Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 19. Oktober 2018

Kein Neuanfang
Nach dem Antisemitismus-Skandal um die Rapper Kollegah und Farid Bang beim „Echo Pop“ waren alle Echo-Preise des Musikverbands BVMI abgeschafft worden. Aber die Marketing-Anstrengungen der Branche haben ein neues Format geschaffen. Flugs wurde ein Verein zur Förderung der Klassischen Musik e. V. gegründet, in dem Label, Veranstalter, Verlage und Personen der Klassik-Welt vertreten sind. Es bleibt bei einer Fachjury, keine Publikumspreise und nur noch das an Musik, was die Branche selbst für Klassik hält. Am letzten Sonntag gab es die erste Gala in Berlin zur Verleihung des Echo-Nachfolgers „Opus Klassik“. Für ihr Lebenswerk wurde dabei die Sopra­nistin Christa Ludwig geehrt. Diana Damrau und Juan Diego Flórez wurden als Sänger des Jahres ausgezeichnet. Mit dem Dirigenten-Preis wurde der Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister für eine Einspielung mit dem ORF-Radio-Symphonieorchester Wien geehrt. Ausgezeichnet wurden auch der russische Pianist Daniil Trifonow, die Staatsphilharmonie Ludwigshafen und das Gewandhausorchester Leipzig als Orchester des Jahres. Der anscheinend unvermeidliche Thomas Gottschalk moderierte, das ZDF übertrug und die Branche hofft auf belebende Geschäfte.

Gute Wahl
Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 erhielt die vietnamesische Autorin Nguyen Ngoc Tu den LiBeraturpreis 2018 für ihren Erzählband ‚Endlose Felder‘. Der LiBeraturpreis ist der Literaturpreis, der an Frauen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt vergeben wird. Erstmals erhält eine Autorin aus Vietnam diesen Preis. Die Autorin Nguyen Ngoc Tu wurde 1976 in der Provinz Ca Mau, ganz im Süden des Mekongdeltas, geboren. Dort spielen auch ihre Geschichten, die Protagonisten sind Fischer, Entenzüchter, Erntehelfer, alte, schweigsame und skurrile Männer und unglückliche Frauen zwischen Familiensehnsucht und Prostitution. Den roten Faden bildet der Fluss, der Mekong, von dem alles Übel ausgeht, aber auch das seltene Glück. Bei der Überreichung des Preises antwortete Nguyen Ngoc Tu auf die Frage, warum sie vor allem über Frauen und ihre Heimat im Mekongdelta schreibe, „Ich bin eine Frau und verstehe sie deshalb am besten. Und ich bin zwischen den Wassern des Mekong und den weiten Reisfeldern aufgewachsen. Da kenne ich mich aus.“ Mit dem Preis ist die Förderung von Frauenschreibprojekten in ihrem Land (durch die Regierung) verbunden. Nguyen Ngoc Tu will zwei spezielle Schulen mit einer Bibliothek ausstatten. „denn nur wer liest, kann die Freude am Schreiben entwickeln“, erklärt sie und erhält dafür viel und langen Beifall.

Umbau
Die PiS-Regierung Polens hat leitende Mitarbeiter des Danziger Weltkriegsmuseums ausgetauscht und begonnen, die Dauerausstellung zum Zweiten Weltkrieg zu verändern. Der geschasste Gründungsdirektor wirft den Behörden Geschichtszensur vor und ist vor Gericht gezogen. In Polen wird an verschiedenen Fronten um die politische Kultur gekämpft, die PiS-Regierung will das Land in ihrem Sinne konservativ umformen. Der Gründungsdirektor Pavel Machcewicz musste gehen, sein Nachfolger Karol Nawrocki interpretiert nun die Geschichte neu. Während es bisher besonders um den Blick auf die Leiden der Bevölkerung ging, soll nun das polnische Heldentum in den Vordergrund rücken und – ganz katholisch – das Märtyrertum betont werden. Die vergleichende, europäische Perspektive interessiert nicht mehr, Karol Nawrocki hat sofort damit begonnen, die fertige Dauerausstellung zu retuschieren und zu verändern. Als Beispiel mag dienen, dass die Zahl von Juden, die von Polen gerettet wurden, deutlich angehoben wurde und die Tafeln der Retter einen zentralen, herausgehobenen Platz in der Ausstellung bekommen haben. Passt in das Geschichtsbild, das in ganz Polen fleißig produziert und verbreitet wird.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 19. Oktober 2018





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