Interview

Wut macht Mut

Ellen Beeftink im Gespräch mit Nina George
|    Ausgabe vom 2. November 2018
Nina George ist Vorstandsmitglied des VS (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di), Beirätin des Präsidiums des PEN, VG Wort Verwaltungsratsmitglied sowie Gründerin verschiedener Initiativen. (Foto: Helmut Henkensiefen@FinePic München)
Nina George ist Vorstandsmitglied des VS (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di), Beirätin des Präsidiums des PEN, VG Wort Verwaltungsratsmitglied sowie Gründerin verschiedener Initiativen. (Foto: Helmut Henkensiefen@FinePic München)

Im Zuge der Debatte um die Digitalisierung wird viel über die Zukunft des Buches gesprochen. Aber wie sieht die gegenwärtige Situation von Autoren und besonders Autorinnen aus. Ein Gespräch mit Nina George.

 

UZ: Gibt es gravierende Unterschiede in der ökonomischen Situation von Autoren und Autorinnen?

Nina George: Wenn man einen Blick in die Zahlen der KSK (Künstlersozialkasse) wirft, dort sind etwa 43000 Worturheber und -urheberinnen versichert, sieht man schon mal ganz deutlich, dass es da einen Genderpay-Gap gibt. Die Herren haben je nach Altersstufe 3 bis 5 000 Euro mehr zur Verfügung. Je älter eine Autorin wird, desto weniger Verdienst hat sie. In der Verlagsbranche wird Frauen von vornherein weniger Vorschuss angeboten. Die Unterschiede sind zum Teil eklatant. Debüts werden heutzutage mit 1 500 bis 8 000 Euro vergütet, oft auch null. Und da gehen die Frauen eher mit null raus als mit 1 500 Euro. Den Verlagen geht es meist zuerst ums Thema. Die möchten natürlich selbst für ein gutes Thema nicht allzu viel Geld ausgeben und Frauen geben sich eben oft mit sehr viel weniger zufrieden. Da würde Wissen helfen, z. B. anonymisierte Datenbanken.

UZ: Können Autorinnen und Autoren überhaupt von ihrem Schreiben leben?

Nina George: Nach KSK-Zahlen liegt das durchschnittliche Einkommen bei knapp 21000 Euro im Jahr. Männer liegen mit gut 24000 deutlich darüber, Frauen mit gut 18000 Euro ebenso deutlich darunter. Davon kann man alleine leben, mit Familie nicht. Ich schätze, 80 Prozent meiner Kollegen und Kolleginnen haben noch einen anderen Beruf und schreiben abends oder am Wochenende. Erhebungen des „Syndikat“ (Autorengruppe deutschsprachiger Krimiliteratur) zu Lesungshonoraren zeigt; je angesehener ein literarischer Verlage, um so größer ist das Missverhältnis bei den Vergütungen von Frauen und Männern. Im Krimibereich ist es nahezu gleich.

UZ: Welche Faktoren spielen eine Rolle dabei, dass Frauen derart diskriminiert werden?

Nina George: Frauen werden marginalisiert. In den Feuilletons, bei den unzähligen Literaturpreisen. Literaturkritiker sind meist Männer und besprechen meist Männer, in den Jurys sitzen überwiegend Männer und die vergeben eher an Männer. Allerdings sind in diesem Jahr viele Frauen bepreist worden.

UZ: Sie gelten als Kämpferin für Autorenrechte, haben verschiedene Initiativen gegründet und Kampagnen gestartet. Wie kam es zu diesem Engagement?

Nina George: 2011 habe ich Parteiprogramme in Bezug auf Urheberrechtsfragen im Zuge der Digitalisierung gelesen. Und es überkam mich eine unbändige Wut, insbesondere bei den „Piraten“, der „Linken“ und den „Grünen“, deren Forderungen eine unfassbare Ignoranz künstlerischer Arbeit zeigt. Einfach unerträglich. Aber, Wut macht Mut. Und so habe ich die Initiative „JA zum Urheberrecht“ gegründet. Mit dem „Netzwerk Autorenrechte“ haben wir seit 2016 eine starke Lobby für Buchautorinnen und -autoren. Andere kleinere und größere Projekte wie „Fairer Buchmarkt, Frauen zählen“ kamen dazu.

UZ: Welche Reaktionen gibt es auf ihre Aktivitäten?

Nina George: Die Verlage wissen es zu schätzen, da sie selbst betroffen sind. Es wird so viel kopiert wie nie zuvor. So viel gratis verschleudert. So viel geklaut. Mediatheken, Online-Archive, gratis Zeitschriftenartikel, nahezu vollständige Bücher bei Google, Geschenkdownloads, Piraterie, Flatrate-Abos, Mehrfachlizenzen. Immer mehr Menschen nutzen immer mehr Kulturwerke, ohne oder ohne ausreichend für jede Nutzung zu bezahlen.

UZ: Ist Selfpublishing, z. B. bei Amazon, ein guter Weg zur finanziellen Sicherheit für Autorinnen und Autoren?

Nina George: Ich bin eine ausgemachte Amazon-Feindin. Ich halte das ganze Konzept für destruktiv, nicht nur für den Buchhandel, sondern für die ganze Gesellschaft. Es ist nie gut, Monopolisten zu haben. Wenn man bei Amazon in der Flatrate ist, wird nach gelesenen Seitenzahlen gezahlt. Wenn man da wahrgenommen werden will, muss man sich einen Preis zwischen 99 Cent und 2,99 Euro ausdenken. Normalerweise bekommt man 70 Prozent vom Erlös. In dieser Preisspanne aber nimmt Amazon die 70 Prozent. Das heißt, wenn man gesehen werden will, muss man Amazon das Geld in den Rachen stopfen. Um sichtbar zu bleiben, muss man einiges machen. Mit dem Preis runter gehen, Mainstream machen, Nische suchen. Erfolgreich sind Selfpublisher etwa so häufig wie traditionelle Autorinnen und Autoren, etwa in 5 bis 7 Prozent.

UZ: Warum besteht so wenig Interesse an der Situation von Autorinnen im Verhältnis etwa zu Industriearbeiterinnen?

Nina George: Das ist eine gute Frage. Weil sie dazu leitet, welche Vorstellungen haben wir von Künstlerinnen und Künstlern ganz allgemein. Die werden von der Muse geküsst und schon pinkelt man sein Werk heraus. Das kann doch keine Arbeit sein. Und erstaunlicherweise sind wir wahrscheinlich selber dran schuld. Wir haben nie darüber gesprochen, wie Bücher entstehen, wer daran noch beteiligt ist. Angefangen bei der Autorin, aber die ist schon, wenn sie die Idee hat, nicht mehr allein. Und deswegen ist den meisten das Leben von Künstlerinnen und Künstlern so unfassbar egal. Daran muss man etwas verändern. Mit dem Bücherfrauen mache ich eine Seite, die nennt sich „buchorchester.de“. Da erklären wir, wie viel Arbeit hinter einem Buch steckt. Und so versuchen wir das Licht anzumachen. Ich glaube alles, was uns Menschen betört und verführt, ist mit unendlich harter Arbeit verbunden, aber sie darf nicht sichtbar sein.

UZ: Vielen Dank für das Gespräch.


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Leserbrief zu Artikel »Wut macht Mut«, UZ vom 2. November 2018





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