter
Dieses preußische Königreich ging in wechselvoller Geschichte aus der von Kaiser und Papst getragenen, vom europäischen Feudaladel unterstützten Expansion, nach Osten hervor. In Preußen entstand der Jahrhunderte unabhängige, nur der Kurie unterstellte Ordensstaat mit seinem Hauptsitz auf der Marienburg. Sein Träger war der 1198 während des dritten Kreuzzuges in Palästina gebildete Deutsche Ritterorden. Im Rahmen der Christianisierung eroberte er die Gebiete der „Heiden“ und bekehrte sie. Das geschah nach dem Grundsatz, wer sich nicht taufen ließ, verfiel dem Schwert. Binnen weniger Jahrzehnte eroberte der Orden riesige Besitzungen, Rechte und Privilegien in Palästina, Spanien, im ungarischen Burzenland, in Livland, Preußen und natürlich im römisch-deutschen Reich. Aus dem Burzenland wurde er 1225 von König Andreas vertrieben, weil er das Gebiet aus dem ungarischen Reichsverband herauszulösen wollte. 17 Jahre später folgte die Niederlage gegen Alexander Newski auf dem Peipussee (ein zwischen Estland und Russland gelegenes Binnengewässer, das etwa so groß wie der Bodensee ist). Nach über einem Jahrhundert stieß der Orden jedoch weiter nach Osten vor. 1230 hatte er einen Hilferuf des polnischen Herzogs von Masowien und Kujawien zum Kampf gegen die Pruzzen genutzt, um sich widerrechtlich in Kurland festzusetzen. Päpste und Kaiser segneten das Expansionsprogramm ab.
Hochmeister (Titel des Obersten Gebieters des Ordens) Herrmann von Salza legte 1233 mit der Kulmer Handfeste (siehe Anmerkung) die Grundlagen für den Ordensstaat. Bis Mitte des 14. Jahrhunderts wurde das Ordensterritorium durch weitere Besitzergreifungen im Baltikum und in Pomerellen erweitert, 1346 Estland einverleibt. Der Orden bildete nunmehr einen bedeutenden Machtfaktor in Mittel- und Osteuropa und neben Burgund gleichzeitig auch eine Bastion des spätmittelalterlichen Feudaladels.
Durch die Missionierung der Preußen schuf der Orden einen deutsch beherrschten polyethnischen Staat (Preußen, Slawen, Deutsche) mit starken wirtschaftlichen und kulturellen Potenzen. Diese Potenzen wurden jedoch nicht für die Schaffung eines deutschen Zentralstaates genutzt. Die Ordensexpansion stärkte Macht und Einfluss der Päpste, die vor allem seit dem 11. Jahrhundert gegenüber dem Kaiser die alleinige Herrschaft über Kirche und Welt beanspruchten. Der Orden selbst verfügte über keine feudalstaatliche Struktur. Er stieß auf seinem Territorium zunehmend auf den Widerstand des ständischen Landadels und der Städtebürger, die sich zeitweise mit Polen gegen ihn verbündeten.

