Auf Profit ausgerichtet

Das System der Fallpauschalen setzt die Kliniken unter Druck – Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“ zeigt die Hintergründe
|    Ausgabe vom 5. Oktober 2018
Für Entlastung, gegen Fallpauschalen: Bei einer ver.di-Demonstration für mehr Personal im Krankenhaus. (Foto: Werner Sarbok)
Für Entlastung, gegen Fallpauschalen: Bei einer ver.di-Demonstration für mehr Personal im Krankenhaus. (Foto: Werner Sarbok)

Was kommt nach den Fallpauschalen?
Das Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“ lädt zu einem „Kongress gegen die Ökonomisierung des Gesundheitswesens“. 15 Workshops, Podiumsdiskussion mit Gesundheitspolitikern aus dem Bundestag von CDU, SPD, Grünen und Linkspartei und das Ziel, eine breite Kampagne gegen Fallpauschalen und Ökonomisierung im Gesundheitswesen zu befördern: An einem Wochenende werden Politiker, Gewerkschafter, Aktive aus Kliniken und engagierte Ärzte miteinander ins Gespräch kommen.
Das Bündnis besteht unter anderem aus den zuständigen ver.di-Fachbereichen in Baden-Württemberg, Berlin-Brandenburg und NRW, dem Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää) und attac.

19. bis 21. Oktober 2018
Gewerkschaftshaus Stuttgart
Willi-Bleicher-Straße 20

Anmeldung und weitere Informationen:
www.krankenhaus-statt-fabrik.de

Personal fehlt, Keime breiten sich aus, Profit geht vor Gesundheit: Der Alltag im Krankenhaus zeigt die Folgen der Gesundheitspolitik. Der Hebel, mit dem die Patienten in den Rahmen der Rendite gepresst werden, sind die Fallpauschalen (DRGs). Das Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“ will mit einem Kongress den Widerstand gegen dieses System stärken. UZ dokumentiert Auszüge aus der Broschüre des Bündnisses.


