Reaktionäres im Studium

Herbert Becker zu Studienliteratur
|    Ausgabe vom 26. Oktober 2018

Zufällig blieb mein Blick an einem Buchregal in einer rheinischen Universitäts-Buchhandlung hängen. Beschriftet war das Regal mit „Semesterliteratur“ und zeigte zwölf Taschenbücher, von denen es einige in sich hatten. Da wurde von Botho Strauß der „Schlußchor“ empfohlen, von Rüdiger Safranski seine Darstellung der „Romantik“, von Rainhald Goetz sein Stück „Jeff Koons“, von Hermann Hesse „Unterm Rad“ und last, but not least von Ernst Jünger „In Stahlgewittern“.
Ob tatsächlich die Buchhändlerinnen und Buchhändler diese Ausstellung aus eigenen Überlegungen zusammengestellt hatten? Ein kurzes Gespräch gab Aufklärung: Diese und die weiteren Bücher sind für das gerade begonnene Wintersemester die Lektüreempfehlungen im Fachbereich Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft für Lehramtsstudenten dieser Universität.
Es haut schon ein wenig aus den Schuhen, neben richtigem reaktionären Dreck wie dem von Strauß und Jünger, dem esoterischen Geschwurbel von Hesse, auch noch das dümmliche Elaborat vom Großschwätzer Safranski und das nie mehr aufgeführte Theaterstück des völlig abgedrehten Medienlieblings ­Goetz als Lesestoff für angehende Lehrerinnen und Lehrer zu finden.
Es sind auch nicht nur „Empfehlungen“, sondern auf der Basis solcher Texte die in Seminaren durchgenommen werden, müssen die Studierenden Hausarbeiten oder Klausuren anfertigen.
Die Frage ist: Wer macht diese Vorgaben? Die vielbeschworene Autonomie der Hochschulen ist bei so was eh außen vor, verantwortlich ist die Ministerialbürokratie im NRW-Ministerium für Wissenschaft und Kultur. Hier werden die Lehrpläne, offiziell vorgelegt von den Hochschule, geprüft, möglicherweise geändert und abgesegnet. Gerade bei den Studiengängen für das Lehramt will sich das Ministerium einmischen, denn schließ- und endlich ist es für die herrschende Klasse und ihren „Ausschuss“ wichtig, was und wie die zukünftigen Vermittler ausgebildet werden.
Dieses Abdriften in reaktionäre ideologische Meinungen scheint gewünscht, denn vergeblich sucht man im Vorlesungsverzeichnis dieser Hochschule im gleichen Fachbereich die Aufforderung, sich mit kritischen, fortschrittlichen, eventuell sogar „linken“ Texten und Autoren zu beschäftigen. Selbst der bürgerliche humanistische Mainstream gerät ins Hintertreffen, es kann sich also niemand wundern, wenn in späteren Jahren Schüler und Schülerinnen mit einem Gedankengut vertraut gemacht werden, das dem Rechtsruck in der Gesellschaft entspricht.


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