Null Emissionen?

Mit Elektro-PKWs wird auch nicht alles gut
Von Alfered Hartung
|    Ausgabe vom 2. November 2018
Um die E-Autos in wenigen Minuten zu laden, muss der Bedarf für 100 Einfamilienhäuser in kurzer Zeit aus dem Kabel kommen. (Foto: [url=https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Berlin_-_Potsdamer_Platz_-_E-Mobility-Charging.jpg]Avda[/url])
Um die E-Autos in wenigen Minuten zu laden, muss der Bedarf für 100 Einfamilienhäuser in kurzer Zeit aus dem Kabel kommen. (Foto: Avda / Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Elektroautos sind der Renner. Zumindest in der Diskussion über die Zukunft der Branche. „Wir tauschen bis 2030 weltweit 500 Millionen Verbrenner gegen 500 Millionen Elektroautos, und alles ist paletti!“ So etwa lauten die Behauptungen von Automobilindustrie, Regierung und vieler Medien. Die Fakten sehen allerdings anders aus.
Als erstes muss hier der Slogan „null Emissionen“ kritisiert werden. Denn die Emissionen entstehen zwar nicht beim Fahren, aber die Energie muss vorher in die Batterien geladen werden. Und dazu braucht man Strom aus dem Netz, dessen Erzeugung alles andere als emissionsfrei ist.
Viel Strom braucht man auch bei der Produktion der Batteriezellen. Bei einem Anteil von 50 Prozent fossiler Energieträger am Strommix wie in Deutschland emittiert ein Elektro-Pkw mit einer 100kWh-Batterie schon 15 bis 20 t CO2, bevor er zum ersten Mal gestartet wird. Werden die Batteriezellen in Korea, China oder demnächst im „Kohleland“ Polen gefertigt, sind es noch deutlich mehr. Unter diesen Bedingungen verursachen Elektro-Pkw dann über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg nicht wesentlich geringere CO2-Emissionen als normale Benzin- oder Diesel-Pkw. In diesem Punkt hat VW-Chef Diess Recht, wenn er im Interview mit der „SZ“ sagt: „Sie stellen nicht auf Elektro um, sondern auf Kohlebetrieb. Das liegt am Strommix.“ Doch seine Konsequenz daraus ist mehr als daneben: „Wir werden stattdessen mehr große SUV mit Verbrennermotoren bauen, an denen wir relativ viel verdienen. Und daneben klimaschonende, aber recht teure E-Autos herstellen, die für das Flottenziel wichtig sind.“ Wir meinen: Wenn schon E-Pkw, dann kleine, leichte und kostengünstige Modelle. Die für große Limousinen und SUV notwendigen großen Batterien machen alles noch schlimmer.
Aber die Energie ist nicht das einzige Problem der E-Auto-Batterien. Hinzu kommt der Bedarf vieler seltener Rohstoffe, an erster Stelle Lithium, Kobalt und Nickel. Dazu kommt, dass diese Rohstoffe oft mit erheblichen negativen Umweltauswirkungen und unter skandalösen Arbeitsbedingungen gefördert werden. Zum Beispiel Kobalt: Das Metall kommt vor allem aus dem Kongo. Amnesty International hat darauf hingweisien, dass dabei massiv Kinderarbeit eingesetzt werde. Und nicht nur im „unkontrollierten Kleinbergbau“, wie die beteiligten Tech-Konzerne Apple, Samsung, Sony und auch die deutschen Autokonzerne BMW, Daimler und Volkswagen gerne behaupten. Auch in den Minen des weltgrößten Kobalt-Förderers Glencore stellte die internationale Gewerkschaftsvereinigung „IndustriALL Global Union“ systematische Verstöße gegen Menschen- und Arbeiterrechte fest: „Die Behandlung der Arbeiter und die Beschäftigungsbedingungen sind nichts anderes als Sklaverei.“
Ein weiterer Knackpunkt ist neben dem hohen Preis besonders die unzureichende Infrastruktur an Ladesäulen. Die Bundesregierung will hunderte Millionen locker machen, damit an allen bewirtschafteten Rastplätzen mindestens zwei Schnellladepunkte entstehen. Das ist erstens ein technisches Problem: Um die Autos in wenigen Minuten zu laden, muss der Bedarf für 100 Einfamilienhäuser in kurzer Zeit aus dem Kabel kommen. Die Stecker werden dabei so warm, dass Kühlsysteme eingebaut werden müssen. Und zweitens ist es nicht gerade billig: 100000 bis 150 000 Euro kostet laut ABB oder Siemens jede dieser Hochleistungs-Zapfsäulen. Wer soll’s bezahlen?
Viele Fragen, bisher wenig konkrete Antworten. Damit soll keinesfalls einem „Weiter so“ das Wort geredet werden. Die Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors liegen noch immer auf dem Niveau des Jahres 1990 und stiegen in den letzten beiden Jahren sogar wieder an.
Für eine wirkliche Veränderung muss aber mehr passieren als nur der Wechsel des Antriebssystems – weg vom Verbrenner, hin zum Elektro-PKW. Dafür ist vielmehr eine Verkehrs- und Mobilitätswende mit weniger Verkehr nötig. Hierzu reicht es auch nicht, sich ausschließlich um den Autoverkehr zu kümmern.
Wir Kommunisten meinen: Die Förderung einer ökologischen Mobilität darf sich nicht allein an dem von der Autolobby erzeugten Elektroauto-Hype, inzwischen ergänzt um die Digitalisierung und das autonome Fahren, orientieren. Nötig ist ein gesamtgesellschaftlicher Rahmenplan für eine ökologische, soziale und sichere Mobilität. Dafür braucht es den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und die „smarte“ Vernetzung bestehender Verkehrsträger mit dem Individualverkehr. Darin haben dann auch Elektro-Autos ihren Platz. Gefördert werden sollte ein „Umbau“ der Automobilindustrie, bei dem nicht ausschließlich der Profit der Autokonzerne zählt und wieder einmal die Beschäftigten die Zeche zahlen müssen. Der in der letzten Tarifrunde begonnene Einstieg in die Arbeitszeitverkürzung sollte dafür auf alle Beschäftigten erweitert und um den notwendigen Lohnausgleich ergänzt werden. Dafür wäre aber sehr viel mehr Einmischung und Druck von unten nötig.


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Leserbrief zu Artikel »Null Emissionen?«, UZ vom 2. November 2018





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