Es allen recht machen

Herbert Becker über die Preisträger und ihre Rede zum „Friedenspreis“
|    Ausgabe vom 19. Oktober 2018

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Obwohl mit einem Preisgeld von 25 000 Euro nicht der Kulturpreis mit der höchsten Summe, genießt diese Auszeichnung eine weit über die Branche wirkende Aufmerksamkeit. Fein austariert ist die jeweilige Vergabe an die üblichen acht bis zehn Buchverlage, die im steten Reigen sich über mediale Präsenz und erhoffte Mehrumsätze freuen können.
In diesem Jahr waren die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann ausgesucht worden, viele ihrer Titel sind in den beiden Wissenschaftsverlagen C. H.Beck und Fink erschienen. Die 71-jährige Aleida Assmann ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, ihr 80-jähriger Mann ist Ägyptologe. In ihrer gemeinsamen Dankesrede stellten die beiden Preisträger die Bedeutung der Meinungsvielfalt in einer demokratischen Gesellschaft heraus – betonten aber auch, dass es dabei auch Grenzen geben müsse. Dieser Tenor zog sich durch die gesamte Rede, wohl abgewogen, nur da kritisch, wo das bürgerliche, sich liberal fühlende Publikum zustimmt. Ein Frieden wird gesucht, der meint, was „hier trennt ist der ausschließliche Anspruch auf Wahrheit. Eine Perspektive des Friedens dagegen wird ermöglicht durch ein ganz einfaches Kriterium, wahr ist, was uns verbindet!“ So hält man sich dann gerne an den Händen, ist gut Freund mit dem Nachbarn und beschwört die alten Schriften und Bauwerke. Die Jury hat die beiden ausgezeichnet für ihre Forschungen zu Erinnerungskultur sowie zum Zusammenhang zwischen Religion und Gewalt. „Es kann nicht angehen, dass es eine neoliberale Freiheit für die Bewegung von Kapital, Gütern und Rohstoffen gibt, während Migranten an Grenzen festhängen und wir die Menschen, ihr Leid und ihre Zukunft vergessen“, sagten sie in ihrer Rede. Kein Wort darüber, wer daran wohl ein Interesse haben mag, wenn sie es denn wissen sollten, haben sie es wohlweislich verschwiegen. Beide fordern, dass es die Aufgabe eines kulturellen wie eines nationalen Gedächtnisses sei, sich „wiedererkennbar zu halten“. Das ist betulich, denn das ausgewählte Frankfurter Publikum und die üblichen Medien sind schon für eine Erinnerungskultur, die den Faschismus nicht vergessen will, aber auch diese Zeit und der Grund für eine solche Politik sollen relativiert werden, schließlich soll ein „Wandel der Werte und des nationalen Selbstbildes“ entwickelt werden.


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