Seit dreizehn Jahren gilt für deutsche Krankenhäuser das Abrechnungssystem der Fallpauschalen (engl. Diagnosis Related Groups, DRGs). Schon bei Einführung dieses Systems warnten viele Kenner des Gesundheitswesens vor dramatischen Fehlentwicklungen in den Krankenhäusern. Zehn Jahre später wissen wir: Die Warnungen waren berechtigt. […]
Das Bündnis Krankenhaus statt Fabrik wendet sich gegen die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens in Deutschland und daher insbesondere gegen das System der Krankenhausfinanzierung durch DRGs. Wir treten ein für die bedarfsgerechte Finanzierung der Krankenhäuser und ihres Personals. […]
Auf den ersten Blick erscheint die Idee einer Krankenhausfinanzierung über Fallpauschalen nachvollziehbar und fair. Der Leistungsumfang eines Krankenhauses wird dabei mit moderner IT-Technologie wirklichkeitsgetreu abgebildet. Geld gibt es nur für behandelte Krankheitsfälle und zwar: gleiches Geld für gleiche Leistungen. Am Ende entspricht das Budget eines Krankenhauses der Anzahl seiner PatientInnen und dem Aufwand ihrer Behandlung. […]
Ihre Betriebskosten müssen Krankenhäuser fast ausschließlich aus Erlösen aus dem Fallpauschalensystem erwirtschaften. Für die aufnahmebereite Vorhaltung bedarfsnotwendiger Einrichtungen der Daseinsvorsorge wie Kreißsaal oder Intensivstation gibt es kein Geld, sondern nur für tatsächlich behandelte „Fälle“. Das unternehmerische Risiko wechselnder Auslastung liegt beim Krankenhaus. Zur Abrechnung werden mit erheblichem bürokratischen Aufwand alle behandelten PatientInnen anhand ihrer Diagnosen und Prozeduren (z. B. Operationen) computergestützt jeweils einer von mehr als tausend diagnosebezogenen Fallgruppen zugeordnet. Diese Gruppen sollen medizinisch und hinsichtlich des finanziellen Behandlungsaufwandes möglichst gleich sein (homogen). Anhand detaillierter Ist-Kosten-Analysen errechnet das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) jedes Jahr für jede DRG den Durchschnitt der Behandlungskosten und setzt ihn ins Verhältnis zum Durchschnitt aller Krankenhausfälle (sog. Relativgewicht einer DRG). Die Höhe der Fallpauschale (der Preis) für eine DRG, beispielsweise mit Relativgewicht 1,00, die also den Durchschnittskosten einer Krankenhausbehandlung entspricht, wird politisch festgesetzt (sog. Landesbasisfallwert). […]
Die leistungsorientierte Vergütung nach DRGs soll über einen dauernden Kostendruck durch ein niedriges Preisniveau zu einem starken Anreiz für „wirtschaftliches“ Handeln führen. Dabei erscheint der Kostendruck als – vermeintlicher – Sachzwang. Im Zentrum aller Überlegungen der Betriebsleitungen der miteinander im Wettbewerb stehenden Krankenhäuser steht also das Geld, nicht das individuelle Patientenwohl. Gewinn und Verlust eines Krankenhauses hängen schließlich davon ab, ob es gelingt, effizienter zu wirtschaften als bei der Kalkulation der Pauschalvergütung berechnet. Aus dieser Systematik erklären sich nicht nur die zwangsläufigen systemischen Fehlanreize des Fallpauschalensystems, sondern auch ihre durchschlagende Wirkung auf die Versorgungsstrukturen und -prozesse in den Krankenhäusern. Das einzelne Krankenhaus kann sich bei Strafe seines Untergangs dieser Dynamik nicht entziehen. […]
Wie verhält sich ein Krankenhaus marktgerecht? Indem es seinen „Kunden“ mehr Produkte verkauft und seinen Erlös steigert, mehr lukrative Krankenhausbehandlungen durchführt und mehr lukrative Operationen und andere invasive Prozeduren indiziert, die die Fallpauschalen steigern. Ökonomisch ist eine solche Strategie stets richtig, egal ob die Maßnahmen medizinisch sinnvoll und erforderlich sind oder unsinnig und eigentlich eine Körperverletzung darstellen. Bemerkenswert ist, dass sich ein großer Anteil der Fallzahlsteigerungen der letzten Jahre in Kliniken privater, gewinnorientierter Krankenhausträger abgespielt hat.
[…]
Gut organisierten, stark spezialisierten Fachkliniken, die nur planbare Behandlungen durchführen und Notfallbehandlungen vermeiden, die an Personal und Lohn sparen und Patientenselektion betreiben, gelingt es dabei deutlich leichter, effiziente Ablauf- und Kostenstrukturen zu entwickeln und Gewinne zu erwirtschaften. Hier erwirtschaften profitorientierte private Klinikkonzerne trotz des Kostendrucks im DRG-System satte Renditen und kaufen weitere Krankenhäuser auf. Auf der Verliererseite stehen zum Beispiel Krankenhäuser der Grund- und Maximalversorgung in öffentlicher Hand. Diese müssen stets auf alle Eventualitäten und Notfallbehandlungen vorbereitet sein. Sie behandeln PatientInnen mit komplexem Schwierigkeitsgrad und erhöhten Versorgungsbedarfen wie Kinder und Jugendliche, PatientInnen in hohem Lebensalter und mit geriatrie-typischen Erkrankungen wie Demenz oder PatientInnen mit Behinderung. Dafür erhalten sie ungeachtet ihres unvermeidlich höheren Aufwands in schematischer Weise die gleichen Fallpauschalen („gleiches Geld für gleiche Leistung“).

Aus: Krankenhaus statt Fabrik – Fakten und Argumente zum DRG-System
und gegen die Kommerzialisierung der Krankenhäuser.
Bestellen oder Herunterladen unter: www.krankenhaus statt-fabrik.de


Kaum ein Industrieland hat öffentliche Krankenhäuser in so großem Umfang an private Konzerne verkauft wie Deutschland. Zwischen 2002 und 2013 ist der Anteil der Häuser in öffentlicher Trägerschaft von 37 auf 30 Prozent gefallen, ein größerer Teil der öffentlichen Häuser ist privatrechtlich organisiert. Private Krankenhäuser erhöhten ihren Marktanteil von 23,7 auf 34,8 Prozent.

Quelle: Krankenhaus statt Fabrik mit Zahlen des Statistischen Bundesamts

Was kommt nach den Fallpauschalen?
Das Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“ lädt zu einem „Kongress gegen die Ökonomisierung des Gesundheitswesens“. 15 Workshops, Podiumsdiskussion mit Gesundheitspolitikern aus dem Bundestag von CDU, SPD, Grünen und Linkspartei und das Ziel, eine breite Kampagne gegen Fallpauschalen und Ökonomisierung im Gesundheitswesen zu befördern: An einem Wochenende werden Politiker, Gewerkschafter, Aktive aus Kliniken und engagierte Ärzte miteinander ins Gespräch kommen.
Das Bündnis besteht unter anderem aus den zuständigen ver.di-Fachbereichen in Baden-Württemberg, Berlin-Brandenburg und NRW, dem Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää) und attac.

19. bis 21. Oktober 2018
Gewerkschaftshaus Stuttgart
Willi-Bleicher-Straße 20

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Leserbrief zu Artikel »Auf Profit ausgerichtet«, UZ vom 5. Oktober 2018





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