Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 12. Oktober 2018

Es geht weiter
Die Statuten der Schwedische Akademie der Wissenschaften sind – auch dank der Intervention des Königs – geschmeidig geändert worden. Bei uns ist der elitäre Klub nur bekannt, weil der alljährlich bekannt gibt, wer den Literaturnobelpreis bekommen soll. Einige Mitglieder, wie alle anderen auch auf Lebenszeit gewählt, hatten ihr Amt ruhen lassen oder sogar ihren Austritt erklärt, nachdem ein geschmackloser Skandal seit dem Frühsommer bekannt wurde. Nun hat der verbliebene Rest der Akademiemitglieder zwei neue Mitglieder in ihren erlauchten Kreis gewählt. Das Drängen der internationalen Verlagswelt und natürlich der Feuilletonredaktionen, die wochenlang von Spekulationen im Vorfeld und dann von ausführlichen Texten über den neuen Preisträger ihre Seiten füllen, hat nun zu dieser Neukonstituierung des Gremiums geführt. Jetzt will man im nächsten Jahr gleich zwei Preise ausloben, das Geld ist schließlich da, wie beschädigt die Jury sein wird, mag sich zeigen.
Nicht deutlich
Die diesjährige Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Aleida Assmann, sieht den Frieden in Europa durch eine Rückkehr zu nationalem Pathos bedroht. „Immer mehr Europäer vergessen heute, dass es die Übersteigerung des Nationalen war, die Europa in zwei Weltkriege getrieben hat“, sagte sie kurz vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Wie jemand der Meinung sein kann, in „Europa“ herrsche Frieden, hat die Augen und Ohren heftig verschlossen. Weiter führte sie aus, „der Wunsch nach einem unverstellt heldenhaften Selbstbild führt zurück ins 19. Jahrhundert“. Den AfD-Politikern Björn Höcke und Alexander Gauland warf sie vor, mit ihren Äußerungen zum Holocaust „Phrasen vom Schuldkult“ öffentlich neues Gewicht zu geben. Dass ganz andere für ein revanchistisches Geschichtsbild arbeiten und die beiden Dummbeutel nur für Aufregungen sorgen beim Test, was bereits gesagt werden kann und was noch nicht, scheint ihr ebenfalls nicht in den Kopf zu wollen. Am nächsten Sonntag wird die 71-jährige Kulturwissenschaftlerin zusammen mit ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan Assmann (80), für ihr Werk zur „Kultur des Erinnerns“ in der Frankfurter Paulskirche vom Börsenverein für den Deutschen Buchhandel ausgezeichnet.
Blass oder blutleer
Der 3. Oktober ist beliebter Starttermin für Filme, die etwas mit der DDR zu tun haben. Aber wie sieht die DDR in diesen Filmen aus? Mit viel Tamtam kam „Werk ohne Autor“ von Oscar-Preisträger Henckel von Donnersmarck in die Kinos. Eine kunst-esoterisch überwölbte Geschichte über den Maler Gerhard Richter und für die DDR-Zeit müssen mitunter zwar historisch treffende, doch einige wenige Gegenstände herhalten. Die müssen im Bild dann aber so viel symbolisieren, dass sie sich unangenehm in den Vordergrund drängen. In „Ballon“ erzählt Bully Herbig eine Fluchtgeschichte mit Heißluftballon als Thriller. Die DDR wirkt hier wie ein Museum, die Familien, von denen der Film erzählt, leben nicht in ihren Wohnungen, sondern scheinen dort eben nur für die Zeit der Dreharbeiten zu Gast. Die DDR wird markiert durch Tapeten, Standardbilder und Geschirr-Service, aber gerade das macht das Szenenbild so blutleer. Der Film „Gundermann“, die Geschichte des Liedermachers, hebt sich davon angenehm ab. Der Streifen von Andreas Dresen ist im September gestartet und schon ziemlich erfolgreich, 250 000 Besucher in den Kinos wurden bislang gezählt. Was auch damit zu tun haben könnte, dass die DDR, besonders das Hoyerswerda der siebziger-und achtziger-Jahre, hier so beiläufig lebendig erscheint – weil etwa die Küche oder das Arbeitszimmer Gundermanns so angenehm gefüllt ist mit Gegenständen, die glaubhaft wirken einschließlich „Westsachen“, die Bürger der DDR selbstverständlich haben konnten.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 12. Oktober 2018





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