Die Niederlage bei Grunwald
In Polen war 1385 mit der Union des Königreichs mit dem Großfürstentum Litauen unter König Jagiello II. der Vereinigungsprozess der Fürstentümer abgeschlossen worden. Am 15. Juli 1410 kam es bei Grunwald, das die Deutschen Tannenberg nannten, zur militärischen Auseinandersetzung mit dem Orden, die die Union für sich entschied. Hochmeister Ullrich von Jungingen und alle seine Ordensgebietiger (siehe Anmerkung) sowie etwa 200 Ritter fanden den Tod. (Henri Sienkiewicz: Die Kreuzritter, Berlin 2000. Der polnische Regisseur Aleksander Ford, hat das Werk des Nobelpreisträgers eindrucksvoll in seinem Film „Die Kreuzritter“ gestaltet.) Die vornehmsten Ritter wurden gefangen genommen und für sie hohe Lösegelder gefordert. Die Leiche des Hochmeisters ließ Jagiello ehrenvoll nach der Marienburg überführen.
Nach der Niederlage begann der Niedergang des Ordens, auf den die Krise der katholischen Kirche, die Reformation und die frühbürgerlichen Revolutionen in Europa einwirkten. Im Frieden 1411 in Thorn (siehe Anmerkung), musste der Orden die Dobrzyner Gebiete an Polen zurückgeben und Kriegsentschädigungen zahlen. Litauen erhielt Samagotien. Nach erneuten Niederlagen in von ihm angezettelten militärischen Auseinandersetzungen verlor der Orden im 2. Thorner Frieden 1466 alle Gebiete außer denen, die das spätere Ostpreußen bildeten. Aber selbst dort wurde der Hochmeister von der polnischen Krone lehnsabhängig, musste er dem König den Treueid schwören und ihm Heeresfolge leisten.
Um den Zerfall aufzuhalten, suchte sich der Orden einen Hochmeister aus einer der mächtigsten deutschen Fürstenfamilien. 1511 trat Albrecht von Brandenburg-Ansbach aus dem fränkischen Zweig der Hohenzollern an seine Spitze. 1525 verwandelte er den geistlichen Ordensstaat in das weltliche und erbliche Herzogtum Preußen und führte gleichzeitig die Reformation durch. Bei ausdrücklicher Anerkennung seiner Oberhoheit stimmte der polnische König zu. Die immer noch riesigen Ländereien des Ordens in Preußen wurden Privatbesitz des Herzogs und der Ritter, womit die ökonomische Grundlage des künftigen Junkertums entstand.
Als Ursprung Preußens wurde in den späteren deutschen Geschichtsbetrachtungen nicht die Mark, sondern der Ordensstaat ausgegeben. Daraus resultierten die folgenschweren reaktionären Geschichtsbilder der Nachfahren der Kreuzritter, die sich nicht mit dem Scheitern ihrer Expansionspolitik abfinden wollten. Um die verlorenen Gebiete zurückzuerobern, nährten sie den Gedanken der Revanche. Noch nach einem halben Jahrtausend wollte der Generalstabschef des kaiserlichen Heeres, General Ludendorff, mit dem Sieg bei den Masurischen Seen im September 1914 die „Schmach der Niederlage“ von 1410 löschen, in dem er die Kämpfe, die weit nördlicher stattfanden, als „Schlacht von Tannenberg“ bezeichnete. Von Wilhelm II. stammt die chauvinistische Äußerung, der Deutsche Orden habe ein Vorbild dafür gegeben, wie man mit den östlichen Völkern umgehen müsste. Die Nazis nutzten die Ordensgeschichte, die mythologische Glorifizierung der Ritter des einstigen Ordenslandes Preußen und ihrer Expansionen für ihre Blut- und Bodenideologie zur Rechtfertigung ihrer eigenen Aggressionen.
Mit der Habsburger Monarchie ging am Ende des Ersten Weltkrieges auch der Ritterorden unter. 1923 wurde mit einem Bischof der erste Priesterhochmeister gewählt. In Hitlerdeutschland wurde der Orden 1938 aufgelöst. Nach 1945 entstand er in Österreich, der Bundesrepublik und in Italien (Südtirol) wieder. Zu seinen Ehrenrittern gehörten Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß.


Anmerkungen:
Kulmer Handfeste = wird das durch den Deutschen Orden in Kulm ausgestellte Dokument genannt, mit dem die Siedlungen Kulm und Thorn zu den ersten Städten im zwischen der Weichsel und zweien ihrer Zuflüsse gelegenen Kulmer Land erhoben wurden und eine Städteordnung erhielten.
Ordensgebietiger = auch Großgebietiger, fünfköpfiger Rat, der dem Hochmeister zur Seite stand. Eine Art Regierung, dessen Mitglieder spezifische Ressorts bekleideten wie Heerwesen, Finanzen, Handel, Verwaltung. Außerdem gliederte sich das Territorium des Ordens in Balleien (Provinzen) mit einem Komtur an der Spitze. Sie unterstanden wiederum einem Großkomtur, der Mitglied des Rates des Hochmeisters und dessen Stellvertreter war.
1. Thorner Frieden = Thorn, Torun, polnische Stadt in der Wojewodschaft Bydgoszez an der Wisla, slawische Siedlung, 1231 vom Deutschen Orden als Stadt gegründet.


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Leserbrief zu Artikel »Wurzeln deutscher Expansionspolitik«, UZ vom 5. Oktober 2018





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