Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 2. November 2018

Zwangsarbeit
Die Völklinger Hütte im Saarland, mittlerweile gehört sie zum Weltkulturerbe, erinnert mit einer eindrucksvollen Installation an die Zwangsarbeiter während der faschistischen Zeit. Zwar war das Eisenwerk seit seiner Gründung ein kapitalistischer Großbetrieb, aber die Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen während des 2. Weltkriegs waren unmenschlich, also typisch für das faschistische Regime. Ab dem 1. November ist eine vom französischen Künstler Christian Boltanski geschaffene Installation zu sehen. Er hat ein Kunstwerk gestaltet aus eng gestellten Wänden des Archivs der Erinnerungen, das aus unzähligen aufeinander gestapelten Archivkisten besteht. „Hier und da ist eine Nummer zu erkennen, schwarze Hosen und Jacken formieren sich zu einem Kleiderberg. Die geflüsterten Namen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die aus allen Ecken der Installation erklingen, lösen einen Schauer aus“, heißt es im Text der Hütte. Nach Angaben der Völklinger Hütte waren während des Zweiten Weltkrieges 12 393 Männer, Frauen und Kinder aus 20 Ländern als Zwangsarbeiter in der Völklinger Hütte registriert. 261 von ihnen hätten ihr Leben verloren, darunter 60 Kinder. Träger der gesamten Anlage ist eine gemeinnützige GmbH, deren Gesellschafter das Bundesland ist.

Knastzeitung
Die Berliner Gefangenenzeitung „der lichtblick“ informiert seit 50 Jahren über den Alltag in den Haftanstalten der Republik, besonders aus dem Männergefängnis Berlin-Tegel. Sie rechne nicht damit, dass die Themen ausgehen, schreibt die Redaktionsgemeinschaft in der Jubiläumsausgabe. Es bleibe Aufgabe, auf Missstände hinzuweisen. Es geht um den Gefängnisalltag, Rechtspolitik, Resozialisierung und Strukturprobleme im Vollzug. Beschämend ist, dass es bundesweit einmalig ist, dass eine Gefangenenzeitung nicht zensiert wird. Wenn überhaupt in anderen Knästen eine ähnliche Initiative besteht, so muss sie mit Auflagen und Schikanen rechnen. Am 25. Oktober 1968 erschien die erste Ausgabe. Heute ist es die bundesweit auflagenstärkste Gefangenenzeitung mit mehr als 8 000 Exemplaren. „der lichtblick“ erscheint mindestens vier Mal im Jahr. Bezeichnend für die spezielle Situation ist der „Eigentumsvorbehalt“. Zitat: „Diese Zeitung bleibt Eigentum des Absenders, bis sie der/dem Gefangenen persönlich ausgehändigt wurde. Bei Nichtaushändigung, wobei eine ‚Zur-Habe-Nahme‘ keine Aushändigung darstellt, ist sie dem Absender unter Mitteilung des Grundes zurückzusenden.“ Die Redakteure sind Strafgefangene in Berlin-Tegel.

Medienpreis
Journalisten gründeten vor zehn Jahren den Verein „Neue Deutsche Medienmacher“. Zum Jubiläum wurde ein Medienpreis vergeben, der nicht nur einen schönen Namen trägt, sondern vom dem zu hoffen ist, dass er noch einige Male berechtigt vergeben wird. Der Preis „Die goldene Kartoffel“ soll für besonders einseitige oder misssratene Berichterstattung über Flucht, Fluchtursachen, Migration und die Situation der hier lebenden Flüchtlinge vergeben werden. Zu recht erhält als erster Preisträger „Bild“-Chef Julian Reichelt den Preis. Wie es in der Begründung der Jury heißt, habe die „Bild-Zeitung“ unter seiner Führung nochmal einen „besonderen Drall“ bekommen. Weiter heißt es, „weil Vorurteile und Stereotype transportiert werden und weil oft Panik gemacht wird und doppelte Standards angelegt werden“. Genügend Kollegen aus dem Verein waren der Meinung: „An Julian Reichelt kommen wir nicht vorbei.“ Bei der Suche nach einem passenden Namen für den Medienpreis habe man die Kartoffel als passend für die Auszeichnung gefunden: „Sie ist für besonders unterirdische Berichterstattung, weshalb die Kartoffel passt. Zum anderen ist es auch so, dass die Kartoffel selbst eine Einwanderungsgeschichte hat, obwohl sie heute stellvertretend für die deutsche Küche steht. Die Kartoffel stammt ja aus Südamerika.“


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 2. November 2018





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